Kultur : Die Welt im Quadrat

Wiederentdeckt: die Textilgestalterin Benita Koch-Otte im Bauhaus-Archiv.

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Schmuck und Lehrmittel. Aquarellierter Doppelentwurf für den Kinderzimmerteppich 1923. Foto: Bauhaus-Archiv
Schmuck und Lehrmittel. Aquarellierter Doppelentwurf für den Kinderzimmerteppich 1923. Foto: Bauhaus-Archiv

Der Teppich sollte nicht nur Schmuck sein, sondern auch nützlich. Kinder sollten die Zacken des Musters mit ihren Fingern abzählen und mit Hilfe der verschiedenen bunten Quadrate Farben lernen. Die Künstlerin Benita Koch-Otte hatte das pädagogische Konzept gleich mit eingewebt, ganz nach den Ideen des Bauhauses, dass Gestaltung in den Lebensalltag hineinwirken soll. Der Teppich, 1923 entworfen, ist eine ihrer bekanntesten Arbeiten und fehlt daher auch nicht in der Ausstellung, die Benita Koch-Otte nun als eine herausragende Textilgestalterin ehrt. Das Bauhaus-Archiv hat sie wiederentdeckt. Denn heutzutage ist die 1892 in Stuttgart geborene Künstlerin allenfalls Spezialisten geläufig. 1976 starb Benita Koch-Otte, in den Siebzigern fanden auch ihre letzten Einzelausstellungen statt.

Wie sehr sie jedoch, erst als Schülerin und später auch als Mitbegründerin der Färbereiwerkstatt im Bauhaus, Ansehen genoss, zeigt allein die Tatsache, dass vier ihrer Arbeiten für die Staatlichen Kunstsammlungen in Weimar ausgewählt wurden, als die Schule nach Dessau umzog. Benita Koch-Otte ist kanonisiert. In ihr Zeugnis schrieb Bauhaus-Gründer Walter Gropius von ihren „außergewöhnlichen“ Leistungen. 1927 gestaltete ihre Werkstatt für die Stuttgarter Werkbundsiedlung Gardinen, Möbelstoffe und Teppiche. Ebenso stattete sie das Restaurant auf dem Flughafen Halle- Leipzig aus.

Die Ausstellung ist Teil der Veranstaltungsreihe „Bauhaus weiblich“, die sich dem Leben und Werk der Bauhäuslerinnen widmet. Dazu gibt es Vorträge und Diskussionen. Im Herbst und Winter folgen Ausstellungen zu den beiden Künstlerinnen Lou Scheper-Berkenkamp und Gertrud Arndt.

Textilobjekte, Webproben, Zeichnungen, Skizzen und Fotografien bringt die Schau zu Koch-Otte zusammen, aus Museen und von privaten Leihgebern. Im Mittelpunkt steht die Schaffensphase zu Zeiten der Weimarer Republik, von den Anfängen 1920 im Bauhaus bis zur Burg Giebichenstein, der Kunstgewerbeschule in Halle, in der die Künstlerin von 1925 bis 1933 die Handweberei-Werkstatt leitete. Nur kurz erwähnt wird die Zeit danach: Sie und ihr Mann, der Künstler Heinrich Koch, werden nach der Machtübernahme der Nazis aus dem Dienst entlassen. Koch-Otte findet eine Stelle in den Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, einer Einrichtung für geistig behinderte und psychisch kranke Menschen.

Aus Koch-Ottes Zeichnungen, Skizzen und Farbfeld-Experimenten sprechen ihre frühen Lehrer. Ein mit lässigen Schwüngen aufs Blatt geworfener Löwe, zum Sprung bereit, muss in der Bauhaus-Klasse von Johannes Itten entstanden sein. Rhythmus und Bewegung war dem Künstler wichtig. Koch-Ottes bunten Prismen von Stadtpanoramen erinnern stark an Lyonel Feininger. Andere geometrische Studien lassen an Theo van Doesburg und seine De Stijl-Klasse denken. So weist die Ausstellung über das Werk einer einzelnen Frau hinaus.

In ihren Textilarbeiten ist die Künstlerin dem Quadrat immer treu geblieben. Sie hat es variiert, ihm eine Binnenstruktur und Muster gegeben, gesplittet, gespiegelt, gedreht, großflächig und kleinteilig. Von anfänglich freundlichem Rosa, Blau und anderen Bonbon-Farben rutscht die Palette ins erdige Rot, Aubergine und Braun. Die Hängung lässt diese Entwicklung wunderbar nachvollziehen. Überraschend ist, wie heutig und modern manche Textilien immer noch wirken. Der berühmte Kinderteppich lässt sich mit zwei Entwurfszeichnungen vergleichen. Sie weichen vom Original ab, das am Boden liegt. Immer wieder hatte Benita Koch- Otte sich beim Knüpfen und Weben von spontanem Schöpfergeist leiten lassen. Nie hat sie die Nähe zur Industrie gesucht. Ihr Schaffen ist Kunsthandwerk, bei dem der Künstler im Vordergrund steht, nicht das Handwerk.

bis 27. August, Klingelhöferstraße 14, Mi-Mo 10-17 Uhr. Katalog 18,50 €.

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