Kultur : Die Welt als Wiederholung

Thomas Eller

Nachdem man die drei Stockwerke der Whitney Biennale durchschritten hat, fühlt man sich immer noch frisch genug, um kurz durch den Central Park zu laufen und sich weitere Biennale-Arbeiten anzuschauen. Dort nämlich befindet sich der eigentliche Höhepunkt. Roxy Paines "Bluff", ein Baum aus Edelstahl, ragt silbrige siebzehn Meter hoch in die Frühlingssonne. Bis in die kleinste Verzweigung, inklusive aller Baumpilze, ist das Konstrukt aus verschiedensten Metallringen zusammengeschweißt und poliert - alles im Maßstab eins zu eins.

Eins zu eins, das könnte auch das Motto der Biennale sein. Die Kunstwelt scheint immer mehr der barocken Idee einer Landkarte im nämlichen Format nachzueifern. Alles, was es auf der Welt gibt, muss im Bereich der Kunst noch einmal nachgebildet werden. So werden einer Klientel, die sich nie im Leben den ursprünglichen Phänomenen aussetzen würde, Randbereiche dieser Welt im Edelformat der Museumsgalerie angeboten. In einem Interview mit "Newsweek" hat der Chefkurator der Ausstellung, Lawrence R. Rinder, als sein Hauptanliegen die "Skateboard-Kultur" genannt.

In der Tat taucht dieses Sportgerät in der Ausstellung an überraschenden Orten auf, wie zum Beispiel in einem der Materialbilder von Ouattara Watts. Auch wenn Rinders Begriff eher metaphorisch gemeint war, bleibt die Auswahl der präsentierten Arbeit oft an solchen oberflächlichen Bezügen hängen. Das Skateboard wird zum Snowboard, der Surfer zum Punk und zum DJ. Ein abgedunkelter Raum ist mit seltsamen Figuren bevölkert, die wie Aliens aussehen. Eingerichtet wurde dieser Raum von der Künstlergruppe "Forcefield" aus Rhode Island.

"Tribes" ist diese Etage der Biennale überschrieben, und zum x-ten Male werden die Peripherien dieser Welt abgeschritten. Neben verschiedenen Künstlergruppen ("Destroy all monsters", "Archive" und "Praxis") sind chinesische Künstler vertreten, wie zum Beispiel Zhang Huan mit seinen Macho-Performances. Seltsamerweise sind Künstlern aus fernen Ländern Positionen erlaubt, für die der westliche Künstler heftigst angefeindet würde. Die Authentizität, die der Peripherie zugebilligt wird, entschuldigt offenbar die konservativen Positionen.

Mit der Bewertung der künstlerischen Ausdrucksmittel nimmt man es nicht so genau. Neben Arbeiten im Internet sowie Sound- und Videopräsentationen kommt es im klassischen Ausstellungsraum zu erstaunlichen Kombinationen: Von einer Ophelia in Hinterglasmalerei (Judith Schaechtner), Spitzenklöppeleien (Anne Wilson) über romantische Landschafts- und Kinderbuchmalerei (Gerry Snyder) bis zur computeranimierten Schaufensterfigur (Ken Feingold) ist so ziemlich alles möglich.

Das verbindende Gemeinsame findet der Kurator in der Hinwendung der Künstler zu dem, was er "truth" nennt, Wahrheit. Die "New York Times" feiert das als die Wiederentdeckung einer amerikanischen Spiritualität. Nicht erst nach dem 11. September will Larry Rinder die Abkehr von Ironie und Zynismus bemerkt haben.

Konsequenterweise werden die beiden übrigen Etagen auch mit einladenden Begriffen überschrieben: "Beings" - die Arbeiten sollen die alten Engführungen der "identity politics" überwinden helfen - und "Spaces" - hier sollen soziale, politische und architektonische Räume geöffnet werden. Das "Rural Studio" aus Alabama mit seinen Entwürfen für ein Gemeindezentrum in Holz- und Glasbauweise steht so neben Javier Cambres "Habitat en Transito", einer Hütte, die von Kiosks am Strand von San Juan inspiriert ist.

Leider wirkt das Authentische, das in dieser Biennale aufgesucht werden soll, eher eskapistisch. Das Gute im Menschen triumphiert in stiller Bescheidenheit. Schönheit und Ironie seien Luxusartikel einer Friedensgesellschaft, so der Katalogtext. Große Statements sucht man also in dieser Biennale vergebens. Fast schon vermisst man die Jahre der Political correctness, in denen man wenigstens wusste, welche Kunst man nicht ausstehen durfte. Amerika, so scheint es, sucht sich derzeit eher zu entspannen.

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