Kultur : Die Welt als Pille und Vorstellung

Im Niemandsland der Ideen: Wie die Fußball-WM das Berliner Stadtbild verändert

Klaus Hartung

Die Adidas-Arena wird pünktlich zur WM den Reichstag in den Schatten stellen. Der global player verkündet rund um das nachgebaute Olympiastadion: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz.“ Dank Adidas dürfen Merkel und Westerwelle von ihrem Büro aus auf der Großbildleinwand die Spiele verfolgen. Geht das zu weit? Soll man protestieren? Im Namen von was, im Namen der Würde der Stadt, des Parlaments? Vor zehn Jahren noch fanden wir es superdemokratisch, wenn das Volk vor dem Reichstag Fußball spielte. Aber der Adidas-Zugriff löst Unbehagen aus. Können wir das Ereignis nicht auf uns zukommen lassen mit allen Folgen? Schließlich ist es das größte dieses Jahrzehnts. Und dennoch bleibt das Gefühl, dass da eine Grenze überschritten wird. Aber welche Grenze? Und wer soll sie ziehen?

Es geht um den öffentlichen Raum und darum, wem er gehört. In der Dogmatik der Berliner Architekturdebatte ist er heilig. Nichts darf ihn gefährden – im Allgemeinen. Aber wenn es um konkrete Plätze und Straßen geht, beginnt die Unsicherheit. Keine Berliner Gesellschaft weiß da durch Geschmack und Selbstbewusstsein die Würde jener Orte zu sichern, die der Stadt wichtig sind. So schwankt die Öffentlichkeit, wenn Werbestrategen und die Eventmanager von Großereignissen über das Stadtbild herfallen. Da fühlt sich der Berliner übertölpelt, und gleichzeitig misstraut er seiner Empörung. Darf man antikapitalistische Prüderie pflegen, wenn die Stadt arm ist? Muss man den inneren Flierl spielen und den öffentlichen Raum gegen den Kapitalismus verteidigen, der gerade in Berlin so schwachbrüstig ist? Durfte sich die Telekom das Brandenburger Tor aneignen? Aber wer hätte dann die Sanierung bezahlt? Und darf Samsung, dieser hartherzige Globalisierer, das Charlottenburger Tor besetzen und mit einem großen WM-Plakat mitspielen?

Soll sich die Stadt der Weltmeisterschaft zeigen, oder will’s die Weltmeisterschaft der Stadt zeigen – das ist hier die Frage. Aber in Berlin wurde und wird sie nicht gestellt. Die Weltmeisterschaft rollt. Seit Wochen schon ist die Kugel am Fernsehturm, irgendwie auch ein Wahrzeichen Berlins, zum Fußball mutiert, in den Farben Magenta und Silber. Die Telekom. Schöner Einfall, garantiert unübersehbar. Zwischen Paul-Löbe-Haus und Kanzleramt wird eine Reichstagskuppelkopie mit der identischen Höhe von 22 Metern aufgebaut. Die Bundespolitik und das Parlament wollen sich von ihrer attraktiven Seite präsentieren. Bei der Kuppelkopie denkt man allerdings auch an einen halbierten Fußball. Schöne Ironie.

Hier wollte Axel Schultes, der Architekt der „Bundesspange“, mit dem „Demokratischen Forum“ seinen Regierungsviertelentwurf krönen. Da aber niemand eine Idee hatte, was ein Demokratisches Forum sein soll (für das ohnehin kein Geld da war), blieb der Raum leer. Für den Architekten war damit der Entwurf ruiniert. Seitdem hadert er mit der Bundesrepublik und droht, nie wieder ein Regierungsviertel zu bauen. Der halbe Fußball wird ihn vermutlich auch nicht froh machen.

Vor dem Brandenburger Tor sind eine Philips-Mega-Leinwand und der WM-Globus geplant. Am Poststadion wird ein Fan-Camp aufgebaut, das Sony-Center bietet wie immer seinen Großbildleinwand-Zirkus. Im Treptower Park wird eine Bühne für 20 000 Zuschauer aufgebaut. Kreuzberg organisiert ein Straßenfußball-Festival. Eine gute Idee. Es soll sie ja geben, die Straßenfußballer, vermuten deutsche Bundestrainer. Selbstverständlich werden sich auch die Spielstätten der Hauptstadt von der Waldbühne bis zur Kulturbrauerei dem Ereignis widmen. Die S-Bahnen bekommen ein neues Image. Flatternde Fahnen entlang der Straßen sollen von den Schlaglöchern ablenken. Hinzu kommt das banalste aller Werbeelemente der Weltmeisterschaft: der epidemische Fußball in allen Varianten auf allen denkbaren Gegenständen. Eine Flut, in der die Stadt förmlich ertrinkt.

Die eindruckvollste Inszenierung zur Weltmeisterschaft hat mit dem Ereignis gar nichts zu tun. Es ist der neue Hauptbahnhof. Die Welt, die dort ankommt, wird die Metropole in einer vielfach gebrochenen, funkelnden 360-Grad-Vitrine erleben. Hier im Bahnhof ist das moderne Deutschland wirklich, das man draußen in der wüsten Tektonik Berlins so gerne zeigen möchte und so schwer findet. Tritt man in die weiträumige fraktale Parklandschaft des Spreebogens vor dem Panorama des Regierungsviertels, bleibt das Auge an einem Paar riesiger silberner Fußballschuhe hängen. Die Skulptur passt zu den gewaltigen Maßen dieses öffentlichen Raums. Allein, sie ist kein Kunstwerk. Sie erinnert lediglich an die Erfindung des modernen Fußballschuhs durch die Familie Dassler (Adidas! Puma!). Eine dezente Tafel erklärt, dass die silbernen Schlappen zum Programm „Deutschland – Land der Ideen“ gehören.

An sechs prominenten Plätzen der Hauptstadt wirbt Deutschland für sich selbst: mit einem „Walk of ideas“. Am Spreeplatz erinnerte eine große silberne Tablette an die Leistungen der deutschen Pharmaindustrie (Aspirin!), vor dem Brandenburger Tor steht ein silbernes Auto, im Lustgarten werden Einstein und die Relativitätstheorie gewürdigt, auf dem Gendarmenmarkt beschwören überdimensionale silberne Halb- und Viertelnoten die musikalischen Errungenschaften der Kulturnation. Die Tafeln erwähnen auch, dass die Skulpturen aus dem „innovativen“ Kunststoff Neopor bestehen. Es scheint sich um die Erprobungsphase zu handeln: Noch wirft der innovative Kunststoff Blasen.

Auf dem Bebelplatz erhebt sich ein riesiger silberner Bücherstapel. Das Land, in dem der Buchdruck erfunden wurde! Auf Buchrücken kann man das übliche deutsche Autorenkollektiv Goethehegelheinekant entziffern. Ganz oben entdeckt man ein Bändchen Ahrendt. Eine gute Nachricht: Hannah Ahrendt, ein deutscher Klassiker! Ist der Bebelplatz der richtige Ort? Ein paar Schritte weiter findet sich Micha Ullmans Mahnmal, der Schacht mit den leeren Bücherregalen, der an die Bücherverbrennung erinnert.

Die Autoren von „Land der Ideen“ haben sich wirklich Gedanken gemacht: Sie beziehen sich auf die Geschichte des Ortes, erwähnen, dass in Deutschland die Aufklärung immer auch durch Zensur und Verfolgung bis hin zur Bücherverbrennung an genau diesem Platz bedroht war. Ein bedenkliches Nebeneinander: Will man die deutsche Buchwelt etwa in ihrer ganzen Spannweite zeigen, vom modernen Buchdruck bis zur Bücherverbrennung? Oder soll gerade durch die Konfrontation von Stolz und Scham der Gast zum Fragen angeregt werden?

Immerhin vertragen sich die silbernen Großskulpturen der deutschen Erfolgsgeschichte erstaunlich gut mit dem öffentlichen Raum von Berlin. Sie wirken trotz ihrer Größe elegant. Trotzdem hinterlassen sie bei längerem Nachdenken das dumpfe Gefühl, dass da etwas nicht zusammenpasst. Die Werbelinie „Land der Ideen“ entstammt ja einer innenpolitischen Kampagne. Der notorisch miesepetrige Deutsche sollte auf Optimismus getrimmt werden. Deutscher, glaube an den Standort Deutschland (trotz Globalisierung). Es gibt das was! Ja, was? Na, Land der Ideen. Und jetzt mit der Weltmeisterschaft wendet sich die Kampagne an den ausländischen Gast. Geschätzter Ausländer, du kommst nicht einfach nach Deutschland, um Fußball zu sehen und Bier zu trinken, sondern auch in das Land der Ideen. Merk’s Dir. Es klingt irgendwie – krampfig.

Alles in allem hält sich der Gesamtauftritt der Weltmeisterschaft im Stadtbild dennoch im Rahmen. Was da im öffentlichen Raum inszeniert wird, kann außerdem mit den originären Schauwerten Berlins kaum mithalten. Die „Adidas World of Football“ neben dem Reichstag wirkt langweilig verglichen mit der Szene der rostigen Palastruine, vor der ein blaues Red-Bull-Flugzeug abzustürzen droht. Trotzdem nagt da ein notorischer Unwille. Als ob sich die Stadt mit der WM prostituiere und unser edles Stadtbild beschädigt würde.

Der Ruf ist bekanntlich dem teuer, der ihn nicht hat. So verteidigen wir zusammen mit Flierl unser wunderbares Stadtbild, dessen Mangel uns ansonsten nicht kratzt. Das Unerfreuliche an den Großereignissen ist, dass sie uns auf uns selbst zurückwerfen, auf unser gebrochenes Verhältnis zur Stadt, auf unser brüchiges Stadtbild, unser diffuses Zentrum mit seinen versifften Leerräumen.

Orte, die ästhetischen Rang und Würde besitzen, Orte, an denen wir uns genötigt sehen, eine bella figura zu machen, sind rar und verstreut: der Gendarmenmarkt, Teile von Unter den Linden, Brandenburger Tor, Reichstag ... Was noch? Jede Hauptstadt der Welt hätte sich bei einem solchen Großereignis in Szene gesetzt, sich schön gemacht. Wir (um vom Senat nicht zu reden) wissen gar nicht so genau, was das heißt. Die deutsche Hauptstadt und ihre aufregende Geschichte, Berlin, die Metropole, in der immer noch alles Anfang ist – das hätte die Stadt zeigen können. Aber initiativ wird die Stadt nur mit einem Minimalprogramm: eine tiefgestaffelte Hooligan-Abwehr und eine „Anti schmuddelkampagne“. Schmuddeltelefon: 75 92 27 80.

Das sprichwörtliche „Mottensofa am Straßenrand“ (Durs Grünbein), ja, das verschwindet. Aber merkt das der Gast? Dabei hat Berlin noch Glück. Das offizielle WM-Maskottchen „Goleo“, diese verwachsene Missgeburt aus Fifa und Tiermetapher ist allen so peinlich, dass es kaum auftaucht. So bleibt es beim Buddybären. Und Berlin bleibt Berlin.

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