Kultur : Die Wahrheit ist für Fanatiker

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Steffen Dietzsch schreibt eine kleine Kulturgeschichte des Lügens

Wir lügen leicht, sind aber zugleich leicht beleidigt, wenn man uns belügt. Das ist ein Zwiespalt in uns Menschen von alters her. Lange hat man durchaus damit leben können. Die Griechen etwa, immerhin die Gründer unserer abendländischen Kultur, kannten nicht einmal ein Wort für das, was wir – gläubige wie ungläubige – Christenmenschen Lüge nennen. Das „Lügnerische“ des listenreichen Odysseus etwa ist uns heute noch nahe, und zwar eben nicht als ein Zeichen seiner – womöglich moralisch verwerflichen – Verschlagenheit, sondern geradezu als das seiner lebensklugen Beschlagenheit. Die erweist sich, vor Troja, als siegbringend. Bis in unsere Zeit erscheint uns diese tief im hellenischen Bewusstsein wurzelnde klugheitspraktische Bewertung der Lüge als eine Ausdrucksform des überlegenen Geistes.

Als wir dann lernen mussten, auf christliche Art miteinander umzugehen, avancierte das Lügen zur Todsünde schlechthin. Als Lüge wurde jetzt (vom heiligen Augustinus) alles das genannt, was mit der Absicht, zu täuschen, geäußert wird. Und da dieses Täuschenwollen hauptsächlich sprachlich geschieht, erschien das augenscheinlich als eine Veralberung und Spielerei mit dem Logos als der Verkehrsform Gottes mit uns Menschen. Doch dieses christlichfundamentalistische Gebot Niemals-lügen-zu-dürfen ist angesichts der Unberechenbarkeit des Lebens dann auch lebenspraktisch eingeschränkt worden. Und bis heute unterscheiden wir (mit dem heiligen Thomas von Aquin) bei erlebten und erlittenen Täuschungen die Schadenslüge, die Notlüge und die Scherzlüge.

Wir betrachten also Lüge nicht mehr ausschließlich als Sünde, sondern wir bewerten sie abgestuft je nach dem Schaden, den sie anzurichten, in der Lage ist. Unproblematisch ist demzufolge die Scherzlüge, akzeptabel noch ist die Notlüge, frenetisch abgelehnt aber wird die Schadenslüge. Durch Schadenslügen verformt erscheinen uns heute fast alle politischen Kommunikationsverhältnisse. Politisch Handeln und (Schadens)Lügen scheint gegenwärtig fast ein und dasselbe zu sein. Dabei sind wir mit unseren Maßstäben schon recht bescheiden. Wir verlangen natürlich nicht, dass ein Politiker niemals lügt. Das wäre eine unsinnig abstrakte Forderung. Der sicherheits- oder außenpolitische Umgang zur Aufrechterhaltung unserer Interessen beispielsweise erfordert natürlich eine souveräne Handhabung von Täuschungskompetenz.

Die Lüge als das Vermögen, zu täuschen, ist natürlich auch ein Zeichen sozialer Intelligenz. Insofern sind Abweichungen von der nackten Wahrheit in der Regel gar nicht negativ motiviert. Dieser Regel folgt exemplarisch der Arzt, der den Patienten nicht gleich mit dem factum brutum (einer mortalen Diagnose) konfrontiert. Tatsächlich ist ein Großteil alltäglicher Abweichungen von der Wahrheit nicht asozial, sondern gerade prosozial motiviert. Vom Wahrheitsfanatiker dagegen bleibt häufig nur der Fanatiker in Erinnerung, der, wann immer etwas seiner reinen Moral widerstreitet, über Leichen geht. Die Lüge solcherart als soziale Kraft begriffen, vergiftet also nicht menschliche Beziehungen, sondern schafft soziale Wirklichkeiten. Dem Lügen wohnt eine performative Kraft zur Erzeugung von Gegenwelten inne.

Diese Täuschungspraktiken werden als Schadenslüge im politischen Raum allerdings dann vollends indiskutabel, wenn Recht und Gesetz ignoriert und beschädigt werden, wenn zweitens gesellschaftliche Belange durch Parteienbelange substituiert werden, und drittens, wenn die obersten Maxime unserer politischen Kultur – Konsens und Öffentlichkeit – hintergangen werden.

Das Lügen ist gleichermaßen eine Leidenschaft und sie schafft Leiden. In der Lüge verbinden sich Instinkt, Verstand und Medium. Hannah Arendt hat das Verschmelzen von Öffentlichkeit und Lüge nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive von Krisensituationen westlicher Demokratien beschrieben. Auch hier gilt: Lügen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmannes zu gehören. Ein bemerkenswerter und beunruhigender Tatbestand. Die Öffentlichkeit der Lüge aber verwandelt deren traditionelle Form derart, dass man sich fragen könnte, ob man hier noch zu Recht von Lüge spricht. Die Lüge avanciert zum Normalfall von Kommunikation. Die Lüge verbindet wie eine kommunizierende Röhre Politik und Massenalltag.

Hannah Arendt hat dies in „Die Lüge in der Politik“ untersucht. Hier macht sie die Lügendimensionen der sogenannten Pentagon-Papers namhaft. Es ging um die weltpolitisch doch folgenreiche Frage: Wie sind die Vereinigten Staaten in den (Bürger-)Krieg in Vietnam verwickelt worden? An den Pentagon-Papers ist das Lügenpotenzial auch deshalb so bedenklich, weil hier eine signifikante Tendenz zur kaum korrigierbaren Selbsttäuschung auszumachen ist. Diese Täuschungen hatten frühzeitig schon alle Beziehungen zur von ihnen verdrehten politischen und militärischen Wirklichkeit verloren. Die Lügner spannten sich folgerichtig selber in ein bald unentwirrbares Netz von Folgelügen, das sie praktischerweise irgendwann einfach für die Wirklichkeit hielten. Arendt macht bestürzt deutlich, dass all die stabsmäßigen Lügen kaum je für den Feind gemacht wurden, sondern ausschließlich zur Täuschung nach innen. Genau das aber scheint die bestürzende Mittelmäßigkeit und Tristesse der politischen Lüge quer durch alle Zeiten zu bestimmen.

Der Autor veröffentlichte zuletzt im Insel-Verlag „Über Wahrheit und Lüge“, 97 S., € 11,80

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