Kultur : Die wahre Kunst der Überschreitung

Friedrich Dieckmann

Vier verschiedene Nutzungsbereiche sieht das Votum der Kommission Historische Mitte für ein künftiges Gebäude auf dem Areal des einstigen Schlosses vor: zwei museale Nutzungen verschiedenen Umfangs, dazu eine Bibliothekszone für die Landesbibliothek und einen Komplex aus Sälen und Auditorien verschiedener Größe, der in Verbindung mit Restaurants und Ausstellungsflächen die Publikumsoffenheit des alten DDR-Palasts erneuert.

Es wäre denkbar, die ästhetisch relevante Spreefassade des DDR-Palasts zu erhalten; wünschenswert wäre es, wenn der aus dem Schlossgrundriss heraustretende und für die deutsche Revolutions-, Demokratie- und Nationalgeschichte gleichermaßen bedeutsame Volkskammersaal des Palastes der Republik erhalten oder wiederhergestellt würde. Das Kommissionsvotum hat das nicht gefordert, aber die Möglichkeit dazu positiv offen gelassen. Indem es Vorgaben formuliert und Freiräume offen lässt, ist es in besonderem Maß dazu angetan, architektonische Fantasie herauszufordern. Denn es ist ja ein Irrtum zu glauben, dass Einschränkungen die schöpferische Entfaltung lähmen. Die wahre Kunst zeigt sich an der Fähigkeit, Voraussetzungen zu transzendieren, indem man sie sich zu eigen macht.

Schon deshalb bedeuten die Vorgaben der Kommission keine "Absage an die Gestaltungsfähigkeit heutiger Architektur", wie nicht nur die Zeitschrift "Bauwelt" befürchtete. Weder der Rückgriff auf Schlüter und Eosander noch der auf Schinkel in Gestalt der von der Kommission gleichfalls empfohlenen Wiedererrichtung der Schinkelschen Bauakademie hätte einen solchen Akzent. Die Wiedervergegenwärtigung großartiger kultureller Leistungen der Geschichte könnte nur dann als eine Beeinträchtigung zeitgenössischer Architektur gelten, wenn von der einen oder der andern Seite ein Totalitätsanspruch auf die Lösung städtebaulicher Fragen erhoben würde oder wenn die Architektur der Gegenwart sich gegenüber ihren Vorgängern für prinzipiell unterlegen halten müsste.

Beides ist nicht der Fall; nicht zuletzt der Schultes-Bau am Tiergarten, das Piano-Kollhoff-Jahn-Ensemble hinter dem Potsdamer Platz oder ein Bauwerk wie der ebenso integrative wie exzeptionelle Rogers-Komplex an der Linkstraße zeigen die architektonische Gegenwart in Berlin auf der Höhe ihrer Möglichkeiten. Sie zu entfalten setzt aber den angemessenen Ort, die zuständige städtebauliche Position voraus; das haben auch Axel Schultes und Charlotte Frank erkannt, als sie unlängst den Versuch machten, Schlütersche Hoffassaden einem dem Schloss-Prisma entgegnenden Korpus zu implantieren, der sich vermöge eines großen Ehrenhofs wie ein Über-Schloss ausnahm.

In der älteren wie der neueren Baugeschichte gibt es bedeutende Vorbilder für eine architektonische Haltung, die sich dem historisch besetzten Ort anzupassen weiß. Als Richard Paulick um 1965 in Berlin das vollständig abgerissene Kronprinzenpalais als Lindenpalais in seiner Außengestalt und der Struktur einiger Innenräume von neuem errichtete, war das kein Affront gegen die Moderne, die sich zur gleichen Zeit überaus raumgreifend im Berliner Stadtkern erging, sondern die Folgerung aus der Einsicht, dass an dieser Stelle - in unmittelbarer Nähe des von ihm erneuerten Knobelsdorff-Baus - ein zur Gänze zeitgenössischer Bau fehl am Platz sei. Derselben Einsicht folgte die Wiedererrichtung des bis auf wenige Reste zerstörten Prinzessinnenpalais als Operncafé durch denselben Architekten, dem mit dem Palaisgarten und dessen südlichem Abschluss eine sich an das Erneuerte großartig anschmiegende Neuschöpfung gelang.

Der barocke Schlosskorpus ist von noch größerem Gewicht als diese beiden Palais. Wäre Graffunders Volkspalast funktionsfähig geblieben, hätte man andere Voraussetzungen an dieser Stelle; da er weitgehend demoliert ist, sollte in einer Stadt, die der architektonischen Gegenwart seit 1990 so außerordentlich viel Raum gegeben hat (auch östlich des Schloss-Areals regiert die Moderne und wird es in Zukunft am Alexanderplatz noch sehr viel herrischer tun), die Anlehnung an den Schlossbau nicht als Missachtung aktueller Schöpferkraft missverstanden werden können. Die städtebauliche Lösung, die Schlüter und Eosander fanden, also die Position dieses von zwei Höfen durchlichteten Großkörpers als Brückenglied zwischen den beiden Flussarmen und in schräger Verlängerung der Linden-Promenade, hat sich über die Zeiten hin und gerade auch an dem zu DDR-Zeiten unternommenen Versuch ihrer Aufhebung als die richtige erwiesen; wie sich zeigt, gibt es zu ihr keine vernünftige Alternative. Erkennt man aber, dass Schlüters und Eosanders Raummaße an dieser Stelle in einem grundlegenden Sinn stimmen, in Bezug auf die beiden Wasserarme, aber auch angesichts der Tatsache, dass seit dem Bau der Kaiser-Wilhelm- (später Liebknecht-) Brücke eine breite Verkehrsader Schlossareal und Lustgarten voneinander trennt, dann ist es nur ein Schritt bis zu der Einsicht, dass es unstimmig wäre, eine solche vom Hochbarock gefundene und entwickelte Raumfigur mit zeitgenössischen Fassaden zu umkleiden.

Die Tilgung der historischen Disposition im Namen einer radikalen Moderne ist der DDR-Architektur mit dem Ensemble aus Republik-Palast und Außenministerium missglückt, weil sie die elementaren Gegebenheiten des Stadtraums zwischen den Wasserarmen ignorierte. Setzt man, von Erfahrung belehrt, diese Gegebenheiten wieder in ihr Recht ein, so sollte sich die historische Abkunft der ihnen gerecht werdenden Grundgestalt auch im Äußern des Baus zu erkennen geben.

Aus der Defensive heraus, in die die zeitgenössische Architektur gegenüber der gesellschaftlichen Rezeption geraten ist, neigen manche ihrer Protagonisten - bei weitem nicht alle - zu einer Überempfindlichkeit, die in jeder nicht rein denkmalpflegerisch zu begründenden Rekonstruktion den Versuch wittert, die Gesellschaft darüber zu täuschen, dass eine grundlegend veränderte Technologie es objektiv unmöglich macht, der Architektur die spezifischen Qualitäten alter Baukunst abzufordern. Sogar das Argument von der Vorspiegelung einer "heilen Welt" ist zu hören, als ob die Welt, in der Schlüter und Eosander, Bähr und Pöppelmann bauten, "heiler" gewesen sei als die unsrige und als ob es das Wesen gegenwärtiger Architektur sei, die Welt als unheile und unheilvolle durchschauen zu lassen.

Auf der andern Seite befürchten Denkmalpfleger von Rekonstruktionen manchmal eine Verundeutlichung des für sie zentralen, obschon theoretisch gar nicht leicht zu fassenden Begriffs des architektonischen Originals und damit eine Schwächung ihrer Arbeit für die Erhaltung gefährdeter historischer Bausubstanz. Aber man muss nicht besorgen, dass diese in Zukunft leichter vernachlässigt werden würde als bisher, weil Interessenten darauf verweisen könnten, dass spätere Generationen das Verlorene neu erstehen lassen. Im Gegenteil: Der enorme Aufwand solcher Erneuerungen wird dazu beitragen, die Achtung und Ehrfurcht vor der bewahrten Substanz zu erhöhen, und so der Denkmalpflege ihr vielfach behindertes Werk erleichtern. Wo ein Altes sich als so wertvoll erweist, dass man es von neuem baut, wird es schwerer, das erhaltene Alte gering zu schätzen.

Die Besorgnisse, die sich in beiden Bereichen artikulieren, werden gelegentlich durch die ungemein deutsche Neigung verstärkt, ästhetische Fragen vor allem deduktiv zu lösen, von absolut gesetzten Grundsätzen und einer vorausgesetzten Verallgemeinerung her statt aus den komplexen Anforderungen des besonderen Falls. Entwarnung ist angebracht: Das Kommissionsvotum hat weder im Sinn (und es wird auch nicht zur Folge haben), den Begriff des Baudenkmals zu entwerten noch die aktuelle Architektur der Unzulänglichkeit zu zeihen. Es geht einzig darum, an authentischer Stelle einem großartig Gelungenen und zwiefach Kriegszerstörten auf ebenso bedachte wie zweckmäßige Weise den Raum der Erneuerung zu geben.

Die Anforderung, die Berlins Mitte an eine Republik stellt, deren Hauptstadt hier liegt, ist nicht mehr und nicht weniger als die Vollendung jenes enormen Aufbauwerks, das 1950 mit Zeughaus und Humboldt-Universität einsetzte, nach und nach das gesamte, gänzlich in Trümmern liegende Friedrichsforum mitsamt der Neuen Wache zurückgewann und mit dem Wiederaufbau des Alten Museums (mit einem alten Innenraum und vielen neuen) 1966 nur vorläufig zum Abschluss kam. Dom und Neues Museum blieben jahrzehntelang halbe Ruinen, und den Platz des abgetragenen Schlosses nahm, nachdem man den Raum durch den Riegel des Außenministeriums nach Westen hin wie mit einer hohen Mauer geschlossen hatte, der große Volkspalast ein. Der Riegel ist verschwunden, der Dom-Wiederaufbau vollendet, das Neue Museum ersteht von neuem, und der Palast ist inzwischen selbst eine Ruine; so ist es hohe Zeit, den Kreis zu schließen und das vor fünfzig Jahren, in einer drückenden Notzeit, begonnene Aufbauwerk zu Ende zu führen, von bewährten Grundsätzen geleitet und durch geschehene Irrtümer belehrt.

Nach innen, aber auch nach außen wird das intendierte Bauwerk eine spannungsvolle Verbindung aus den Architekturgestalten verschiedener Epochen bilden. Nicht als Pasticcio, eher als Collage, falls man diesen Begriff aus der Bildenden Kunst ins Räumliche übertragen könnte, wird sie den Betrachter auf die Wechselfälle deutscher wie Berliner Geschichte verweisen, nicht in einem polemisch-didaktischen, sondern in einem ästhetisch produktiven Sinn; auch im alten Schloss gab es ja das Nebeneinander stilistisch divergierender Partien. Für die zeitgenössische Architektur ist dies eine reizvolle Aufgabe, die allerdings die an solchen Kompositionen interessierte Hand voraussetzt. Der von der Kommission empfohlene, geladene Wettbewerb erscheint von daher als das angemessene Verfahren, und wenn die, welche dem Ruf folgen, sich nach einem Losungswort umsehen sollten, kann man ihnen Brechts Doppelvers zurufen: "Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand!"

Der Berliner Publizist Friedrich Dieckmann ist Mitglied der Kommission Historische Mitte Berlin, die am 8. März letztmalig tagt.

Am 6. März um 19 Uhr moderiert er im "BKA Luftschloss" auf dem Schlossplatz eine Diskussion zum Thema "Die umstrittene Mitte. Das neue Konzept für das Schlossplatzareal". Es diskutieren Berlins Kultur- und Wissenschaftssenator Thomas Flierl, Hannes Swoboda, Vorsitzender der Expertenkommission, Wilhelm von Boddien, Vorsitzender des Fördervereins Berliner Stadtschloss, und der Architekt Christoph Sattler.

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