Kultur : Die Welt hinter der Windschutzscheibe

Michaela Nolte

Ed Ruscha ist in Büchern zur Malerei ebenso vertreten wie in Kompendien zur Fotografie; mal firmiert er als Pop-Pionier, dann als Wegbereiter der Konzeptkunst. Sich selbst bezeichnete der 1937 in Nebraska geborene Ruscha als "Maler wider Willen"; seine Fotografien publizierte er in den 60er Jahren in Form von Taschenbüchern, die heute Kultstatus genießen. Werbegrafiker wollte Ed Ruscha werden. 19-jährig entfloh er dem kulturarmen Oklahoma in Richtung Los Angeles. Seit Steinbecks Welterfolg "Früchte des Zorns" galt ihm Kalifornien als gelobtes Land. Am Chouinard Art Institute, der Kaderschmiede für Disney-Zeichner, studierte er angewandte und freie Kunst. Den vorherrschenden Abstrakten Expressionismus empfand er als einengend, zu seiner Inspirationsquelle wure Los Angeles.

Zeigen die ersten Wortbilder 1959 deutlich expressive Spuren, zitiert "ACE" 1962 den expressiven Gestus als ironisches Statement: Pastos schwappen Pinselspuren wie Wellen um die Buchstaben. In der großen, schwarzblauen Fläche hat Ruscha seinen Weg gefunden. "Standard Oil Station" spiegelt 1963 im flächig-abstrakten Realismus und der filmischen Perspektive Ruschas gesamtes Bildvokabular. Wenngleich sein Verhältnis zur Malerei ambivalent bleibt, geraten die Innovationen nie bilderstürmerisch, sondern zutiefst visuell, wie Gijs van Tuyl, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, im Katalog schreibt. Mit Schießpulver zeichnet er scharfkantige Wortkörper: "Sin", "Dusty" oder "City" steht da eher ruhig als explosiv. Ebenso gelassen wirkt seine Rebellion gegen die Autoritäten der Kunst. In "The Los Angeles County Museum on Fire" (1965-68) lodern die Flammen nicht bedrohlich, sie züngeln an der Gebäuderückseite, wie um im Kehraus Platz für das Neue zu schaffen.

Der Traumfabrik Hollywood, der Werbung und dem urbanen Raum entlehnt Ruscha Muster und Typographien, die er zu rätselhaften Chiffren verwandelt. In "A Certain Form of Hell" von 1983 schweben die Lettern vor dem farbtrunkenen Fond. Das Wechselspiel von Vorder- und Hintergrund entfaltet zwischen Kitsch und Hintersinn ein unnachahmliches Echo. "Der Satz bestimmt einen Ort im logischen Raum", heißt es bei Wittgenstein. Ruscha verortet seine Sätze auf den Highways. Kerry Brougher, Direktor des Oxford Museum of Modern Art, der die Ausstellung konzipierte, subsumiert sein Werk als "Vision der Welt durch die Windschutzscheibe". Was die Gemälde metaphorisch verdichten, wird im Fotobuch zum Laborversuch. Neben den "26 Gasoline Stations" zeigt der Blick auf die "34 Parking Lots" ein Ordnungssystem, das bis heute Künstler wie Filmemacher beeinflusst.

Mit der letzten von sechs Stationen ist es dem Kunstmuseum Wolfsburg gelungen, die erste Deutschland-Retrospektive Ruschas zu präsentieren. Die kabinettartig angelegten Räume scheinen zum Topos der Weite zunächst konträr. Doch vermittelt Ruscha in der Tat die "Idee" von Entfernung. Selbst Ende der 80er Jahre, als die Worte Gegenständen weichen, ist das graue Sfumato nicht nur als Reminiszenz an den Schwarz-Weiß-Film zu lesen, sondern evoziert ureigene Abstraktion. Die "Metro Plots" erneuern noch einmal Ruschas Landschaftskonzept. Wie Stadtpläne fokussieren sie die Struktur der Highways als Nahaufnahme. Lapidar eingeschrieben vermitteln Straßen- und Stadtnamen ein inneres Bild der Distanz von "Portland nach Memphis", von "Albuquerque nach Indianapolis". Neben zwei "Metro Plots" im Kunstmuseum ist die Serie ausführlich im Kunstverein Wolfsburg zu sehen. "Imagining L.A." zeigt zudem das 1966 fotografierte Künstlerbuch "Every Building on The Sunset Strip" als siebeneinhalb Meter langes Leporello.

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