Kultur : Die Welt in der Kleinstadt

Sherwood Andersons Geschichtenzyklus „Winesburg, Ohio“ in zwei Neuübersetzungen.

von

Wer sich je mit Hemingway oder Faulkner beschäftigt hat, ist irgendwann auf den Namen Sherwood Anderson gestoßen – einen Erzähler, den beide Nobelpreisträger als maßgebliche Inspiration gepriesen haben. Anderson (1876–1941) hat viel geschrieben. Trotzdem gehört er zu den Autoren, die vor allem mit einem Werk in die Hall of Fame der Literaturgeschichte eingegangen sind: „Winesburg, Ohio“.

Das Porträt des fiktiven Ortes, 1919 erschienen, ist ein Zyklus von 21 Geschichten, der sich beinahe zum Roman rundet. „Eine Reihe Erzählungen aus dem Kleinstadtleben Ohios“ lautet der Untertitel. Das klingt beschaulich, zumal die Geschichten Ende des 19. Jahrhunderts spielen. Aber zugleich hat die am Anbruch der Moderne stehende Pferdefuhrwerkswelt von „Winesburg, Ohio“ noch eine dunkle Seite, die im ursprünglich vorgesehenen Titel anklingt, den nun das Anfangskapitel trägt: „Das Buch vom Grotesken“.

Von heiler Welt kann nicht die Rede sein. Alle leiden an psychischen Verkrüppelungen, jeder hat beim Versuch, Liebe oder ein bisschen Bedeutung im Leben zu erlangen, ein Trauma erlitten, eine nicht mehr heilende Wunde, deren Schmerz den Figuren die groteske Haltung aufzwingt. Da ist zum Beispiel Wing Biddlebaum, ein „dicker, kleiner, alter Mann“ – aber ein paar Seiten später erfährt man, dass er gerade mal vierzig ist. Eine merkwürdig verschreckte Existenz, immer bemüht, seine nervösen Hände zu verstecken. „Hände“ ist die Geschichte einer knapp vereitelten Lynchjustiz. Früher war Biddlebaum einmal Lehrer in einer anderen Stadt, und den Eltern dort gefiel es nicht, dass die Hände des Pädagogen den Schülern gern übers Haar strichen.

Winesburg ist, bei aller Dezenz des Stils, ein Käfig unerlöster Triebschicksale – erstklassige Jagdgründe für Freudianer. Die Verkäuferin Alice wartet jahrelang auf die Rückkehr ihrer Jugendliebe aus der Großstadt. „Sie war sehr still, doch unter einem sanften Äußeren gärte es unablässig.“ Eines Nachts läuft sie, fast verrückt vor Einsamkeit, nackt auf die Straße, um sich dem nächsten Mann an den Hals zu werfen. Das aber ist ein Schwerhöriger, der nicht versteht, was sie will. Die Geschichte endet, nicht als einzige, in Beschämung. Der Pfarrer des Ortes folgt einer voyeuristischen Obsession: Durch ein Fenster seiner Kirche hat er Blick in das Schlafzimmer einer Lehrerin. Diese wiederum, der mit dreißig das Schicksal der alten Jungfer droht, schwärmt für einen ihrer Schüler und verliert in seiner Gegenwart die Kontrolle.

Dumpfes Sehnen, gequälte Triebe – das ist die Liebe in Winesburg. „Unter den wachsamen Augen der Nachbarn und ihrem allfälligen Klatsch vergeht ein Leben sichtbar wegen einer verpassten Gelegenheit, einer verhinderten Leidenschaft“, schrieb John Updike über diese Geschichten, die sein eigenes Schreiben beeinflussten. Dazu macht einigen Figuren ein das Wahnhafte streifender religiöser Hunger zu schaffen. Im längsten Stück, der vierteiligen Geschichte „Gottesfurcht“, öffnet sich die junge amerikanische Provinz in alttestamentarische Zeitentiefe.

Wie in den „Dubliners“ von James Joyce fügen sich die erzählten Einzelschicksale zu einem Panorama der Paralyse – so Joyce’ Begriff für die gesamtgesellschaftlichen Lähmungserscheinungen. Die Winesburger sind erstarrt in Fratzen des Begehrens und inadäquaten Verhaltensweisen; die berühmte Komiktheorie des Zeitgenossen Henri Bergson (das Komische als Erstarrung von etwas Lebendigem) ließe sich hier illustrieren. Andersons Buch ist allerdings mehr als eine Sammlung von Sonderlingen. Flexibilität, Neugier und Lebensoffenheit sind in der Hauptfigur verkörpert, dem jungen Kleinstadtreporter George Willard, der vom Aufbruch in die Großstadt und einer Karriere als Journalist und Schriftsteller träumt.

Einige Geschichten stellen seine prägenden Jugenderfahrungen dar: erste Lieben, Tod der Mutter, philosophische Erschütterungen. Darüber hinaus ist George Willard in fast allen Geschichten als Medium präsent. Der Kleinstadt-Hermes ist ständig auf der Suche nach Geschichten, er wird von den anderen aufgesucht, die sich von ihm Verständnis versprechen. Nicht nur sechs Personen, eine halbe Kleinstadt sucht hier ihren Autor. Hemingway fand mit Anderson den Autor eines spröden Realismus, der sich nicht mit dem Abschildern von Oberflächen begnügt, sondern wie in Hebelwirkung das Innere der Figuren aufschließt.

Dass nun zeitgleich zwei Neuübersetzungen von „Winesburg, Ohio“ erschienen sind, verdankt sich nicht dem Zufall, sondern den siebzig Jahre nach dem Tod des Autors freigewordenen Rechten. Eike Schönfeld übersetzt ein wenig wortgetreuer und richtet sein Vokabular mehr nach einem Werk aus, das fast hundert Jahre alt ist. Mirko Bonnés Fassung dagegen liest sich oft flüssiger, man stolpert seltener über Formulierungen, die ein bisschen altmodisch oder gestelzt wirken. „For years he had been beset with notions concerning his heart“, heißt es über den alten Schriftsteller. „Jahrelang hatten ihn Ahnungen betreffend sein Herz bedrängt“, liest man Schönfeld, was bei aller Genauigkeit ungelenk klingt. Bonné nimmt sich die Freiheit, die Konstruktion zu vereinfachen: „Seit Jahren machte er sich Sorgen um sein Herz.“

Oft wirken Bonnés Formulierungen pointierter. „Das Leben des Buchhalters war eine einzige Erbsenzählerei“, übersetzt er. Dagegen Schönfeld: „Das Leben des Buchhalters setzte sich aus unzähligen kleinen Belanglosigkeiten zusammen.“ Aber beide Übersetzungen sind gediegene, engagierte Arbeiten, und bei der Parallellektüre findet man Vorzüge und kleine Schwächen im Wechsel. Wer ein wenig Patina goutiert, sollte zu Schönfeld greifen, wer eine Übersetzung als Auffrischung vorzieht, ist mit Bonné besser bedient. Aber ob Flecken oder Pusteln, freuen kann man sich auf jeden Fall über den hohen Stand der hiesigen Übersetzungskultur, die solche Vergleichslektüren erst möglich macht.

Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio. Eine Reihe Erzählungen aus dem Kleinstadtleben in Ohio. Neu übersetzt und mit einem Essay von Mirko Bonné. Schöffling, Frankfurt a. M. 2012. 310 S., 22,95 €.

Winesburg, Ohio. A. d. Englischen von Eike Schönfeld. Nachwort Daniel Kehlmann. Manesse, Zürich 2012. 301 S., 21,95 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar