Kultur : Die Wand auf der Leinwand – und dahinter das Meer

PANORAMA Filme über Promis und Namenlose, Schwule und Lesben, Historie und Gegenwart. Und dazu ein Solitär aus Österreich.

Die Sache mit den großen Zahlen ist ganz einfach: Im traditionell buntesten Gemischtwarenangebot unter den BerlinaleSektionen gehen 53 Langfilme aus 37 Ländern an den Start, darunter 20 Dokumentationen. 33 Weltpremieren sind dabei, 16 Filme von Frauen gedreht, es gibt sechs Spielfilmdebüts, und die gesamte Bilderflut, aufgeteilt in die Untersektionen Hauptprogramm, Dokumente und Special, ist in fünf Kinos zu sehen: Cinemaxx 7 und Cinestar7, Friedrichstadt-Palast, International und – zum ersten Mal – im Eventkino im Sony-Center.

Das kleinteiligere Sortieren gestaltet sich schon schwieriger. Versuchen wir’s mit Paarungen. Ob und wie Paare zueinander passen, erweist sich draußen im Leben zuweilen erst nach Jahren, auf dem Festival dagegen in knapper Elftagefrist. Um interdisziplinär international einzusteigen: Wie wär's mit zwei Spielfilmen von Regisseurinnen aus der gewesenen Ostblockwelt, die für ihre neuen Werke, als hätten sie’s so verabredet, weibliche Stars aus dem romanischen Sprachraum gewonnen haben?

Die Polin Malgoska Szumowska erzählt in Elles (der Film kommt unter dem Titel „Das bessere Leben“ Ende März ins Kino) von der langsamen Verstörung einer Journalistin (Juliette Binoche). Für eine Reportage in der Zeitschrift „Elle“ interviewt sie zwei Studentinnen, die in Paris als Callgirls arbeiten – und verändert dabei massiv ihren Blick auf die Männerwelt, ihren Ehemann inklusive. Die Mazedonierin Teona Strugar Mitevska dagegen rückt in The Woman Who Brushed Off Her Tears, mit Spaniens Star Victoria Abril, zwei Frauen- und Familiendramen in den Mittelpunkt.

Welche Wesensverwandtschaft die beiden als besonders wild annoncierten, irgendwie historischen (Science-)FictionFilme Iron Sky und Mai-wei haben, wird gewiss auch erst die Anschauung auf dem Festival lehren. Ersterer, ein Werk des Finnen Timo Vuorensola, der dafür Geld aus den Niederlanden und sogar Australien sammelte, verspricht ein groteskes Politspektakel, bei dem auch die Rückseite des Mondes eine beträchtliche Rolle spielen soll. „Mai-wei“ des Koreaner Kang Je-kiu erzählt von einem Asiaten in deutscher Uniform, den die Alliierten im Zweiten Weltkrieg aufgreifen: Dass der Mann zuvor für die Japaner und die Rote Armee kämpfte und zudem keinerlei abendländische Sprache spricht, macht die Aufklärungsarbeit nicht gerade einfacher.

Auf übersichtlicherem Dokumentarfilmterrain hingegen bewegt sich, wer die traditionell im Panorama liebevoll gepflegten schwul-lesbischen Themen paarweise bündelt. Anak-Anak Srikandi, gedreht von acht Indonesierinnen, schildert Alltag und Nöte queerer Frauen im größten muslimischen Land; Dagmar Schulz’ Audre Lorde berichtet aus den bewegten Berliner Jahren (1984–1992) der schwarzen Dichterin und Professorin. Hinzu kommen zwei Ost-West-Erkundungen aus schwulen Biografien. Stefan Westerwelles Detlef blickt mit Detlef Stoffel, der heute mit seiner 91-jährigen Mutter in Bielefeld lebt, zurück auf ein Leben in der westdeutschen Schwulenbewegung. Markus Steins und Ringo Röseners Unter Männern ergründet anhand von sechs Ost-Biografien, was es hieß, in der Deutschen Demokratischen Republik schwul zu leben.

Da wir, global gesehen, nun schon in regionalen Gefilden sind: Die Dokus über hiesige, mehr oder weniger schillernde Prominenzen lassen sich vor lauter Masse kaum mehr paarweise präsentieren. Dazu zählt etwa Uli M. Schüppels Brötzmann – Da gehört die Welt mal mir über den Gitarristen Caspar Brötzmann, Rosa von Praunheim zeichnet in König des Comics die Lebensspuren des Cartoonisten Ralf König nach, und Andreas Dresen beobachtet, in Herr Wichmann aus der dritten Reihe, was aus seinem uckermärkischen CDU-Jungpolitiker von 2003 geworden ist.

Ein eindeutiger Solitär in diesem biografischen „Helden“-Zusammenhang ist Volker Schlöndorffs Das Meer am Morgen, ein Spielfilm, der sich allerdings ebenfalls aus – gewesener – Realität speist. Der 17-jährige Widerstandskämpfer Guy Môquet ging als französisches Pendant zu Sophie Scholl in die Geschichte ein – sein Abschiedsbrief wird auf Anweisung Nicolas Sarkozys alljährlich an seinem Todestag in den Schulen verlesen. Môquet war der jüngste der politischen Gefangenen, die Hitler zwecks Vergeltung für den Mord an einem deutschen Offizier am 22. Oktober 1941 erschießen ließ. In Schlöndorffs Film spielen auch die Schriftsteller Ernst Jünger und Heinrich Böll eine Rolle – in ihren militärischen Funktionen.

Apropos Solitär: ein Geheimtipp? Der Top-Tipp, dem kein zweiter beiseite gestellt werden kann? Natürlich gibt es ihn so absolut nicht. Aber Julian Roman Pölslers Die Wand, einer der drei österreichischen Filme im Panorama, soll, so heißt es unter Sichtungsspionen, ganz besonders toll sein. Eine Frau (Martina Gedeck) geht eines schönen Morgens von einem Jagdhaus ins Tal, und zwischen ihr und der Restwelt ist plötzlich eine Wand. Oder ist dahinter gar keine Welt mehr? Fortsetzung folgt. Im Kino. jal

Was ist eigentlich aus

Herrn Wichmann geworden? Andreas Dresen erzählt es

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