Kultur : Die Welt als Wissen und Witz

Benjamin von Stuckrad-Barre googelt sich einmal quer durchs Netz

Jan Oberländer

Als Benjamin von Stuckrad-Barre einmal eine schlechte Phase hatte, setzte er sich an den Computer und gab bei Google die Suchbegriffe „Stuckrad“ und „Arschloch“ ein. Er interessierte sich für die Meinung der Leute da draußen. Nach einigen lebensordnenden Klinikaufenthalten und der Textsammlung „Remix 2“ hat der 30-jährige Autor nun seine Internetbegeisterung ins Konstruktive gewendet. In seinem neuen Buch „Was.Wir.Wissen“ (Rowohlt, 16,90 Euro) beschäftigt sich Stuckrad-Barre mit der Wissensgesellschaft.

Eine „neue Art Lexikon“ will das komplett zusammengegoogelte Werk sein, eine „Bestandsaufnahme“ auf 272 Seiten, nicht von kanonischem Allgemeinwissen, sondern vom tatsächlichen „allgemeinen Wissen“. Die zwölf strukturgebenden Kategorien ähneln denen einer Zeitung: Gesellschaft, Politik, Sport, Kultur, Wirtschaft, Mode, Glaube. Unterteilt sind sie durch Fragestellungen, denen Phrasen „Bekannte Strickmuster“ oder „Wer oder was hält der Gesellschaft den Spiegel vor?“ zu Grunde liegen.

Das Buch will jedoch kein Wissenstest à la Pisa, keine Bildungsschau sein, sondern eine Kulturbetrachtung. Die Idee ist plausibel: an den Sprechweisen der Menschen Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzuzeigen. Die Antworten, die der Herausgeber um seine Fragen und Phrasen gruppiert, bilden denn auch eine wilde Vielfalt von Weltwahrnehmungen ab. Am plakativsten, wenn der „in der Eucharistie gegenwärtige Christus“ ebenso als „Zeichen unserer Zeit“ gesehen wird wie der „Zen-Weg“ oder „Singlereisen“.

Auf einer als „Fortbildungsabend“ titulierten Lesung im Berliner Postbahnhof konnte man nun sehen, wie der „Suchmaschinist“ mit seinem „neuen Buch zur Tour“ umgeht. Die Anordnung: Stuckrad-Barre in der Mitte, links und rechts die Fernsehmoderatoren Markus Kavka und Jörg Thadeusz als Sekundanten. Auf eine Leinwand hinter dem Trio ist ein schnittiges Computermenü projiziert, ein interaktives Inhaltsverzeichnis des Buches.

Per Mausklick des Zeremonienmeisters erklingt die „Wer wird Millionär“- Spannungsmusik plus eine von einer verzerrten Telefonstimme vorgelesene Phrasenfrage. Dann rezitiert das Dozententrio die dazu gehörigen Listen. Und die enthalten großartige Punkte. Zum Beispiel einen bombensicheren Tipp gegen Traurigkeit: „Einen Smily in der Größe seines Gesichtes mit einem roten Lippenstift auf einen Spiegel malen, sich davor hinsetzen und einfach mal 10 Minuten warten, was passiert“.

Das Ganze bleibt allerdings eine Pointenparade. Auch durch die running gags über den „Bauchtrainer AB-Shaper“ und die Schweizer Telenovela „Bianca“ wird Stuckrads Sammelsurium weniger zu Analyse und Befund als zur Witzvorlage. Das auf den Buchrücken gedruckte Wortspiel „Per Anhalter durch die Synapsen“ sagt viel über seine Schreibtechnik. Copy & Paste, Trittbrettfahrten auf der Datenautobahn. Für das Publikum ist der Erkenntnisgewinn dabei vergleichbar mit einer Google-Suche, bei der man sich zwar die Ergebnisse ansieht, die gelisteten Homepages aber nicht anklickt.

Leider bleibt so die Idee auf der Strecke, durch das Archivieren der unterschiedlichsten Sprechstile den Blick auf die „vielen lustigen Einzelschicksale“ (BvSB) zu lenken, sich zu konzentrieren auf die Leute in ihren Szenen und Subkulturen. Den Anspruch, „dem Maul aufs Volk zu schauen“, löst „Was.Wir.Wissen“ nicht ein. Aber es gibt Hoffnung, dass Stuckrad-Barre die Rolle des „Gegen-Schwanitz“ nicht mehr lange spielt. Ein Roman über seinen Drogenabsturz ist in Arbeit. Als Autor hat er sich damit etwas vorgenommen, was seinem Lexikon zufolge zu allem Möglichen, aber garantiert nicht zur Herstellung von Literatur führt: Denn „was ist keine Kunst? Wenn der Ist-Zustand erfasst wird.“

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