Kultur : Die Weichheit der Moderne - eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste

Frank Peter Jäger

Nicht jeder wird das Haus schön finden, doch Gábor Turányis "Waldschule" im ungarischen Visegrád vereint einige für das zeitgenössische ungarische Bauen charakteristische Eigenschaften. Das in einer Waldlichtung platzierte, erdschwer in den Fuß eines Hangs geduckte Haus erinnert mit seiner asymmetrisch ineinanderkomponierten Raumfolge an Landhäuser von Hans Scharoun. Die Weise, in der Turányi das Haus zwischen einen Bachlauf und einen Abhang in die Landschaft komponiert, lässt an Frank Lloyd Wright denken.

Turányi verwirklichte sein modernes Haus mit traditionellen Materialien: mit hölzernen Dachkonstruktionen und sorgfältig ineinander gefügten Feldsteinen. Diese - aus mitteleuropäischer Perspektive kaum vertraute - Synthese moderner Form und bodenständiger Bauweise kennzeichnet das moderne Bauen Ungarns ebenso wie Aufgeschlossenheit für internationale Einflüsse und der ausgeprägte Bezug der Gebäude zu ihrem Standort.

Die Berliner Akademie der Künste gewährt im Rahmen ihres Ungarnprogramms einen Überblick über das zeitgenössische Bauschaffen des Landes. "Baustelle Ungarn" zeigt etwa dreißig in den neunziger Jahren verwirklichte Entwürfe von 13 ungarischen Architekten und Architekturbüros. Bis zum Ende des sozialistischen Regimes war der "organische" Stil maßgebliches Leitmotiv moderner ungarische Architektur. Eine Gegenmoderne, die sich Ende der sechziger Jahre in Opposition zur technokratisch-funktionalistischen Baupolitik der staatlichen Planungsbehörden herausgebildet hat. Ihr Formenrepertoire bezog diese Richtung aus ungarischen Regionalstilen und der expressionistischen Architektur des frühen 20. Jahrhunderts.

Doch was vor dreißig Jahren vielversprechend als "weiche Moderne" begann, ist zu einer Art gefälligem Heimatstil geronnen. So lag den Kuratoren Vladimír Slapeta und András Ferkai daran, in der Ausstellung in erster Linie Architekten vorzustellen, die die Leitmotive des organischen Stils abgestreift haben. Ihre Bauten geben sich betont geradlinig und kantig. Die 1998 von dem Architekturbüro "Éítétz Stúdió Kft." entworfene Budapester Markthalle ist an ihrer Schauseite als strenger, glasverkleideter Riegel ausgebildet. Mit ihrem turmartig ausgebildeten Treppenhaus an der Stirnseite erinnert sie an neusachliche Entwürfe.

In die Tradition der klassischen Moderne gehört auch die Villa, die Tamás Tomay am Stadtrand von Budapest errichtete. Mit ihren großzügigen quadratischen Fensteröffnungen und der kantigen Grundform erinnert sie fast an die Bungalows Mies van der Rohes, wäre da nicht das weit über das zweite Obergeschoss vorkragende Pultdach.

Viele der gezeigten Arbeiten vermitteln mit ihrem Rückgriff auf die Formen der klassischen Moderne und mit den Stilzitaten aus unterschiedlichsten Epochen den Eindruck einer sich suchend am architektonischen Erbe vorantastenden Architektenschaft. Im Jahrzehnt nach der endgültigen politischen Öffnung des Landes scheint die ungarische Architektur noch tief im schöpferischen Orientierungsprozess zu stecken. So mangelt es an Visionen, an Entwürfen, die etwas wagen und innovative Positionen beziehen.

Das wird nicht so bleiben: Bezeichnenderweise stammt eine der wenigen ausgefallenen Arbeiten von den jüngsten unter den ausgestellten Architekten. Péter Kis und Balázs Szlabey entwarfen einen Bonsai-Pavillon im Botanischen Garten von Budapest. Der bohnenförmige Pavillon ist ganz aufgelöst in einen Wald hoch aufragender Stelenpfeiler. Sie sind das Traggerüst für hohe Glaswände und Bambuspalisaden, die die kostbare Bonsai-Sammlung umschließen.

Die an den gezeigten Arbeiten demonstrierte, handwerklich gekonnte Synthese traditioneller Bautechniken und Materialien mit zeitgemäßen Formen ist wohl eine der unbestreitbaren Stärken des zeitgenössischen ungarischen Bauens. Eine Qualität, die eines Tages über die Grenze des Landes hinaus Schule machen könnte.Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, täglich 10-18 Uhr, bis 17. Oktober. Katalog 24 Mark.

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