Kultur : Die Ware Welt

Pionier der Popart: zum Tod des amerikanischen Künstlers Tom Wesselmann

Nicola Kuhn

Das Prinzip ist denkbar einfach. Die Silhouette einer kopflosen nackten Frau in kreischendem Pink, dazu Gegenstände des Alltags wie Radios, Fernseher, Kühlschrank- und Badezimmertüren. Ein Wesselmann lässt sich überall leicht erkennen; und tatsächlich hat der amerikanische Popart-Künstler Werke in allen großen Museen der Welt hinterlassen.Wie kein Zweiter in der Riege der Popartisten beherzigte der Junge aus Cincinnati, Ohio, die Verkaufsweisheit „Sex sells!“ und kombinierte die entsprechenden Attribute – schwellende Schenkel, praller Busen, erigierte Brustwarzen – mit Fetischobjekten der amerikanischen Warenwelt. Das Anfang der Sechziger von ihm entwickelte Motiv der „Great American Nude“ erwies sich als so durchschlagender Erfolg, dass er es Jahre lang immer weiter variierte. Über hundert Arbeiten sollte am Ende die Werkgruppe seiner „Großen Amerikanischen Akte“ umfassen: fortan sein Markenzeichen, beinahe ein Synonym für seinen Namen.

Dabei kam der ehemalige Psychologiestudent aus einer anderen Ecke. Er verehrte Willem de Kooning und Hans Hoffmann, als er 1958 an der Cooper Union School in New York zu studieren begann – und stellte sich bald gegen diese Abstrakten Expressionisten, als die Gegenständlichkeit in der Malerei wieder Einzug hielt. Wesselmann nahm einen ähnlichen Ausgangspunkt wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg und James Rosenquist, die ebenfalls bei der kommerziellen Bilderproduktion Anleihen nahmen und in ihren Anfängen sogar mit Werbung Geld verdienten. Wesselmann selbst – Fünfter im Bunde der „Big Five“ – soll aus Langeweile an der Heimatfront des Koreakrieges mit dem Zeichnen von Cartoons seine Künstlerkarriere begonnen haben.

Dabei lernte er das Einmaleins seiner künftigen Kulissenbilder, in denen er geschickt Elemente der Werbewelt mit Ideen der Kunstgeschichte kreuzte. Er kombinierte das sakrosankte Tafelbild mit Kleenex-Schachteln, Coca-Cola-Flaschen, Marlboro-Zigaretten und lieferte es auf diese Weise den Niederungen des Alltags aus. Aber trotz aller Seitenhiebe auf die hehren Künste liebte der junge Amerikaner den großen Franzosen Matisse und verstand sich mit seinen offensiven Odalisken als einer seiner engagiertesten zeitgenössischen Interpreten. Wo Matisse jedoch Erotik subtil nuancierte, wendete Wesselmann sie bewusst ins Vulgäre, indem er seine Modelle (stets posierte ihm Ehefrau Claire) als Lustobjekte inszenierte, sie auf reine Projektionsflächen reduzierte.

Immer wieder hat man ihm diese Oberflächlichkeit, die Kälte seiner gesichts- und identitätslosen Akte zum Vorwurf gemacht. Wesselmanns Bilder sind bloße Augenweiden, der Betrachter braucht weder zu reflektieren noch zu analysieren. Vielleicht sorgten sie deshalb in den Sechzigern in Old Europe für Furore, wo die Kunst nach dem Krieg noch zu büßen schien und eine düstere Ästhetik dominierte. Die Sammler Peter Ludwig in Köln und Karl Ströher in Darmstadt gehörten zu seinen ersten Käufern in der Bundesrepublik. Die „Great American Nude#98“ ist noch immer eine Inkunabel des Museums Ludwig, auch wenn sie dem heutigen Besucher angestaubt erscheint. Die grellen Farben, der aggressive Sexappeal, die frivole Mischung aus Zigarette, Kleenex-Box, gerecktem Busen und und lustvoll geöffnetem Mund haben ihre Wirkung in Zeiten verloren, in denen nicht mehr das Konsumgut, sondern das Ambiente beworben wird.

Auch Wesselmann hat dies gespürt und seinen manischen Voyeurismus am Ende selbst als Sackgasse empfunden. In einem Selbstporträt überdeckt die Negativform einer weiblichen Brust die Hälfte seines Kopfes. Bei seiner großen Europa-Ausstellungstournee vor genau zehn Jahren, die in Tübingen ihren Ausgang nahm und über Brüssel, Berlin und Barcelona bis nach London führte, konnte man seine Ausweichmanöver studieren, die „Metal Works“. Seit den Achtzigern schuf er Metallarbeiten nach kleinformatigen, improvisiert erscheinenden Skizzen. Sie wurden vergrößert und millimetergenau aus Aluminium- und Stahlplatten geschnitten, die sich dann als farbige Lineaturen reliefartig in den Raum hinein wölben. Trotz ihrer Monumentalität bewahrten die „Metal Works“ sich den Charakter des Momentanen, aber auch sie prägt letztlich der reine Oberflächenreiz.

Am Freitag ist der Pionier der Popart mit 73 Jahren an den Folgen einer Herzoperation gestorben. Kurz vor seinem Tod soll er an einer Serie von Aktbildern gearbeitet haben – im Stil des Abstrakten Expressionismus.

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