Kultur : Die Weber-Werte

Wiederholungszwang: Weimars „Fidelio“ bittet Demonstranten auf die Opernbühne

Jörg Königsdoirf

Der Zeitpunkt ist nicht schlecht gewählt. In der vielleicht allerschönsten Stelle des „Fidelio“, wenn Beethoven kurz vor dem jubelnden Endspurt des zweiten Finales plötzlich die Schicksalsuhr anhält und die eben noch Leidenden, Geschundenen sich - „Oh Gott, welch ein Augenblick“ – ihres wiedergefundenen Gottvertrauens bewusst werden, am Ende ebendieser Stelle bricht am Deutschen Nationaltheater Weimar das wirkliche Leben in die Welt der Kunst ein.

Die Musik bricht ab, die Türen öffnen sich, Demonstranten mit Transparenten beginnen die Bühne zu füllen. Hartz-IV-Empfänger, Bezieher von Sozialgeld, Asylbewerber, sie alle hatte Regisseur Thilo Reinhard über die lokalen Zeitungen wie über den Direktkontakt mit Arbeitsloseninitiativen und Organisationen wie Attac und Greenpeace aufgerufen, in seiner Neuinszenierung des Klassikers lautstark ihren Unmut zu äußern. Während in Dresdens „Webern“ die umstrittenen Parolen noch durch die Schauspieler des Ensembles verkündet wurde, sollten diesmal die Betroffenen selbst vom Leder ziehen dürfen, Volkes Stimme unplugged sozusagen.

Doch leider will das Volk nicht so, wie es die Theaterleute gerne hätten. Zur Premiere haben sich zwar tatsächlich etliche Demonstranten eingefunden, doch ihre Anliegen haben nur wenig mit dem existenziellen Protest zu tun, den sich Reinhard vermutlich erträumt hatte: Denn statt den Entscheidungsträgern des Staates die geballten Fäuste zu zeigen oder wenigstens die eigene Armut provokativ zur Schau zu stellen, geben sich die Protestierer bescheiden: „Stirbt Thüringens größter Indoor-Fasching?“ lautet die bange Frage, die hier die Gemüter bewegt und sich, flankiert von Attac-Wimpelchen, auf der Mehrzahl der Transparente niederschlägt. Glückliches Thüringen, das offenbar keine dringlicheren Probleme hat. Und glückliches Thüringen, wo die Kunst noch respektiert wird. Das Publikum, weit von Empörung entfernt, klatscht den Demonstrierenden verhalten freundlich zu, und die Eindringlinge, die sich offenbar ein wenig unwohl in ihrer Haut fühlen, wagen es ihrerseits mit keinem Mux, den Nachklang von Beethovens Musik zu durchbrechen.

Der Skandal bleibt aus – und ist Aschermittwoch erst mal vorbei, hat sich das Hauptanliegen der Demonstranten ohnehin erledigt. Die Protesteinlage lässt sich freilich auch problemlos aus dem Konzept streichen: Denn statt Beethovens Freiheitsbegriff tatsächlich zu befragen und die Kerker von heute bei McDonald’s oder auf den Fluren eines Sozialamtes zu suchen, bewegt sich die Inszenierung des Berghaus-Schülers weitgehend im Rahmen der landläufigen Gefängnis-„Fidelios“.

Die Atmo erinnert, zeitgemäß zur Retro-Welle passend, an die südamerikanischen Diktaturen der Siebziger (Bühne: Paul Zoller), in Roccos Stube wird mit Elektroschocks gefoltert, und die Bürokraten, die zum Machtapparat des Fieslings Pizarro gehören, verwandeln sich zum Ende des ersten Aktes in ein Terrorkommando im IRA-Styling mit Sturmhauben, MGs und kugelsicheren Westen. Und irgendwann knallen sich, weil ein Happy End nun mal partout nicht erlaubt ist, die Hauptfiguren gegenseitig ab und singen, weil ihnen Beethoven leider noch eine ganze Menge Musik komponiert hat, dann im Liegen weiter. So einfach geht das also.

Aus Anlass des 200. Jahrestags der Uraufführung hatte das DNT nicht die übliche „Fidelio“-Fassung, sondern die erste, selten gespielte „Leonoren“-Version ausgesucht – ohne allerdings deren Vorzüge deutlich machen zu können. Klar wird vielmehr, weshalb Beethoven seine einzige Oper alsbald gründlichen Revisionen unterzog: In Weimar hört man nicht nur, dass die Titelrolle wohl tatsächlich unsingbar ist (Haussopran Catherine Foster stürzt sich immerhin mit Heroismus in ihre Aufgabe), sondern auch, dass Beethoven anno 1805 von der Bühne schlichtweg keine Ahnung hatte: Martin Hoff und die Weimarer Staatskapelle bekommen weder die hier noch ausgeprägtere Zwitterstellung des Stücks zwischen Singspiel und großer Oper in den Griff, noch können sie die erheblichen Längen der Urfassung mit Spannung füllen.

Ach ja, einen gewichtigen Protest gab es doch noch: „Stoppt das Regietheater“ hatte irgendein Demonstrant auf sein Schildchen gemalt. Aber das geht nun wirklich zu weit.

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