Kultur : Die Welt als Wille und Flachbildschirm

Mit der Unbedarftheit des Dilettanten inszeniert Bernd Eichinger „Parsifal“ an der Berliner Staatsoper – und wird ausgebuht

Christine Lemke-Matwey

Die Szene ist – erwartungsgemäß? – hollywoodreif. Im Hintergrund: die Ruinen eines antiken Tempels, die Akropolis vielleicht oder Paestum. Davor, mit breit gepanzerten Brüsten: der Chor, das wackre Heer der Hellebardenträger. In deren Mitte wiederum: eine Art Nero oder Cäsar, irren, schmerzverzerrten Blicks, stöhnend, wimmernd, barmend auf seinem Löwenthron und sich alsbald den Lorbeerkranz vom kahlen Kopfe reißend. Amfortas, der Gralskönig, aha. Dessen Vater aber, Titurel, seinerseits ein rechter Bilderbuch-Römer, kennt keine Gnade: „Enthüllet den Gral!“ Also greift sich der Sohn, dieses Inbild des Jammers, krampfend, röchelnd, hyperventilierend, in die linke Brusttasche und zieht ein glibbrig-rotes triefendes Etwas hervor: sein Herz. 750 Gramm frische Rinderleber, schätzungsweise. „Nehmet hin mein Blut,/ nehmet hin meinen Leib“, singen unterdessen die Knaben aus der Höhe. Richard Wagner, den Mythenverdreher – aber das haben wir mit Nietzsche und Bernd Eichinger ja schon immer gewusst –, graust es vor gar nix.

Als die Innerei schließlich auf einem Opferstock landet und in mundgerechte Portionen zerteilt wird, richtet sich sogar Christoph Schlingensiefs sorgsam gegelter Wuschelkopf im ersten Rang links der Berliner Staatsoper etwas auf: Sushi mal anders und für alle? Kannibalismus, igittigitt, im Bühnenweihfestspiel? Das christliche Abendmahl beim Wort genommen und all seiner heidnischen Ekligkeit überführt? Doch Schlingensief konnte sich getrost wieder zurücklehnen: Sein „Parsifal“ bei den letztjährigen Bayreuther Festspielen, diese momentweise genialisch gestapelte Weltgerümpelsallegorie zwischen namibischen Robben und verwesenden Hasen, sie hatte unser aller Erlösungsnotdurft doch weit mehr ins Mark getroffen. Eichinger und sein Bühnenbildner Jens Kilian hingegen spielen im „Parsifal“ bloß Memory, haken ab, was die Menschheitsgeschichte an Zeitreise, an tapetentauglichen Fotofolgen zwischen Höhlenmalerei und modernen Naturkatastrophen so hergibt. Kaum jedenfalls haben sich die Hellebardenträger die Mäuler am Fleisch ihres Herrn blutig gerieben, da verschwinden sie auch schon hinter dem nächsten Prospekt. Kundry, die „Urteufelin“, die „Höllenrose“, die einst Christus am Kreuz verlachte, in schwarzen Affenfellzotteln vor der Skyline von Frankfurt, New York, Shanghai. Und Blackout. So geht das mehr oder weniger den ganzen Abend. Hm.

Was Eichinger uns damit sagen will? Vielleicht, ganz philosophisch, dass er weiß, dass er nichts weiß und nichts versteht, weder von Wagnermusik noch von Theaterregie. Entsprechend „bescheiden“, also ölgötzengleich, stehen sich die Sänger auf einem ein Meter zwanzig breiten Rampenstreifen viereinhalb Stunden lang die Beine in den Bauch. Und Opas Oper feiert genüssliche Urständ‘ (vgl. dazu auch die Kritik zu Doris Dörries Münchner „Rigoletto“ im Tagesspiegel vom 23. Februar). Im Gegensatz zu seiner Kollegin Dörrie aber verzichtet Eichinger auf alle Mogelpackungskünste, alles zu aktualisieren. Und vielleicht, hoch gegriffen, will er uns auf diese Weise ja zu verstehen geben, dass die Zeit der Interpretationen vorbei ist. Wo Leute vom Fach wie Wieland Wagner, Ruth Berghaus oder Peter Konwitschny im Angesicht des „Parsifal“ noch Weltpakete schnürten und mit roten Backen nach verborgenen Botschaften buddelten, da gibt sich der Kinomensch Eichinger schlicht naiv.

Man kann das ehrlich nennen oder feige oder dumm. In jedem Fall führt dieser andere, vermeintlich unbescholtene und freie, ja gleichsam „erlösende“ Blick, der Blick des Dilettanten nämlich – und das ist eine sich wiederholende Beobachtung zum Thema „Filmemacher in der Oper“ –, schnurstracks dorthin zurück, wo die Opernregie vor gut einem halben Jahrhundert begonnen hat, ihr sprichwörtliches Bärenfell abzuschütteln. Das wiederum interessiert alle selbsternannten Opern-Piraten herzlich wenig. Die Welt, sagt Eichinger, und das scheint für das Musiktheater ebenso zu gelten wie fürs Kino, für den „Untergang“ wie für Richard Wagner, sie bedeutet nichts, sondern sie ist. Weg also mit dem rezeptionsgeschichtlichen Müll und Schmus! Back to the facts! Es lebe das Authentische, das Wortwörtliche! Zum Flachbildschirm, jawoll, wird hier die Zeit.

Dies wäre ja nun nichts anderes als ein Konzept – ein Konzept aus Konzeptverweigerung. Immerhin. Allein die Umsetzung fällt derart erbärmlich und unfreiwillig lächerlich aus, die handwerkliche Hilflosigkeit schreit dermaßen zum Himmel respektive zum Schnürboden, dass man sich fragt, wie die Dramaturgie des Hauses (für die Peter Mussbach und seine Chefdramaturgin Regula Rapp gemeinsam verantwortlich zeichnen!) diese Aufführung als Festtage-Eröffnungspremiere überhaupt haben durchgehen lassen können. Da wird gleich zu Beginn ein toter Schwan hereingeschleppt, der der ältesten Requisitenmottenkiste des Grünen Hügel entwendet worden sein muss, da starrt Klingsor vor Kundrys großer Verführungsszene im zweiten Akt ungläubig auf ein leeres Hundehalsband („He! Kundry! ... Wie? Schon am Werk?“), und da knubbelt sich die finale Gralsgesellschaft in schönster irokesenfrisierter Rockermanier, als hätten Götz Friedrich und Harry Kupfer selig sie ersonnen. Dazwischen, dahinter, dadrüber, dadrunter: Projektionen, Projektionen (Fettfilm). Das Universum als solches. Blubberndes Magma (rot), Wasserspiele (blau). Eine Zeche im Schattenriss, oho, als Parsifal mit Kundrys Kuss erkennt. Kamerafahrten durch die menschliche Speiseröhre. Eine Blumenwiese im Negativ. Und so.

Das Publikum quittierte diese Ohrfeige ins Gesicht einer jeden halbwegs aufgeklärten Wagner-Pflege mit wütenden Saalschlachten. Bravi von der verdutzten Film-Gemeinde (von Tom Tykwer bis zur fest schlummernden Alexandra Maria Lara, von Oskar Röhler bis Sunnyi Melles), Buhs vom Rest. Fast hätte einem Bernd Eichinger schon wieder Leid tun können, zeigte er sich doch erstmals öffentlich ohne Turnschuhe und konnte er doch eigentlich nichts dafür. Denn was hatte man sich erwartet?

Die Sänger jedenfalls genossen ihr uneingeschränktes Rampendasein und sangen auf hohem Niveau: René Pape einen mühelos textverständlichen, sehr sonoren, leicht künstelnden Gurnemanz, Hanno Müller-Brachmann einen arg lyrischen, jeden Vokal mit Bitternis aufpumpenden Amfortas, Jochen Schmeckenbecher einen markigen Klingsor, Burkhard Fritz einen beherzten, erstaunlich konditionsstarken, leider sehr unvorteilhaft kostümierten Parsifal, Michaela Schuster eine ziemlich erotische, auch letzte dramatische Höhenkräfte sicherlich noch gewinnende Kundry und Christof Fischesser einen rollengerecht ungerührten Titurel.

Daniel Barenboim indes fand mit der Staatskapelle erst im dritten Akt zu sich, schwelgte erst hier karfreitagszaubrisch zwischen Bach und Mahler, niemals zu laut, auch nie – trotz getragener Tempi – zu langsam, die ganze Fülle des chromatischen Wohllauts verströmend. Seine eklatante Ideenlosigkeit in den ersten beiden Akten aber wirft böse Fragen auf. Als hätte der Generalmusikdirektor hier nicht nur mit der Akustik zu kämpfen gehabt, die dem programmatischen Mischklang der „Parsifal“-Partitur notgedrungen zuwider läuft, sondern als wäre er im Blick nach oben regelrecht erschrocken: vor diesem Etikettenschwindel, vor seiner eigenen Verantwortungslosigkeit. Das wiederum lässt hoffen.

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