Kultur : Die Welt als Wille zur Vorstellung

Nach 20 Jahren in Berlin sehnt sich Schauspieler Vadim Glowna noch immer nach dem Hamburger Kiez seiner Kindheit

Deike Diening

Vadim Glowna hatte keine Wahl, er hatte das alte Schauspielerethos verinnerlicht: Als Gründe für die Abwesenheit bei der Arbeit gelten Tod oder ein fehlendes Bein. Ein schmerzender großer Zeh zählt nicht dazu. Glowna hatte jetzt keine Zeit, sich um seinen Zeh zu kümmern, er drehte den Film „Das Haus der schlafenden Schönen“. Er hat ihn produziert, das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und das Geld besorgt. Es hat lange gedauert, der Film handelt vom Alter und von Schuld, der Hauptdarsteller ist er selbst.

Die Welt als Wille zur Vorstellung. Ob er es auch gemacht hätte, wenn er gewusst hätte, wie hoch der Preis war? „Keine Ahnung“, sagt er. Er trägt ein rosa Poloshirt unter dem Anzug, der Film kommt nächste Woche in die Kinos, und in den schwarzen Schuhen fehlt jetzt ein Zeh. Amputiert. Woher weiß dieser Mann immer so genau, wohin er will? Wenn Vadim Glowna der Nase nachginge, liefe er immer ein wenig nach links. Das liegt an seinem ersten Berufswunsch: Held. In dieser Eigenschaft wollte er mit sechs Jahren einen Freund vor einem Mann verteidigen, der eine Eisenstange schwang.

Glowna ist vor ein paar Wochen 65 Jahre alt geworden, gerade hat er seine Autobiografie veröffentlicht. Seit über 20 Jahren lebt der Mann inzwischen in Berlin, er ist Charlottenburger geworden, Gast der Paris Bar, auch seine Produktionsfirma sitzt hier. Er aber findet, seine Person erklärt sich nicht ohne den Hamburger Kiez, wo er aufwuchs, wo die Weichen gestellt wurden. Der Himmel über Hamburg hängt aktentaschengrau. Die Läden im Kiez haben die schweren Lider noch geschlossen, jetzt, bei Tageslicht. Am Tor zur Herbertstraße wirbt eine Zigarettenfirma „Für mehr Fremdenverkehr“. Viele der Zuhälter, die Glowna kannte, sind früh gestorben, „an Kugeln“. In St. Pauli lernte er, dass man die Leute angucken muss, „aber niemals in die Augen“, sonst fühlen sie sich provoziert, „und man darf keine Angst haben“.

Seine Großeltern gingen hier noch mit dem Pausenbrot ins Theater. Glowna hat hier die Schauspielschule besucht. Anfang der sechziger Jahre hat er nachts im billigen „Schmal’s Hotel“ für 150 Mark im Monat geschlafen, und tagsüber bei Gustaf Gründgens geprobt. Das Hotel gibt es nicht mehr, „Videoüberwachung“ verkündet ein Schild. „Ich war einer von denen“, sagt Glowna und blickt auf ein Rudel Jungs, das an einem Stromkasten lehnt.

Einer von denen, die ein Terrain verteidigen. Auch, wenn das zuerst nur ein Trümmerberg war, als seine Mutter, seine Großeltern und sein Onkel nach dem Krieg feststellten, dass sie noch am Leben waren. Mit einer Gruppe Jungs tauchte Vadim in dem Häuserhaufen nach Metall, und fand dann einen Schrotthändler, der ihn gut bezahlte. In Paris, wohin er als abgebrochener Lehrling trampte, traf er einen gebildeten Obdachlosen, der ihm zeigte, wie man ohne Geld überleben und dabei gelegentlich sehr gut essen konnte. In Bremen gefiel er Peter Zadek, obwohl er beim Vorsprechen aus Wut über einen Texthänger einen Stuhl zertrümmert hatte. Und als er 1964 in Beirut am Abend vor seinem Abflug nach Bremen zum Theater kein Geld mehr hatte, da ist er verzweifelt in die Spielbank gegangen, nur um dort mehr Geld zu gewinnen, als er benötigte. Da war klar, das Schicksal mochte ihn.

Glowna ist auf diese mäandernde Weise ein sagenhafter Schauspieler geworden, dessen Präsenz zum völligen Verstummen eines randalierenden Bremer Publikums bei Zadeks legendärer „Räuber“-Inszenierung führte und ihm zuletzt in Oskar Roehlers Film „Die Unberührbare“ den Preis der Deutschen Filmkritik einbrachte. Glowna schien dabei von Anfang an ohne Angst. „Leben heißt, sich wehren“, sagt er. „Man darf nicht einfach alles hinnehmen.“

Weil er so dachte, konnte es passieren, dass Glowna als Junge in einem evangelischen Internat einen heißen Glauben für sich entdeckte, Bibelstellen interpretierte und Missionar werden wollte. Als aber der Direktor ihm erklärte, dass die Hausordnung, die er gerade missachtet habe, direkt von Gott komme, und als er in dem Streit darüber zu einem Schlag ausholte, da hat Glowna ihm einen Schwinger in den Solarplexus verpasst, was dazu führte, dass den Rektor das Bewusstsein verließ, Glowna die Schule, den Glauben aber mitnahm. Andere nennen das „anecken“, als wäre da einer nur unbeholfen. Dabei fühlte Glowna ja sehr genau, wann es Zeit für Verweigerung war, wann man rennt , zuschlägt oder besser betet.

Aber heute ist nur ein diesiger Tag in Altona und Glowna ist etwas ermattet vom Interview-Marathon um Film und Buch. Er wechselt die Straßenseite. Würde er heute noch hier in der Friedensallee wohnen, wie damals mit seinen Eltern, wäre Fatih Akin sein Nachbar. Vom Buchcover seiner Autobiografie („Der Geschichtenerzähler“, Ullstein, 288 S., 19,95€) guckt Glowna rauchend in Sepia, als gäbe es Männer wie ihn längst nicht mehr. Der Vater war im Krieg und die Mutter zu beschützen. Keine Entscheidungsschwäche, kein Abwarten, der Wille schnell gebildet. „Das will ich haben“, dachte er, als die Engländer in Hamburg einmarschierten, und direkt unter seinem Fenster ein Soldat die Panzerluke öffnete, um sich in der Sonne ein Brot mit Butter, Käse und Orangenmarmelade zu schmieren. Er bekam so ein Brot zum nächsten Geburtstag.

„Das will ich haben“, dachte er wieder, und diesmal schaute er dabei auf Vera Tschechowa, die 1961 am Hamburger Schauspielhaus in den Probenpausen ihr Kind wickelte. Er bekam die Schauspielerin aus dem Tschechow-Clan 1967 für 23 Jahre zur Frau. Sein Wille formt sich schnell. Und wo ein Preis zu zahlen ist, da läuft er nicht weg. Glowna spricht in seiner charakteristischen, merkwürdig tonlosen Existentialisten-Stimme, dabei guckt er jetzt häufig durch eine zweigeteilte Brille auf die Welt, unten die Kurzsicht, oben die Weitsicht. Die Theaterschauspielerei war nur ein erfolgreicher Umweg, um wieder beim Film zu landen, wo er schon hinwollte, als der Fünfjährige einen Filmvorführer kennen- lernte, und seine Nachmittage mit Kinoabenteuern verbrachte. Die Schauspielschule, Gründgens und Zadek, waren ihm irgendwie „dazwischengekommen.“

Glowna kommt es vor, als sei das Leben in den sechziger Jahren existentieller gewesen. Mit mehr Risiko behaftet. Kein angstvolles, sondern ein lustvolles Risiko. Glowna kann Menschen nicht leiden, die ihr Leben von der Rente rückwärts denken. Manchmal fallen auch denen noch ihre Träume ein, „dann lassen sie sich scheiden.“

Vadim Glownas Traum ist es, nicht nur Charaktere zu verkörpern, sondern eigene Filme zu drehen. In seinem ersten eigenen Film „Desperado City“ zeichnete er 1981 ein Porträt von St. Pauli, Figuren aus seinem eigenen Leben bevölkerten den Film. Und in „Das Haus der schlafenden Schönen“, erzählt nun er, der Hauptdarsteller, narkotisierten jungen Frauen bei seinen nächtlichen Besuchen Zwischenfälle und Zweifel aus seinem Leben. Das wahre Leben des Schauspielers ist da längst die erzählte Geschichte geworden.

„Das Haus der schlafenden Schönen“ startet am Donnerstag in den Kinos.

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