Kultur : Die Welt als Lederkugel

JOHANNES KAISER

Nein, Don DeLillo ist keiner dieser medienbewußten Autoren, die wissen, was man von ihnen erwartet, freundlich in die Kamera nicken, selbst die dümmsten Fragen lächelnd über sich ergehen lassen.Der 61jährige amerikanische Schriftsteller mag über sich und sein Leben keine Auskunft geben - das geht niemanden etwas an.Obwohl mit seinem elften Roman "Unterwelt" - einem wortgewaltigen Gesellschaftspanorama der letzten fünfzig Jahre der USA - zum Bestsellerstar aufgestiegen, verweigert er sich dem Medienrummel, so gut es eben geht.Don DeLillo hält lieber Abstand, nicht unfreundlich oder unwirsch, eher geduldig und ernsthaft bemüht, Lebenswerk, Romane, das Schreiben überhaupt zu erklären.

Er hat lange gebraucht, sechs Romane geschrieben, bis er 1982 begriff, daß "die Arbeiten, die ich früher vorgelegt habe, ein bißchen zufällig, ein bißchen zu riskant gewesen waren.Sie hatten nicht den Grad an Ernsthaftigkeit erreicht, den ich schließlich fand." Das ist ein Schlüsselbegriff für alle Arbeiten des in einem italienisch geprägten Viertel des New Yorker Stadtviertels Bronx aufgewachsenen Schriftstellers.DeLillo umgibt eine Aura der Ernsthaftigkeit.Nichts läge diesem hageren Mann mit der asketisch-intellektuellen Ausstrahlung ferner als Ruhmsucht.Im fernsehversessenen Amerika, in dem Menschen töten, um für zehn Sekunden in den Hauptnachrichten eine Berühmtheit zu werden, verweigert sich DeLillo jeder Talkshow, jeder Diskussionsrunde, jedem Interview.Doch DeLillo hat etwas zu sagen, möchte, daß man seinen Worten lauscht, schleift sie solange, bis sie genau das ausdrücken, was ihm wichtig ist."Es ist die Sprache, wenn ich schreibe, die mir Spaß macht.Sie ist wichtiger als Geschichte, Politik, Themen, Ideen.Ich suche nach Wörtern, die mir helfen, interessante und zwingende Sätze zu schaffen.Wo ich sie finde? Überall um mich herum.Es ist der Lärm der Alltagskultur.Ich finde sie, wenn ich mit Leuten auf der Straße rede, ihnen zuhöre, in der U-Bahn, im Slang, in Liedern, ich finde sie im Hintergrundlärm des Fernsehens.Sie kommt von überall her."

DeLillos letzte Romane, angefangen von "Weißes Rauschen" über "Sieben Sekunden" und "Mao II" bis zu der jetzt auf deutsch erschienen "Unterwelt" spüren dieser Alltagskultur detailbesessen nach.Sie bleiben aber nicht an der Oberfläche haften, schauen vielmehr hinter den schönen Schein der Dinge, beschäftigen sich mit Terrorismus und Massenhysterie, mörderischen Ideologien und Allmachtsphantasien: Americana.DeLillos Romane sind minutiöse Abbilder der Ängste einer Nation, die spätestens seit der Ermordung Kennedys Verschwörungstheorien sammelt wie andere Nationen Briefmarken."Ich denke, daß wir seit der Ermordung Präsident Kennedys das Gefühl einer kohärenten Wirklichkeit verloren haben, die wir Amerikaner bis dahin geteilt hatten", sagt DeLillio, "wir traten in eine Welt des Zufalls und der Zweideutigkeit."

Was haben Baseball und Atombombe gemeinsam? Nicht nur ihre Größe - der Plutoniumkern ist so groß wie die Lederkugel - sondern, so suggeriert uns DeLillo in "Unterwelt", auch ihre Mystik.Baseball ist der amerikanische Volkssport.Wie das deutsche WM-Siegtor von 1954 hat sich jedem amerikanischen Baseballfan der Home run genannte Baseballschlag eingebrannt, mit dem 1951 die New Yorker Giants die Brooklyn Dodgers sensationell besiegten.Am selben Tag zündete Rußland seine erste Atombombe.Der Zufall koppelte beide Ereignisse als Schlagzeilen auf der "New York Times" am nächsten Tag.DeLillo sieht sie als Symbol für eine ganz andere Symbiose: Sieg und Niederlage sind unauflösbar miteinander verbunden.Der Triumph birgt bereits den Absturz.

DeLillo nutzt dazu die Geschichte des legendären Siegballes, läßt einen seiner Helden sein halbes Leben danach suchen.Das gibt ihm die Gelegenheit, nicht nur quer durch Amerika, sondern auch durch die letzten fünfzig Jahre zu reisen.Angesichts der Bombe rückte man ein letztes Mal zusammen, bevor die Welt in Scherben fiel, in jene Pixel, aus denen jedes Fernsehbild zusammengesetzt ist.Die Paranoia der atomaren Bedrohung ist heute der Scheinwelt der Medien gewichen."Die Medien haben angefangen, die Wirklichkeit zu ersetzen.Die Bilder sind so stark geworden, daß sie die Wirklichkeit aufsaugen.Das Problem ist die Art und Weise, wie Bilder so mächtig geworden sind, daß die Wirklichkeit von ihrer sekundären Form absorbiert wird.Fotos sind für uns unmittelbarer geworden als Fleisch und Blut."

Der Roman "Unterwelt" will auch darauf hinaus, daß unter der glatten Oberfläche der Bilderwelt eine ganz andere Wirklichkeit lauert, die Figuren wie DeLillos Highwaykiller hervorbringt, der wahllos auf der Autobahn Autofahrer erschießt und dann mit einer Fernsehmoderatorin über seine Morde plaudert, während im Hintergrund immer wieder derselbe Amateurfilm läuft.Der Tod als reproduzierbare Endlosschleife verliert jegliche Würde.

Doch nicht nur der Fernsehkonsum hinterläßt geistigen Müll.Die amerikanische Wegwerfgesellschaft produziert tagtäglich ganz realen Müll, den zu beseitigen der Lebensinhalt einer der beiden Hauptfiguren in "Unterwelt" ist.Ob Haushaltsabfälle, Giftchargen der Industrie oder tödlich strahlender Atommüll, alles wird verscharrt, eingegraben, beseitigt, in die Unterwelt abgeschoben.Müll ist alles, was von uns übrigbleibt."Wir lassen zu, daß er uns formt", heißt es im Roman, "daß er unser Denken kontrolliert." In einem fiktiven Gewaltakt versucht DeLillo das Problem zu lösen.Im Epilog werden die gefährlichsten Abfälle der Waffen- und Chemieindustrie auf dem russischen Atombombenversuchsgelände in Kasachstan in einer atomaren Sprengung verglüht.Doch so wenig man sich mit einem Schlag vom realen Müll befreien kann, so unmöglich ist auch der Ausstieg aus dem geistigen Müll der Medienwelt.DeLillo hat sich ein visionäres Ende für seine Archäologie der amerikanischen Alltagskultur einfallen lassen.Der Roman endet im Cyberspace.Auf einer Web-Site des Internet feiert eine Nonne ihre Auferstehung.In einer russischen Atombombenexplosion, gespeichert auf der Festplatte, sieht sie Gott, verschmilzt mit Edgar Hoover, dem "verdorbenen Heiligen des Gesetzes"."Am Ende", heißt es in "Unterwelt", "ist alles verknüpft."

Don DeLillo liest heute um 20 Uhr im Tränenpalast aus seinem Roman "Unterwelt".Karten unter 31 18 82 45

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