Kultur : Die wahren Abenteuer

Die Münchener Musikbiennale überrascht mit einem Grande Finale

Mirko Weber

Wunder gibt es immer wieder, aber nach zwei Wochen Münchner Musikbiennale war eigentlich nicht mehr damit zu rechnen. Zu sehr hatten sich die Beteiligten in jeweils eigenen Produktionsgängen verirrt, wo hinein sie sich gemäß dem Biennale-Motto „Labyrinth-Widerstand“ begeben sollten. Am besten kamen noch Cornel Franz und Alexandra Holtsch davon, weil sie in „Barcode“ listig leugneten, dass es eine verbindliche Formensprache des Musiktheaters noch geben könne. „Barcode“ erzählt eine modern gewendete Ulysses-Geschichte, halb als Musical, halb als Oper.

Das Material besteht aus gesampelten Zitaten von Brahms bis Björk. Sorgsam werden diese von DJ Illvibe und Alexandra Holtsch zerscratcht; die Sänger antworten hochvirtuos. Am Ende wirkt es didaktisch (der Individualist verloren im Wandel der Zeiten!) ein bisschen dick aufgetragen, aber immerhin: eine Biennale-Produktion, die junges Publikum anzieht. Genauso ist es von Biennale-Gründer Hans Werner Henze gedacht gewesen, der nach den Vorstellungen bei Brot und Wein wie ein Herbergsvater darüber gewacht hatte, dass Jugend nachkomme.

Festivalleiter Peter Ruzicka fehlt als Henzes Nachfolger diese Verbindlichkeit, er lässt auch unglückliche Konstellationen zu. Christoph Staudes theatralischer Eröffnungsschiffbruch wäre womöglich vermeidbar gewesen. Tatsächlich ist Staude insgesamt musikalisch erheblich weiter als auf dem Spezialgebiet der Oper, wo er sich in „Wir“ (nach Samjatin) vollkommen negativ aufgeladen hat. Staude versuchte sich vergeblich kraftvoll zu befreien.

Es sind die Ästhetizisten, denen Ruzicka ideologisch am nächsten steht, aber das kann gefährlich beliebig werden, wie bei Aureliano Cattaneos Oper „La philosophie dans le labyrinthe“, die ohne dramatischen Zugriff auskommt: Musik im Spiegel ihrer selbst, mal belcantistisch motiviert, mal sciarrinohaft schnarrend, wispernd. Dazu der Minotaurus-Mythos auf der Bühne, nicht unschick, und doch beliebig ausgeleuchtet und konterkariert durch einen als Film laufenden Comic, der die Geschichte von hinten her aufrollt – getanzt wurde auch noch. Alles in allem zu viel für siebzig Minuten.

Dann aber ereignet sich am Schluss der Biennale etwas, was es in dieser Form auf dem Musiktheater noch nicht gegeben hat. Und hingegeben ist man stumm. „Ich bitte Sie, mir zu folgen“, steht auf dem weißen Blatt Papier, das auf einem schwarzen Pult liegt. Darunter ein Buch. Jeder der 200 Zuhörer in der Münchner Muffathalle hat dieses Buch, hat ein Pult, hat eine Leselampe. Das Buch ist groß, weiß und gefüllt mit Buchstaben und Bildern. „Wenn es dunkel wird, hören Sie Klänge, gelesen aus Schrift“, steht weiterhin auf dem Zettel, und dann noch, dass der Klang am Ende in sein Zeichen zurückkehre und dem Zuhörer ewig bleibe. Zudem dürfe er das Buch (inklusive vorab gefertigtem CD-Mitschnitt der Komposition) mit nach Hause nehmen.

Mit zwei Genieblitzen sind hier für „Gramma“, eine Kammeroper des spanischen Komponisten José M. Sánchez-Verdú, die Grenzen abgesteckt (und gleichzeitig aufgehoben). Zum einen sitzt das Publikum unter (!) dem von Rüdiger Bohm geleiteten Luzerner Sinfonieorchester. Zum anderen ist es kein Publikum im klassischen Sinn mehr. Jeder Anwesende wird zu seinem eigenen Regisseur. Eine Bühne existiert nicht. Die wahren Abenteuer sind im Kopf. Sánchez-Verdú liefert den Soundtrack, einen an Lachenmann erinnernden genau kalkulierten, ständig geladenen Knisterklang, kurz vor der Unhörbarkeit, gelegentlich sich aufschwingend zu Vokalisen, dazu kommen diverse Sprechstimmen.

Thematisch verknüpfen sich eine Ulysses-Episode mit der Geschichte von Venus und Adonis, Sentenzen von Augustinus, Platon, Homer und Ovid. Man blättert Seite um Seite und wünscht schon nach fünf Minuten, es ginge wieder an den Anfang des Buches zurück. Kostbarste Momente vergehen im Nu. Die Biennale entlässt ihr Publikum aus dem Labyrinth in die Freiheit der Selbstbestimmung und José M. Sánchez-Verdu, der gerade an einer neuen Oper für Madrid arbeitet, liefert dazu autonomes Material. Freiheit ist immer die Freiheit der Andershörenden. Eine Offenbarung!

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