Kultur : Die Wahrheit der Bilder Moskau: Viele Zuschauer für Chodorkowskij-Film

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Kurz vor 19 Uhr herrscht großes Gedränge im prächtigen Kino „Chudoschestwenny“ am Moskauer Gartenring. Die große Frage lautet: Ist es möglich, im System Putin einen Film zu zeigen, der den Nochpremier und Baldwiederpräsidenten offen attackiert? Der Film handelt vom Oligarchen Michail Chodorkowskij, der kurz davor stand, der reichste Mensch auf Erden zu werden und dessen politische Ambitionen im russischen Gefängnis endeten, wo er wohl auch bleiben wird, solange Putin an der Macht ist.

Schon vor seiner Premiere auf der diesjährigen Berlinale machte der Film des Dokumentarfilmers Cyril Tuschi Schlagzeilen. Tage vor der Aufführung wurde in Tuschis Berliner Büro eingebrochen, Medien mutmaßten, der russische Geheimdienst stecke dahinter. Am Ende war es ein ganz gewöhnlicher Einbruch. Nun feiert „Chodorkowskij“ Russland-Premiere auf einem Dokumentarfilm-Festival, und der Saal ist überfüllt. Dass der Film in Russland einen Verleih finden würde, konnte sich kaum jemand vorstellen.

Trotzdem kam es so, doch nun verkündete Verleihchefin Olga Papernaja, dass die meisten Kinos, die interessiert gewesen seien, nun abgesagt hätten. Die Zeitung „Kommersant“ vermutete, politischer Druck habe verhindern sollen, dass der Film drei Tage vor den Parlamentswahlen anlaufe. Am Donnerstag ist „Chodorkowskij“ in zehn Kinos in sieben russischen Großstädten angelaufen, mindestens sechs Kinos folgen noch. Papernaja sagte bei der Premiere mit Genugtuung: „Manche Kinos bedauern jetzt schon, dass sie den Film nicht ins Programm genommen haben.“

Anna Pendrakowskaja, Direktorin des Kinobetreibers „Moskino“, bestreitet jeden politischen Einfluss auf ihre Entscheidung, den Film nicht zu zeigen, „Der Verleiher hat uns keine Möglichkeit gegeben, den Film zu sehen, bevor wir ihn ins Programm nehmen konnten.“ „Chodorkowskij“ gilt als „verbotene Frucht“, ein Etikett, das dem Film nutzt. Nail Chabibullin, stellvertretender Direktor des Multiplex-Kinos „Metschta“ in der tatarischen Millionenstadt Kasan, hat sich erst am Montag entschieden, den Film zu zeigen. „Unsere Zuschauer haben uns zuletzt ständig nach dem Film gefragt“, erzählt er.

Am Donnerstag waren bei der ersten Vorstellung 35 von 120 Plätzen seines Kinos besetzt, laut Chabibullin „nicht schlecht“ für einen Wochentag. Für das Wochenende erwartet er ein volles Haus. Er würde sich aber nicht wundern, wenn in den nächsten Tagen das Telefon klingelt, und ein Mitarbeiter des Kulturministeriums entrüstet fragt, warum sie diesen Film zeigen. Denn der Film habe bei den Menschen einen eindeutigen Ruf: „Sie fragen an den Kassen: Ist das wirklich dieser Film, der gegen die Regierung ist?“

Ein Kassenschlager wird „Chodorkowskij“ kaum werden, aber welcher Dokumentarfilm hat in Deutschland zuletzt die Kinos gefüllt? Für Russen bringt der Film ohnehin wenig Neues. Wer sich für Chodorkowskij interessiert, konnte sich bereits im Internet und in Zeitschriften ein Bild machen. Neu ist die naive Ehrlichkeit, mit der sich Cyril Tuschi Chodorkowskij nähert. „Wer bezahlt euch?“, bekam Tuschi zu hören, egal ob er zu Freunden oder Feinden des Oligarchen kam. In einem Land, in dem Journalisten allzu oft Auftragsarbeiter sind, ist es ein kaum vorstellbarer Luxus, nicht auf einer Seite zu stehen. „Nichts Neues“, sah auch Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow, der bei der Premiere im Moskauer Kino saß. „Aber es ist alles wahr.“ Tuschi hetzt von einem Mikrofon zum nächsten. Als er 2005 mit den Dreharbeiten begann, interessierte sich niemand für Chodorkowskij. Jetzt habe sich die Stimmung geändert. „Die Menschen im Kino lachen über Putin. Es ist, als ob des Kaisers Kleider weg wären.“ Moritz Gathmann

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