Kultur : Die Welt hinter den Wörtern

Kerstin Decker

Sie spricht über das Gute und Böse, über Recht und Freiheit. Über die überlebensgroßen Singulare. Die alten Oxford-Mauern kennen diese Singulare gut. So beginnt "Iris". Und jeder ahnt, dass unsere Sterblichkeit nur eine Täuschung ist. Denn der Geist ist unendlich. Weil die Singulare unendlich sind. Können die, die von ihnen wissen, dann endlich sein? Die wirklichen Philosophen glauben nicht an den Tod. Iris Murdoch war eine Philosophin.

Man nannte sie die "brillanteste Frau Englands". Sie schrieb 26 Romane. Ihr letztes Buch, "Jacksons Dilemma", erschien 1996. Im Sommer 1997 traf der Regisseur Richard Eyre Iris Murdoch in Oxford. Sie fragte ihn, was er denn arbeite. Er sagte ihr, was er arbeitete. Ein paar Minuten später fragte sie mit aufrichtigem Interesse: Und Sie, was arbeiten Sie eigentlich? - Drei Jahre später hätte Richard Eyre antworten müssen: Ich mache einen Film über Sie! Über die unerbittliche Fragestellerin.

Soll man sie so nennen - die unerbittliche Fragestellerin? Und später die Erfinderin einer neuen Sprache, nachdem die alte, gewohnte, anfing, Iris Murdoch zu meiden? Oder soll man das Wort benutzen, dass gleich alle Räume auslöscht, in die einer - eine - sich flüchtet, wenn sie aus den gewohnten vertrieben wird: Alzheimer. Es ist schon wahr. Alzheimer ist auch eine Widerlegung des Platonismus. Wenn Ronald Reagan irgendwann begann, auf einem großen, schwankenden Pferd in eine große, schwankende Abendsonne zu reiten - vielleicht hat sich der Modus seines So-seins gar nicht sehr verändert? Aber eine Schriftstellerin, die plötzlich ohne Worte auskommen muss?

Trotzdem. "Iris" ist kein Film über Alzheimer. Es ist vielmehr ein Film über die Räume nach den Räumen, über die Sprache nach der Sprache. Und es ist, das vor allem, ein Film über die Liebe nach der Liebe. Kann sein, dass diese Liebe noch größer ist. Furchtbarer ist sie auch.

Judi Dench ist Iris Murdoch. Jim Broadbent ist John Bayley. Der Literaturkritiker John Bayley war vierzig Jahre lang mit der wirklichen Iris Murdoch verheiratet, er blieb auch die letzten drei bei ihr. Er betrat mit ihr die Räume nach den Räumen, nicht ohne Aggression, nicht ohne Verzweiflung. "Iris" mutet auch uns diesen Gang zu; er schafft eine Zwischenwelt: das chaotische, unaufgeräumte Haus der beiden alten Menschen, in dem längst die Dinge die Herrschaft übernommen haben und nur noch schmale Gänge für die Lebenden bleiben.

Aber John ist doch von Beruf Aufräumer, er ist ein Kritiker. Normalität ist nur ein Grenzfall des Nichtnormalen und damit werden alle Räume weit. Weit und sehr eng zugleich. Denn "Iris" ist auch ein bedrückend klaustrophobisches Kammerspiel, in das jähe Bilder der Jugend fallen (Kate Winslet als junge Iris). Aber nun kann sich die einstige Virtuosin nicht mehr wehren. Die Bilder des "Einst" dringen ungeschützt auf sie ein. Verstand ist ein Überlebensschutz gegen Fühlen-Müssen, Judi Dench zeigt das.

Nein, wir werden diesen Film nicht "kritisieren". Gelungenheit ist ein zu kleiner Maßstab. "Iris" setzt unseren allzu gegenständlichen Verstand, unseren Alltags-Positivismus, den klinischen Blick auf die Welt für zwei Stunden ungewohnten Schwingungen aus. Das ist genug für einen Film.

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