Kultur : Die Welt erzählen

Theater als Wagnis und Zeitenwende: zum 80. Geburtstag des Dramatikers und Regisseurs Tankred Dorst

Peter von Becker

Er ist mitten in der Zeit und scheint doch als ihr poetischer, dramatischer Geist zugleich über ihr zu schweben. Und dabei droht der Theaterdichter, Filmemacher, Erzähler und Regisseur Tankred Dorst, der heute in München seinen 80. Geburtstag feiert, nie aus der Zeit zu fallen. Weil sein Universum der Stücke und Stoffe gleichsam alle Zeiten umgreift, verwebt, vergegenwärtigt. Seine Figuren kommen aus dem Mythos und dem Mittelalter so gut wie aus der jüngeren deutschen Geschichte – und aus unserer Zukunft.

Krise des Theaters? Krise der Künste? Zweifel an der Abbildbarkeit der Welt? Tankred Dorst, der zudem noch Professor an der Berliner Universität der Künste und ein wunderbar unbelehrender Mann von Gelehrsamkeit ist, ihm sind solche Sinnfragen der Moderne vollkommen geläufig. Aber sie sind seinem Wesen und Talent eigentlich fremd. Dorst beherrscht die Formensprache des Zeitgenössischen, doch er ergibt sich nicht ihren Formeln. Ob Potentat oder Krüppel, ob Schwätzer oder Stammler, ob Nachfahr des Hofmannsthal’schen Lord Chandos (der schon 1902 an der Sprache verzweifelte) oder ein Schatten von Becketts Schatten: Jeder hat bei Tankred Dorst noch seine Geschichte, seine Gebärde, einen besonderen Ausdruck.

Bei Hans Christian Andersen findet sich der Satz: „Ich bin wie das Wasser. Alles bewegt mich, alles spiegelt sich in mir.“ Das kann auch für Tankred Dorst gelten. Und wäre ganz uneitel gemeint. Denn Dorst, der unermüdliche Figuren- und Geschichtenerfinder, redet von sich ja nur, indem er anderen seine Stimme gibt. So hat er neben Filmen, Libretti und Prosa etwa fünfzig Stücke geschrieben – und sagt mit seinem, das weiße Lockenhaupt umwehenden Lächeln, dass er gerne noch dreißig weitere schreiben möchte.

Zieht sich Dorst mit seiner Frau und literarisch-dramatischen Mitarbeiterin Ursula Ehler einmal zurück in irgendeine Dichterklause (als die für ihn auch die schützenden, tiefsesseligen Foyers großer alter Hotels dienen), dann könnte vor den Wohnungstüren der Dorsts in München-Schwabing oder Berlin-Charlottenburg stehen: „Wegen Reichtum geschlossen.“ So hieß 1997/98 Dorsts „metaphysische Komödie“ über die deutschen Nachwende-Spekulanten.

Sein eigener Schatz ist indes nicht materiell und sein Sesam das vielzimmrige, rollenreiche Haus der Dichtung. Kein anderer Autor des Welttheaters verfügt heute noch so selbstverständlich über mal riesige, mal winzige Spiel-Räume und schöpft so leichthändig aus einem Menschheitsarsenal der familiären, der erotischen oder politisch-geschichtlichen Konflikte, Hoffnungen, Träume.

Der Gipfel war 1982 natürlich Dorsts „Merlin“, dieses mit shakespearischer Grandezza entworfene Zehnstundendrama, erzählend von der Gralssuche und der zum Schluss zerbrechenden Tafelrunde des Königs Artus, vom Ritter Lancelot, der schönen Ginevra, dem grausam kindlichen Tor Parzival und dem verzauberten Zauberer Merlin. Ein Märchen vom Anfang und eine der Zeitenwende von 1989 oder 2001 vorauseilende Metapher des Endes der Utopien, der Explosion aller machtvollen Selbstgewissheit. Die „Blechtrommel“ von Günter Grass und Dorsts bis heute auf allen Kontinenten inszenierter „Merlin“, das sind wohl die kräftigsten Spuren deutscher Schriftsteller in der Weltliteratur seit Thomas Mann und Bert Brecht.

„Vorsicht, Pathos!“, möchte man an dieser Stelle rufen. Zwar ist es die Wahrheit. Aber zu Tankred Dorst gehört auch das Unprätentiöse. So schafft er die Grazie des Leichten noch im katastrophischen Stoff, so bestimmt sein Werk die Ironie des Zweifels und eines romantischen (darum schwebenden) Realismus.

Wegen seines „Merlin“ ist einst der alte Wolfgang Wagner auf ihn aufmerksam geworden. Und nun wird Dorst 2006, im 81. Lebensjahr, noch als Opernregisseur debütieren, mit seiner Version und Vision des Wagner’schen „Rings“. Das ist ein kaum glaublicher Kraftakt. Trotzdem wirkt Dorst, der einen poetischen Sinn für Götter und Ritter, Liebestode und Menschheitsdämmerungen hat, bei der Vorarbeit und nach den ersten Proben sehr entspannt. Freilich täuscht die äußere Ruhe, ist er doch zu vital, um je abgeklärt zu sein. In Dorst steckt ein sanfter, hartnäckiger Lebens- und Erfahrungshunger. 1925 als Sohn eines Maschinenfabrikanten im thüringischen Dorf Oberlind bei Sonneberg geboren, musste er als Schüler noch in den Krieg, kehrte erst 1947 aus der Gefangenschaft in England und Amerika zurück, machte mit 25 in Westfalen Abitur, begann in Bamberg und München Germanistik, Theater und Kunstgeschichte zu studieren, brach das ab, um in den 50er Jahren unbekannt und mittellos freier Schriftsteller zu werden.

Bald entdeckte ihn, der sein Wagnis mit surreal absurden Parabelstücken begann, der junge Regisseur Peter Zadek, mit dem er später auch aufsehenerregende Fernsehfilme wie „Rotmord“ und „Der Pott“ machte. Schon vor 1968 hatte sich Dorsts Kosmos ins Geschichtliche geweitet, besiedelt von Künstlern, Revolutionären und Reaktionären wie Toller, D’Annunzio, Hamsun, Heine oder Fallada. Nicht die Ideologen, eher die unenträtselbar Besessenen, die Träumer, Eremiten oder Exzentriker haben ihn dabei interessiert. Dazu traten die Zeitgenossen in seinen Stücken an der innerdeutschen Grenze auf: von der „Villa“, „Auf dem Chimborazo“ bis zum wendefaulen „Herrn Paul“; andere sind, auch jenseits des großen „Merlin“, eher parzivalische Helden wie der schillernde „Karlos“ oder der abgrundböse „Herr Korbes“.

Dorsts Dramen haben Zadek, Palitzsch, Flimm und Dieter Dorn, haben Patrice Chéreau, Robert Wilson oder in Paris soeben Jorge Lavelli inszeniert. Zu den frühen Übersetzern gehörte in Ungarn Imre Kértesz, heute einer der engsten Freunde. Dorsts Kinofilm „Eisenhans“ (mit Susanne Lothar, Gerhard Olschewski, Hannelore Hoger) lief 1983 in Cannes, es gab Bundesfilmpreise, und bis hin zum Büchner-Preis wurde Dorst mit zahllosen deutschen und internationalen Auszeichnungen bedacht. Für ihn kein Grund zu ruhen.

Jetzt kommt der „Ring“-Kampf, danach kommen seine dreißig weiteren Stücke, er sprüht zusammen mit Ursula Ehler vor Plänen. Dass Tankred Dorst heute so jung so alt wird, ist unglaublich und schön.

Die Städtische Galerie im thüringischen Sonneberg zeigt über den im heutigen Ortsteil Oberlind geborenen Autor die Ausstellung „Tankred Dorst. Leben und Werk“ (bis 29. Januar, dazu als Sonderdruck „Prosperos Insel“ mit neuen Texten des Autors, 10 €). – Infos: www.sonneberg.de

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