Kultur : Die Wahl der Qual

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über eine

ereignisreiche Literaturwoche

Die Leipziger Buchmesse steht vor der Tür, – siehe Bericht auf der nebenstehenden Seite – und weil Leipzig liest, liest Berlin mit: Zahlreiche Autoren machen hier Station. Es herrscht ein heilloses Gedränge. Pawel Huelle fährt heute Abend mit einem „Mercedes Benz“ (Beck) bei der Literaturwerkstatt (20 Uhr) vor. Der Untertitel seines Romans ruft völlig zu Recht den großen Bohumil Hrabal an. Denn Huelle häuft genau wie Hrabal abgründige Slapsticks aufeinander. Sein schwadronierender Erzähler ist ein Fahrschüler des höchst attraktiven Fräuleins Ciwle und steuert jede Mülltonne an, solange er schweigt. Darf er aber erzählen, fährt er wie ein junger Gott. Wovon erzählt der Mann wohl? Natürlich von Unfällen. Zur selben Zeit lässt der Ungar László Marton , der auch auf Deutsch wunderbar liest, im Literaturhaus „Die schattige Hauptstraße“ (Zsolnay) auferstehen. Auf ihr verkehren die Toten: Marton erweckt zum Leben, wer in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts von dem Kleinstadtfotografen Ignác Halász aufgenommen wurde und danach in den KZs der Nationalsozialisten starb.

Polen, Ungarn, Griechenland: Aus diesen Ländern stammen die Autoren der dritten Veranstaltung am 18.3. Anna Bolecka („Lieber Franz“, Suhrkamp), Zsolt Láng und Pavlos Matessis („Die Tochter der Hündin“, Hanser) unterhalten sich im Georg Büchner Buc hladen (Wörther Str. 16, Prenzlauer Berg, 20 Uhr) über „Neues Europa – alte Identitäten?“ Donald Rumsfeld ist nicht geladen, er hat Schlechteres vor.

Am 19.3. der nächste Dreierpack: „Russische Welten“ in der Akademie der Künste (20 Uhr) mit Daniil Granin („Peter der Große“, Volk & Welt), Tatjana Tolstaja („Kys“, erscheint im Juli bei Rowohlt) und Viktor Jerofejew („Männer. Ein Nachruf“, Kiepenheuer & Witsch). Zweitens: Ukrainischamerikanische Welten am selben Tag im Literarischen Colloquium (20 Uhr): Jonathan Safran Foer liest aus seinem Überraschungserfolg „Alles ist erleuchtet“ (Kiepenheuer & Witsch), in dem ein junger Amerikaner in der Ukraine nach Spuren seiner im Holocaust umgebrachten jüdischen Vorfahren sucht. Ein aberwitziger „Enkelroman“ über das Grauen der Judenvernichtung. Drittens am 19.3.: Wiener Unterbewusstseinswelten mit Wolf Haas und „Das ewige Leben“ (Hoffmann & Campe, Roter Salon der Volksbühne, 20 Uhr) Den Mann muss ich nicht vorstellen, sein Krimi beginnt auf vertraute Weise: „Jetzt ist schon wieder was passiert. Und ob du es glaubst oder nicht. Zur Abwechslung einmal etwas Gutes.“

Vorletztes Schmankerl: Wilhelm Genazino , der am 18.3. in der Akademie der Künste (20 Uhr) mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet wird und ein versonnener Bruder von Pawel Huelle ist, liest am 20.3. im Buchhändlerkeller (21 Uhr) aus „Ein Frau, eine Wohnung, ein Roman“ (Hanser). Drei Dinge – das wusste schon eine Pfeifenwerbung – braucht der Mann, doch sind sie allesamt nicht leicht zu erlangen, gerade für den, der ins Schreiben vernarrt ist. Die zahlreichen Demütigungen des Lebens rächt der Literaturliebhaber konsequent: „Warte nur ein Weilchen, dann schreibe ich auch über dich.“ Und jetzt zwänge ich noch Elias Khoury („Der geheimnisvolle Brief“, Beck) hinein. Der Libanese eröffnet mit einer Lesung aus seinem Roman „Das Sonnentor“ über palästinensische Flüchtlinge eine große Reihe im Haus der Kulturen der Welt (21.3., 18 Uhr), auf die ich noch zurückkomme.

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