Kultur : Die Welt im Zelt

Gesamtkunstwerk Zirkus: André Hellers Show „Afrika! Afrika!“ gastiert in Berlin

Christian Schröder

Der Artist in der Zirkuskuppel: schwerelos. An zwei Seilen haben sie ihn hochgezogen in die Kuppel, einen Moment hängt er waagerecht in der Luft. Der Oberkörper des kleinen drahtigen Mannes ist nackt, an seiner Hose funkeln Pailetten. Er lächelt. Dann dreht er sich in die Vertikale, stemmt seine Beine zur Kerze und beginnt, wirbelnd um die eigene Achse zu rotieren. Sanfte E-Piano-Akkorde wehen durch den Raum, das auf Wohnzimmergemütlichkeit heruntergedimmte Scheinwerferlicht bricht sich in Hunderten von Strahlen, die wie Sterne über die Decke tanzen. Zweitausend Zuschauer in der ausverkauften Arena haben ihren Kopf in den Nacken gelegt. Sie staunen: über diesen Mann, der hoch über ihnen kreiselt, flattert, sich überschlägt, in aberwitzigem Tempo, nur gehalten von zwei handtuchschmalen Stücken Stoff, die Figuren wechselt und dabei lächelt, als würde das alles ihm keinerlei Mühen machen.

Jean-Claude Belmat, ein Strapateur aus Martinique, gehört zu den Hauptattraktionen von André Hellers neuer Zirkusproduktion „Afrika! Afrika!“, die nach Stationen in Frankfurt, Hamburg und München nun in Berlins neuer Mitte angekommen ist: in einer Zeltstadt auf der sandigen Brache am Hauptbahnhof, die neben dem High-Tech-Neubau wie eine Fata Morgana aus Tausendundeiner Nacht ausschaut. Strapateure, benannt nach ihren schlaufenartigen Seilen, den Strapaten, sind auch im europäischen Zirkus nicht selten. Exotisch wird Belmats Auftritt erst dadurch, dass er von drei Assistenten begleitet wird, die riesige, grellbunt bemalte Tiermasken tragen.

Mehr als einhundertfünfzig Artisten, Tänzer und Musiker – manche von ihnen sind das alles auch auf einmal – wirbeln in zweieinhalb Stunden durch die Manege. Vor allem im ersten Teil ächzt der Abend unter der Kurzatmigkeit seiner Dramaturgie, die jede Sensation mit einer noch größeren Sensation zu überbieten versucht. Auf das Eröffnungsbild, bei dem zwei Dutzend Tänzer aus Senegal, Guinea, Südafrika und der Elfenbeinküste, angetrieben von den Bongo-Rhythmen der zehnköpfigen Kapelle, die Bühne im trommelnden Stakkato ihrer Beine erobern, folgt eine Schwertjonglage aus Ägypten. Huit Huit, ein Schlangenmensch aus Angola, läuft im Krebsgang auf den Händen und winkt dabei mit seinem rechten, über dem Kopf verkreuzten Fuß ins Publikum. Außerdem kann er seinen Kopf und beide Arme in einen Tennisschläger, dem die Saiten fehlen, pressen und den Tennisschläger dann über Brust und Bauch nach unten gleiten lassen, wobei in seiner eingezogenen Bauchdecke noch – bizarr – eine Plastikflasche steckt.

Vieles, was man in dieser Show zu sehen bekommt, ist erstaunlich, manches umwerfend. Heller träumt, wieder einmal, von einem zirzensischem Gesamtkunstwerk. Streng genommen beginnt die Vorstellung, das Eintauchen in den vom Wiener Impresario beschworenen „Kontinent des Staunens“, schon am Eingang, wo die Kartenabreißer marokkanische Trachten tragen. Folkloristisch bunte Teppiche führen in die „Zeltpaläste“, durch die ein labyrinthischer Weg, von funzligen Lampen erleuchtet, an Essens- und Souvenirständen vorbei wie durch einen Basar ins amphitheaterartige Hauptzelt führt. Das Bühnenbild erinnert an einen gigantischen Totenkopf, in dessen oberem Teil die Band hockt, während der Mund darunter immer neue Attraktionen in die Manege spuckt. Voodoo-Magie.

Afrika ist in der Hiphop-Moderne angekomen, dafür stehen hinreißende Breakdanceeinlagen und Einradvirtuosen, die Basketball spielen. Allerdings leben nur noch zwei der Breakdancer in Südafrika, die anderen kommen aus Frankreich. Und die Einradtruppe stammt aus New York. Das artistische Können dieses Multikulti-Zirkus ist kaum zu überbieten, was ihm allerdings fehlt, sind Clowns. Immerhin ist Elliot Mohlamme dabei, ein Exzentriker aus Johannesburg, der eine riesige Holzschildkröte hinter sich herzieht. Er sagt „My name is“, dann folgt ein unwiederholbares Wort, das aus cirka 400 Vokalen besteht. Lustig!

Zeltpaläste am Hauptbahnhof, bis 2. September, Di – So 20 Uhr, Sa/So zusätzlich 15 Uhr. Tickets: 01805/725299

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