Kultur : Die Welt dreht sich weiter

„Life is a Cabaret“: Liza Minnelli zelebriert ihre Bühnenauferstehung im Berliner Friedrichstadtpalast

Thomas Lackmann

Im Film „Cabaret“, der die 26-jährige Liza Minnelli 1972 zum Weltstar machte, gibt es einen Couplet-Sketch auf der Tingeltangel-Bühne. Der Conferencier tritt mit einer Affenfrau an die Rampe, rühmt sie als seine Braut und beschreibt die Verachtung, der das ungleiche Paar ausgesetzt sei. „If you could see her with my eyes, she wouldn’t look jewish at all!“, lautet die politische Pointe: Rassismus entsteht im Kopf des Betrachters. Doch der berühmte Song handelt auch vom Showbusiness. Das heißt – von der Liebe.

Am Sonntag fanden in Berlin zwei Veranstaltungen statt. Für das Gastspiel der amerikanischen Sängerin, die ihr deutsches Publikum zuletzt 2003 mit einem abgewrackten Talkshow-Auftritt verstört hatte, sind aufgebrezelte Fans in einen Kitschbetontempel nach Berlin-Mitte gekommen. Die von Entziehungskuren, Übergewicht und Operationen genesene Frau Minnelli soll in schlechter Verfassung sein. Man erzählt, sie müsse ihre Prothesen mit einem weiten Umhang kaschieren. Ein Foto-Shooting sei am Nachmittag ausgefallen, da die 59-jährige Sängerin hyperventilierte. „Es wird sein wie bei den Gäulen vorm Sankt-Martins-Zug“, sagt eine ältere Dame im Foyer des Friedrichstadtpalastes. „Denen gibt man eine Spritze, dann werden sie ruhig, danach fallen sie in sich zusammen.“

Als Liza Minnelli abends die Bühne betritt, im runden Glitzerhängerchen auf dünnen Samthosenbeinen, bekunden stehende Ovationen das Mitgefühl ihrer Verehrer. Denen ist sie über ihre großen Filme „Cabaret“ (1972) und „New York, New York“ (1977) hinaus durch YellowPress-Dramen präsent geblieben. Der letzte Gatte ließ sich wegen Prügelei scheiden. Nun breitet sie entwaffnend die Arme aus. Wenn sie in ihrem Intro die Suche nach dem Regenbogen besingt, klingt „Over the Rainbow“, die Hymne ihrer Mutter, zwischen den Zeilen an. Gegen das Verhängnis, Judy Garland kopieren zu müssen, die sich 1969 pillensüchtig in Chelsea das Leben genommen hatte, setzt diese Tochter ihr Comeback. Manche Worte zischen ihr schwerfällig durchs Gebiss. Sie biedert sich an: „Thank you so much, I’m home.“ Unmerklich hinkt sie. Bei zwei hohen Songs klingt ihr Organ glatt und neu – als sei Playback für sie die letzte Rettung. Ein Abgesang.

Das andere Konzert, die Auferstehung der Minnelli samt ihrer Lebensrolle, der lebensgierigen Sängerin Sally Bowles, findet am selben Abend am gleichen Ort statt, in Europas größtem Revuetheater. Liza kämpft mit allen Mitteln. Sie reißt sich falsche Wimpern ab wie eine Travestie-Queen zum Finale. Sie schnieft und äugt ins Dunkle wie ein kleines Mädchen. Sie stampft, wenn ihre Stimme in rasselndes Schmettern verfällt. Vor manchen Höhen mogelt sie, manchmal schafft sie’s. Bei „Love is here to stay“, dem Bekenntnis zur Liebe als einzigem Fixpunkt, steht sie fast stramm, Hände auf dem Rücken. Sie pumpt sich kämpfend auf und gewinnt Energie. Mit dem „Na und“-Song der Pensionswirtin Fräulein Schneider aus „Cabaret“, einer Bilanz des Immerwiederbeginnens, bekennt sie sich als alternde Künstlerin. Als sie ihre und Sally Bowles’ Hymne „Life is a Cabaret“ – das Resümee einer in Chelsea von Pillen und Likör hingerafften Freundin – heraussingt, erscheinen die alte Sally, die junge Minnelli, Verzweiflungsstürze und Überlebenstrotzanfälle wie ineinander geblendet. Das Bühnenross stampft ekstatisch, lacht, wirft den Kopf hoch, tänzelt, torkelt etwas. Stehende Ovationen, Blumen, Ovationen. Später Zugaben, Zugaben, Ovationen, Blumen. Überraschend kommt die Ballade „I’ll be seeing you“ a capella, ohne den Sound der Band als Rückendeckung. Die Stimme ist voll und warm, nicht ganz sicher.

Ihr allerletztes Lied handelt davon, dass die Welt sich trotzdem weiterdreht, wenn einer gewinnt, einer verliert, wenn ein Freund dich mies behandelt, wenn deine Träume in Stücke zerbrechen. Sie wird leise, dreht noch mal auf, schüttelt sich, die Hände rotieren wie ein kreisender Globus. Beim letzten Abgang hebt sie rückwärts winkend die Hand: der Abschiedsgruß ihrer Sally Bowles mit den göttlich dekadenten grünen Fingernägeln, damals, auf dem Bahnhof in Berlin.

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