Kultur : "Die Welt im Notizbuch": Die Tränen des Korrespondenten

Markus Hesselmann

Ryszard Kapuscinski begleitet 1995 die UN-Flüchtlingskommissarin nach Äthiopien, ins Grenzgebiet zum Sudan. 300 000 junge Menschen sind vom Hungertod bedroht. "Die Alten dort zählten gerade dreißig Jahre. Menschen in Lumpen, elend, an Malaria erkrankt", schreibt der polnische Reporter. Noch am selben Tag fliegt der UN-Tross zurück nach Rom. Die abendliche Piazza Navona ist voller lachender Menschen, "um mich herum Fröhlichkeit, Restaurants, gutes Essen, eine laue Nacht". Der hartgesottene Afrika-Korrespondent bricht in Tränen aus - "was mir selten passiert". Und: "Damals erkannte ich auch, dass es unmöglich ist, meine eigenen Erfahrungen wiederzugeben."

Kapuscinski versucht es trotzdem. Seit den fünfziger Jahren, zumeist als Korrespondent in der so genannten Dritten Welt. Mit "Die Welt im Notizbuch" legt Kapuscinski jetzt - nach "Lapidarium" aus dem Jahr 1992 - den zweiten Teil seiner Reise- und Tagebuchnotizen vor. In der kleinen Form dieser Skizzen liegt der Rohstoff für die großen Reportagen des magischen Realisten ("Afrikanisches Fieber"): Die oft unterschätzte Bedeutung von Kultur und Religion für Konflikt und Entwicklung. Die Stammes- und Klanstrukturen, denen alle Technisierung und Globalisierung nichts entgegensetzen können. Oder auch nur der Einfluss des Klimas, der Hitze, der Wüste auf das Verhalten der Menschen. Seine oft einfachen Wahrheiten trägt Kapuscinski mit der Autorität des Reisenden vor, nicht mit der des Politologen. Und auch nicht mit der des Kriegsberichterstatters. Wenn die zur Krise eingeflogenen Kollegen an die Front eilen, sucht Kapuscinski lieber die Normalität im Ausnahmezustand. Er beobachtet statt festzuhalten. Er hört zu statt mitzuschneiden. Er führt Gespräche statt Interviews. Ein Aufzeichnungsgerät benutzt Kapuscinski nur ungern. Er bevorzugt die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Notieren - und hofft, so etwas von seinen Erfahrungen wiedergeben zu können.

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