Kultur : Die Welt ist ein Bordell

„Body Attack“: Ismael Ivos Tanzbiennale in Venedig

Sandra Luzina

In ihrer ersten Nacht in Venedig konnten die 16 Indios Xavante nicht schlafen. Sie fragten ihren Anführer, ob er ein Gebet sprechen könne, damit die Wasser nicht steigen. Am nächsten Morgen fühlten sich die brasilianischen Teilnehmer der Tanzbiennale fast wie zu Hause - und wollten gleich fischen gehen. Venedig in den Eröffnungstagen der Biennale – das sind vor allem reiche Jagdgründe für Kunstliebhaber aus aller Welt. Unter dem Dach der Kunstschau hat auch der Tanz sein Revier gefunden: Ismael Ivo, der in Berlin lebende afrobrasilianische Tänzer und Choreograf, leitet das 3. internationale Festival des zeitgenössischen Tanzes – und erklärt es kurzerhand zur „Biennale der Körper“. Doch Kunst- und Tanzbiennale, das sind Paralleluniversen, zwischen denen es kaum Berührung gibt. Wer die abgründigen Körperbilder der Ausstellung „Always a Little Further“ im Arsenale vor Augen hat, wer zu den fließend-zerfließenden Mädchenleibern in Pipilotti Rists Videoprojektion in San Stae aufschaute und liegend dahinschmolz, dem muten diese Tanz-Darbietungen altbacken an.

Dabei hatte es verheißungsvoll angefangen. Als Vorspiel hatte William Forsythe Ende Mai seine Installation „You made me a monster“ gezeigt. Die Zuschauer waren aufgefordert, die Einzelteile eines Plastikskeletts ohne Bauplan zusammenzusetzen. Der Tanz war ein Echo auf die monströsen Anatomien, die da entstanden. Forsythes Rekonfigurationen des Körpers ermöglichten eine ergreifende Erfahrung. Beim „Tanz im August“ wird die Installation auch in Berlin zu sehen sein.

Ismael Ivo selbst eröffnete das Festival mit der Uraufführung „Eréndira“, gefolgt von einem Feuer-Ritual der Indios Xavante. Brasiliens Kulturminister Gilberto Gil saß im Publikum und sang sogar mit. Angeregt von García Marquez trauriger Geschichte von der jungen Eréndira, die von ihrer herzlosen Großmutter zur Prostitution gezwungen wird, erzählt Ivo über moderne Sexsklaven und Elendsflüchtlinge. Die schwarze Schauspielerin Cleide Eunice Queiroz dominiert die Szene mit ihrer Körperfülle. Sie gibt die Oma als brasilianische Domina und zeigt auch mal ihren gewaltigen, weiß gepuderten Busen her. In Blondieperücke und Kinderunterhosen werden die Mädchen in einem Glaskasten ausgestellt, wo von ihnen nur Beine und Unterleib zu sehen sind, als wär’s die Perspektive der Freier.

Ivo hat für seine Reflexion über den „global body“ und die Welt als Bordell Tänzer unterschiedlicher Herkunft versammelt. Doch es fehlt an choreografischer Durchformung. Zu viel Gefummel! Denn eigentlich – so suggeriert das Stück – wollen alle zurück in den Schoß der Urmutter. Damit reproduziert Ivo Ethno-Klischees, gegen die er anrennen will. Ob man die Rituale der Indios nun im Kunst-Kontext zeigen muss, darüber lässt sich streiten. Anthropologisch interessant war das Ritual allemal, streng choreografiert obendrein.

Jan Linkens aber muss von allen guten Geistern verlassen gewesen sein, als er für die Tänzer von Danza Contemporánea de Cuba das Stück „Compas“ kreierte. Der holländische Chroegraph arrangiert schlimmen Ethno-Kitsch, gekrönt von Dirty Dancing zu Mambo-Klängen und einer billigen Publikumsanmache. Damit der Peinlichkeiten noch kein Ende. Nächstes Beispiel: die Foto-Ausstellung von Dieter Blum, der prominente Tänzer nackt in Aktion abgelichtet hat. Ungebrochen wird hier der schöne Körper verherrlicht, dass man am liebsten dem Tanz abschwören möchte.

Rettung aber naht: Mit der Berliner Regisseurin Helena Waldmann oder dem in New York lebenden Chinesen Shen Wei sind Künstler eingeladen, die in der Nachbarschaft zur Kunst-Biennale bestehen können. Wei malt mit den Körpern: Die Bewegungen sind als Energie- und Farbspuren im Raum wahrnehmbar, der Grund wird zur Leinwand – und erinnert zum Schluss an ein Werk des abstrakten Expressionismus. Wohin Ivo mit „body attack“ steuert, ist offen. Er selbst posiert auf den Blum-Plakaten übrigens mit der nackten blonden Nadja Saidokova auf seiner Schulter. Die Assoziation an Othello und Desdemona liegt nah, zumal Ivo selbst einmal einen hinreißenden Mohren von Venedig getanzt hat. Diese Stilisierung zeugt von Selbstbewusstsein und Ironie. Den „globalen Körper“ will Ivo zeigen in seiner Diversität und dabei Stereotypen attackieren. Jetzt muss er nur noch beweisen, dass auch der Tanz avancierte Positionen vertritt. Und dass er der Kunst nicht allein das Feld überlässt.

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