Kultur : Die Wagemutige

Kühle, Rebellion, Ekstase: zum Tod der Bergman-Schauspielerin Ingrid Thulin

Christiane Peitz

„Schwellkörper. Das ist eine Frage von Blutüberfüllung und Schleim. Eine Beichte wie vor der letzten Ölung: Ich finde, der Samen riecht schlecht. Was kann ich für meine empfindliche Nase.“ Der Ekel vor dem Sex: Ingrid Thulin spricht ihn aus, in „Das Schweigen“ von 1963, jenem Meisterwerk von Ingmar Bergman, das Skandal machen sollte.

Den Schock der Sexualität hat der schwedische Protestant Bergman niemals verharmlost – und keine andere seiner Schauspielerinnen hat den Komplex aus Begierde und Abscheu so verkörpert wie Ingrid Thulin. Im „Schweigen“ spielt sie Esther, die todkranke, kettenrauchende Übersetzerin, die sich ekelt vor der Sinnlichkeit ihrer Schwester, die die Tyrannei des Körpers kennt, den Satz vom Schwellkörper sagt und im Bett masturbiert, aus Eifersucht und aus finsterer Lust.

Ingrid Thulin. Es gibt ein Bild von ihr mit Ingmar Bergman bei den Dreharbeiten für „Schreie und Flüstern“. Da steht er hinter ihr und streichelt mit zärtlicher Konzentration ihre Wange. Und Ingrid Thulin senkt den Blick – ein strenges, versonnenes, wunderschön ebenmäßiges Antlitz.

Es ist ein seltenes Bild, ein selten freundlicher Moment. In seiner Autobiografie erwähnt der schwedische Regiemeister Ingrid Thulin mit keinem Wort. In seinem Buch „Bilder“ widmet er ihr nur belanglose Bemerkungen. Noch 1983, bei seinem Dokumentarfilm „Nach der Probe“, hat er sich schrecklich mit ihr gestritten. Dabei wirkte sie, genau wie Liv Ullmann, in acht seiner Filme mit und spielt darin einige der größten, radikalsten, wahnsinnigsten Szenen: Ehekriege, Frauendramen, Tragödien der Einsamkeit. Er traute – und mutete – ihr mehr zu als den anderen, seiner Lieblingsschauspielerin Liv Ullmann, Eva Dahlbeck, Bibi und Harriet Andersson, Gunnel Lindblom oder Ingrid Bergman.

Ingrid Thulin verkörpert Kühle, Rebellion – und Ekstase. Bergman hatte die 1929 geborene Schwedin Anfang der Fünfzigerjahre beim Theater in Malmö kennen gelernt. 1957 ist sie die Marianne in „Wilde Erdbeeren“, eine schon in jungen Jahren vom Leben betrogene Frau. 1961 ist sie Märta, die panisch Liebende in „Licht im Winter“, Bergmans Abrechnung mit der Abwesenheit Gottes. Darin spricht sie einen langen Liebesbrief direkt in die Kamera, mit bitterem, offenem Gesicht. 1963 dann die Kranke in „Das Schweigen“, die Blut spuckt und um Atem ringt. Und 1972 Karin in „Schreie und Flüstern“, die das kalte Schweigen des Ehemanns nicht mehr erträgt, beim Abendessen ein Glas zerbricht und sich die Scherben später in die Vagina schiebt. Ein stiller Wutanfall, ein Akt masochistischer Raserei: die Totalverweigerin.

Ingrid Thulin ist die fragilste und zugleich die stärkste Frau in Bergmans filmischem Universum. Keine sonst, die den Betrachter so unvermittelt anschaut, mit großen, fordernden, entwaffnenden Augen. Ein Blick, dem kaum standzuhalten ist.

Natürlich waren die Bergman-Filme nicht alles. Thulin hat mit Luchino Visconti „Die Verdammten“ gedreht, ihr rund 60 Filme umfassendes Arbeitsleben enthält auch Hollywoodstreifen. 1988 war sie, nicht zum ersten Mal, zu Gast bei der Berlinale, mit Marco Ferreris „Haus des Lächelns“. Darin stellt sie eine verliebte Altersheimbewohnerin dar: auf der Leinwand eine würdig unwürdige Greisin, auf dem Podium eine heitere Diva. Seit Anfang der Sechzigerjahre lebte sie in Rom, in den Neunzigern zog sie sich zurück; wegen ihrer Krebserkrankung war sie zuletzt nach Stockholm zurückgekehrt.

Die Unbedingtheit ihrer Bergman-Heldinnen hat sie in keiner ihrer übrigen Rollen erreicht. Wenn Liv Ullmann meist das lebensfrohe Alter Ego Bergmans verkörpert, verleiht Ingrid Thulin seiner Schattenseite Ausdruck, dem Unbegreiflichen, Unversöhnlichen, Animalischen auch. So war sie eine großartige, unheimliche Schauspielerin.

Und doch ist da, bei aller Unerbittlichkeit, immer auch die Zärtlichkeit. Es stimmt ja nicht, dass Thulin im „Schweigen“ nur Kälte ausstrahlt. Ausgerechnet ihr überlässt Bergman auch die wenigen tröstlichen Momente dieses nachtschwarzen Films. Esther hört Bachs Cembalomusik und vermag es, sich in der Fremde mit dem Hoteldiener zu verständigen. Am Ende hinterlässt sie ihrem Neffen einen Brief, ein kurzes Vermächtnis, in dem sie zwei Wörter aus der fremden Sprache übersetzt: Gesicht und Hand. Das, womit wir einander doch begreifen und nahe kommen können. Am Mittwoch ist Ingrid Thulin mit 74 Jahren in Stockholm gestorben.

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