Kultur : Die Wahrheit liegt unter der Erde

In Karsten Laskes Film „Hundsköpfe“ graben vier Männer nach ihrer DDR-Vergangenheit

Kerstin Decker

Noch einer von diesen Früher-in-der-DDR-Filmen. Aber eigentlich ist er gar kein DDR-Film, ist er so zeitlos wie eine Geschichte nur sein kann und so gut auch: Dieser Film bringt unsere gewohnten Begriffe durcheinander, die zu einfachen, gedankenlosen Zuordnungen von Gut und Böse. „Good-bye Lenin“ machte aus der Wende eine irrwitzige Klamotte, die Vergangenheit bewältigte er mit Humor. „Hundsköpfe“ geht einen anderen Weg. Mit Ostalgie hat dieser kleine, seine Geschichte lakonisch vortragende Film nichts zu tun, nichts ist spektakulär, manches so provisorisch, so zusammengezimmert wie diese Bungalowsiedlung im Kiefernwald, in der sich vier Männer treffen zu einer seltsamen gemeinsamen Arbeit.

Sie suchen ein Stück Land, einstiges Militärgelände, nach vergessener Munition ab. Ein Golfplatz soll das jetzt werden, möglichst ohne Blindgänger unterem Rasen. Also laufen sie in ihren Schutzanzügen, die Detektoren dicht über der Erde, durch das Gelände, aber was sie auch finden werden – der eigentliche Blindgänger liegt ganz woanders. In der gemeinsamen Vergangenheit dieser nicht mehr ganz jungen Männer. Und alle wissen es. Und wissen es nicht. Es ist fast dasselbe wie mit der alten Munition unter der Erde. Solange keiner daran rührt, passiert nichts. Man kann versuchen, nicht daran zu denken. Ja, über Jahre war es ganz einfach, nicht daran zu denken. Aber jetzt? Sie sind zu viert in diesem seltsam verlorenen Gelegenheitsjob, sie kennen sich von früher, sie waren zusammen bei der Armee. Aber früher waren sie fünf. Einer von damals fehlt.

Es ist nicht gut, diesen Film zu erzählen, denn er zieht uns ganz langsam, auch ein wenig umständlich in etwas hinein, von dem man lange nicht weiß, wo das hin will. Und genau diese Bewegung ist schön, dieses schichtweise Freilegen. Von anderen Filmen sagt man, sie hätten einen „Plot“. Vor Karsten Laskes Film hört sich das Wort so albern an, wie es ist, sobald es wirklich um etwas geht. Karsten Laske, geboren in Brandenburg, der hier nach „Stille Wasser“ (1992) und „Edgar“ (1997) seinen dritten Film inszeniert hat, hat einen Freund. Karsten Laskes Freund war ganz nah, als der Letzte an der Mauer starb. Der Soldat, der die 60 Schuss auf Chris Geffroy abgefeuert hat, lebte mit Karsten Laskes Freund eineinhalb NVA-Jahre lang auf einem Zimmer. Ungefähr so wie die vier Männer im Film, die sich nach zwölf Nachwendejahren wiedertreffen. Und man merkt gar nicht gleich, dass einer nicht mehr da ist. Laske nimmt sich Zeit für diese typische Männer-Wiedersehens-Trinkerrunde, ja, schon wie einer ankommt, ist wichtig.

„Schneewittchen“, Stefan und Christoph mit Lichterketten und den alten Kassetten, dem Ost-Rock von früher, Axel Prahl (der Star aus „Halbe Treppe“), hier „Bussi“ genannt, weil er mal Busfahrer war, mit einem großen Kasten Bier unterm Arm. Es ist wie bei einem Klassentreffen, da mögen noch so viel Jahre vergangen sein, trotzdem verwandeln sich die Männer sofort zurück in die Kumpels von damals, auch die alten Spitznamen sind wieder da.

Auch von „Bussi“ wird man am Ende wissen, wie oft er geschossen hat, natürlich bloß in die Luft, wie er versichert. Welchen Überforderungen liefert einer seine Freunde aus, wenn er abhaut? „Hundsköpfe“ fällt keine Urteile, er stellt Fragen. Die Kamera des jungen Vietnamesen Ngo The Chau wirft immer wieder großäugige Blicke von weit oben hinunter auf das vom Fluss geteilte Land. Vielleicht, weil man von ganz oben schauen muss, um zu sehen, dass aus einer gewissen Höhe keine Tragödie da unten mehr zu erkennen ist.

In Berlin im Alhambra, Tonino, den Neuen Kant Kinos und in den Hackeschen Höfen.

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