Kultur : Die Welt hinter den Dingen

Der Bauhausschüler Horacio Coppola bei argus fotokunst

Hans-Jörg Rother

Als jungen Mann faszinierten den Argentinier Geländer, Treppenhäuser und die heitere Verbindung der Dinge, und sei es eines Eies und eines Bindfadens auf einer Tischplatte. In einem Buch von Jorge Luis Borges von 1930 konnte er seine ersten Fotografien veröffentlichen, aber erst mit der Reise nach Europa im gleichen Jahr entschied sich der 1906 in Buenos Aires geborene Jurastudent endgültig für die Fotokunst. Am inzwischen von Dessau nach Berlin ausgewichenen Bauhaus passten seine Versuche gut zu der von Walter Peterhans vertretenen Leitidee, die Körperlichkeit der Dinge zu würdigen. Bald hatte der junge Fotograf aus der neuen Welt aber auch privat in Berlin Fuß gefasst. Im Studio „ringl + pit“ verliebte er sich in Ellen Auerbachs Mitstreiterin Grete Stern. Von ihr schuf er 1933 eine wahre Ikone der Schönheit, vielleicht das bewundernswerteste Stück der Ausstellung in der Galerie argus (Preise zwischen 1000 und 1500 Euro).

Niemand scheint in Berlin den Namen Horacio Coppola im Gedächtnis behalten, nie jemand nach dem Mann geforscht zu haben, der Deutschland 1933 an der Seite von Grete Stern Richtung Paris verließ, wo er unter anderem Mark Chagall feinfühlig porträtierte und eine filmische Hommage an „Die Kais von Paris“ schuf, bis er sich 1934/35 kurze Zeit in London niederließ, nun als Ehemann Grete Sterns. Womöglich war sie es, die Coppola auf den blinden Bettler aufmerksam machte, der seine Mütze den Passanten hinhält, ein Werbeschild mit der Aufschrift „Success!“ wie blanken Hohn im Rücken. 1936 richtete sich das Paar in Buenos Aires ein gemeinsames Studio ein und stellte auch gemeinsam aus. Eine Tochter wird geboren, 1940 ein Sohn. Doch nur drei Jahre später beendet die Scheidung dieses Kapitel im Leben des argentinischen Meisters.

Das Wissen über lateinamerikanische Fotografie ist in Deutschland nicht sehr groß. In Europa ist Coppola am besten noch in Spanien bekannt. Selbst der Foto-Galerist Norbert Bunge stieß in Buenos Aires eher zufällig auf den inzwischen 97-Jährigen, als er nach dem Werk von George Friedman forschte, den er in einer Ausstellung im vergangenen Sommer vorstellte. Gut vierzig Originalprints brachte Bunge mit nach Berlin, fast alle sind schwarz-weiß. Der Stil lässt den Einfluss der großen Franzosen wie Cartier-Bresson erkennen; mal kommt, gerade in späten Jahren, mit der Lust am Experiment das Bauhaus wieder zum Vorschein, wie bei der „Hommage an Picasso“ aus dem Jahr 1992.

Den stärksten Eindruck aber hinterlassen die Arbeiten, die zu dem großen Fotoessay über Buenos Aires von 1936 gehören. Coppola bezog hier gern einen erhöhten Standort, der ihm den Überblick verschaffte, etwa über die ins Leere führenden Gleise der Bahnhofshalle, über unendlich lange Magistralen oder eine Straßenkreuzung, an der noch die Elektrische und Pferdedroschken einander begegnen. Der gepflegte Park nebenan nichts von den großen Krisen ahnen lässt, die über das Land hereinbrechen sollten. Coppolas Fotografien sind Dokumente aus einer anderen Zeit, vor allem aber eines Künstlerlebens, das sich nicht den Bedingungen der Politik unterwarf. Coppolas offener Blick, sei es nun auf eine steinerne Bank oder in die Mechanik einer Schreibmaschine – was für eine Entdeckung!

argus fotokunst, Marienstraße 26, bis 29. Februar; Mittwoch bis Sonntag 14–18 Uhr .

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