Kultur : Die Wahrheiten des Vatikans

Morgen beginnt in Rom das Konklave. Wie reformfähig ist die katholische Kirche?

Hermann Häring

Das Echo auf den Tod des Papstes war enorm, seine Verdienste werden euphorisch beschrieben. Aber jetzt, da man Weichen für die Zukunft stellt, ist nach dem Preis zu fragen, den die katholische Kirche für diesen Mediensturm von 26 Jahren bezahlt hat. Wie soll sie jetzt in einer pluralen und höchst differenzierten Welt mit der einen und unteilbaren Wahrheit umgehen, für die sie steht und die dieser Papst unnachgiebig vertrat? Das Öffentlichkeitsmanagement agierte genial. Botschaften wurden personalisiert und zur programmatischen Selbstpräsentation einer Kirche umstilisiert, die gegenüber der Welt unvermindert einen moralischen, religiösen und christlichen Vorrang beansprucht. Ist die katholische Kirche identisch mit ihrer Botschaft? Diese Frage wurde verdrängt.

Symptomatisch dafür ist die Zensurpolitik, die Kardinal Ratzinger über Jahre kultiviert hat. Die letzten prominenten Opfer waren ein Nordamerikaner (Roger Haight, 2005), ein Europäer (Jacques Dupuis, 2001), ein Inder (Anthony de Mello, 1998) sowie ein Theologe aus Sri Lanka (Tissa Balasuriya, 1997). Obwohl sie kein Jota von einer christlichen Kernüberzeugung abrückten, verloren sie Lehrstühle oder wurden exkommuniziert. An der Universität Nijmegen (Niederlande) soll die international bekannte theologische Fakultät – in Westeuropa die einzige mit stark steigenden Studentenzahlen – auf römische Verordnung hin aufgelöst werden. Das ist ein aktuelles Stück des real existierenden Katholizismus von innen. Spiegel glänzen nach außen.

Dabei sind die veränderten Rahmenbedingungen bekannt. Das rasante Wechselspiel von Globalisierung und Regionalisierung beschäftigt auch Rom. Von gut einer Milliarde Katholiken leben nur noch 25 Prozent in Europa, beinahe 50 Prozent in Lateinamerika, 13 Prozent in Afrika, 10 Prozent in Asien; fast zwei Drittel der Katholiken leben in der südlichen Hemisphäre. Nur in Westeuropa nimmt die Zahl der Katholiken ab. Innerhalb dieser Pluralisierung verzeichnen die Kirchenstrukturen eine gegenläufige Entwicklung. Rom kontrolliert seine Eliten schärfer denn je und arbeitet mit den Sanktionen des 19. Jahrhunderts (Schreib-, Rede- und Lehrverbot, „Bußschweigen“, Abschiebung in andere Länder). Das Gespräch mit bahnbrechenden Theologien wurde ebenso abgeblockt wie mit Erneuerungsbewegungen, die das hierarchische Gleichgewicht zu stören drohen. Theologinnen und kritisch engagierte Frauen stehen ohnehin unter Generalverdacht. Vielerorts gibt es eine Stimmung der Angst. Die große Erweiterung nach außen und die strahlende Zuwendung zu dem, was man gerne „die Welt“ nennt, haben zu einer Verkrampfung nach innen geführt.

Hauptgrund für diese Entwicklung ist die Angst um die innerkirchliche Einheit, deren Verlust seit den Reformationszeiten bis heute traumatisch nachwirkt. Von den Visionen des konziliaren Aufbruchs (1962 bis 1965) und der viel gerühmten Neuentdeckung der Schrift ist nicht viel zu spüren. Die Reformgruppe „Wir sind Kirche“ verweist auf die aktuelle Ratlosigkeit. Wie es wirklich weitergeht, weiß im Augenblick niemand.

Dabei könnte eine kluge Organisation schon helfen. Subsidiarität, wenn nicht gar Föderalismus sind gute Stichworte. Man kann die Führungskompetenzen zu Kontinenten und Ländern hin abstufen, da eine monokratische Kirchengestalt mehr behindert als nützt. Die existierenden nationalen und kontinentalen Bischofskonferenzen sind hervorragende Instrumente der Leitung und Selbstverwaltung; sie müssen nur eigene Verfahrens- und Beschlussrechte bekommen. Muss denn jede Frage in jedem Erdteil gleich gelöst werden? Die bestehende Bischofssynode, die regelmäßig in Rom zusammentritt, kann ihre Arbeit als universales Beratungs- und Beschlussorgan sofort aufnehmen, wenn sie nur zur Repräsentantin der Gesamtkirche aufgewertet und entsprechend besetzt wird. Das oft eingebrachte Argument, die Kirche sei keine Demokratie, überzeugt nicht, denn auch Demokratien sind an unverbrüchliche Normen und Werte gebunden, zu denen in der Kirche eine zeitgemäße Lebenspraxis im Geist Jesu Christi gehört. Warum also können erwachsene Christinnen und Christen in Leitungsfunktionen darüber nicht in gegenseitigem Einverständnis befinden?

Bislang sind solche Vorschläge immer am Hinweis auf die eine und unverfälschte Wahrheit der katholischen Kirche gescheitert. Was aber versteht die katholische Kirche unter Wahrheit? Hier liegt der Kern des Problems. 1870 ist das Schlüsseljahr. Damals hat man dafür gesorgt, dass in Fragen des Glaubens und der Disziplin dem Papst – man halte den Atem an – die volle, höchste, ungeschmälerte, weltweite und unmittelbare Jurisdiktionsvollmacht über alle Kirchen, über alle Bischöfe und über jeden einzelnen Gläubigen zukommt, weshalb er auch – als Folge dieser Rechtsstellung – unfehlbar ist. Aus dieser Bestimmung, die immer noch gilt, spricht das unökumenische, autoritäre und absolutistische Ambiente römischen Selbstbewusstseins. Wer dagegen anrennt, muss aber wissen, dass dieser Führungsanspruch eng mit einer metaphysischen und rationalistisch verkleideten Wahrheitsidee verbunden ist und nur von ihr aus verstanden werden kann. Wahrheit, heißt es da, sei erkennbar, zeitlos und in Satzinhalten objektiv zu fassen, deshalb kann sie nur eine sein, muss sie immer und überall in gleicher Weise gelten. Nach dem Kardinaldekan J. Ratzinger kam die Wahrheit des Christentums erst mit der griechischen Philosophie voll ans Licht, nach Kardinal W. Kasper trifft ein nachmetaphysischer Pluralismus den christlichen Glauben deshalb mitten ins Herz.

Ist das wirklich der Fall? Sollte eine plurale Welt die christliche Botschaft nicht mehr verstehen können? Das wäre absurd. Die Bibel und neuere Philosophien zeigen ein ganz anderes Bild. Wahrheit ist eben keine autoritär theoretische, sondern eine eminent praktische Angelegenheit, die sich auf keine uniforme und bindende Sprachgestalt, auch nicht auf das Glaubensbekenntnis reduzieren lässt. Nach Habermas hat Wahrheit ebenso viel mit Glaubwürdigkeit und gesellschaftlicher Einordnung wie mit formaler Richtigkeit zu tun. Deshalb beziehen Theologen aller Kontinente die christliche Wahrheit inzwischen auf deren jeweiligen Kontext. Dieselbe Wahrheit tritt in Indien anders ans Tageslicht als in Zentralafrika. Wer dies verstanden hat, braucht nicht mehr gegen das Unfehlbarkeitsdogma zu polemisieren, denn angesichts einer pluralen Weltsituation ist es zur Chimäre geworden.

Gerade Christen brauchen darüber nicht zu erschrecken. Im Zentrum ihrer Wahrheitssuche steht nämlich kein Lehrgebäude, sondern die Lebenspraxis einer Person. Nicht wer einen Glaubenssatz memoriert, sondern „wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“ (Joh. 3,12). Eine solche Aussage unterminiert zwar metaphysische Denkgebäude, nicht aber die Vitalität christlicher Wahrheit.

Für Kirche und Papst ergibt sich daraus eine einfache Forderung. Die katholische Kirche braucht eine dezentrale Struktur, die Gemeinschaft fördert und an der Vielfalt von Kulturen orientiert ist. Sie braucht einen Papst, der sich als Garant innerkirchlicher Freiheit versteht und von der Leidenschaft für eine versöhnte Menschheit beseelt ist. Alle Wahrheit hat sich an der Erinnerung an Jesus zu orientieren. Der Papst ist nicht auf mediale Massenevents, sondern auf innerkirchliche Aufgaben zu verpflichten. Es geht um die Garantie einer umfassenden Gesprächskultur und um den Schutz derer, die im Handeln und Denken an den Rand gedrängt sind. Weil eine solche Neuorientierung zugleich das Profil von nationalen und kontinentalen Kirchenführern stärkt, ist die Nationalität des kommenden Papstes zweitrangig. Dann kann es auch ein gesprächsfähiger und in der Selbstrelativierung geübter Europäer sein, der weniger als andere eine völlig neue Rivalität zwischen den Kontinenten in Gang setzen würde. Schließlich versieht der Bischof von Rom zugleich das Amt des Papstes, nicht umgekehrt.

Der Autor, Jahrgang 1937, lehrt Theologie an der Universität Nijmegen.

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