Kultur : Die Welt ist eine Geschichte

Buchmesse Frankfurt: der indische Pavillon

Gerrit Bartels

Messedirektor Jürgen Boos ist sichtlich erfreut, als er am ersten Buchmessentag zu einer weiteren Eröffnung schreitet: der des indischen Pavillons in Halle 6. Nie zuvor, so Boos stolz und bewegt, habe es auf der Frankfurter Buchmesse eine so große Gastlandpräsentation gegeben. Tatsächlich kann man anders als in den vergangenen Jahren dem diesjährigen Gastland kaum aus dem Weg gehen. Schon in der Nähe des Eingangs bekommt man erste sinnliche Eindrücke: Das Restaurant bietet „authentisches indisches Essen“ an.

Im darüberliegenden Forum präsentiert sich Indien mit Ausstellungen und Lesungen, hier kann sich der Besucher über die Entwicklung indischer Schriften und ihrer Kalligrafie informieren oder auch dem indischen Autor und Filmemacher Girish Karnad zuhören. Karnad erzählt, dass er kurz vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde und eigentlich das Kriegsende und die indische Unabhängigkeit 1947 bewusst miterlebt haben müsste. In seinem Dorf hätte all das aber keine Rolle gespielt, wichtig wäre nur eins gewesen: das Geschichtenerzählen, in der Familie, in der Dorfgemeinschaft.

In den Hallen 3 und 4 residieren die deutschen Verlage. Auch sie widmen sich Indien, vier Tage lang hilft ihnen der bulgarisch-deutsche Romancier Ilija Trojanow dabei. Schließlich hat Trojanow fünf Jahre in Bombay gelebt, jetzt ist er im Dauereinsatz und stellt an den Ständen der Verlage und Fernsehsender indische Autoren vor. Zum Beispiel den Schriftsteller und UN-Politiker Shashi Tharoor, der in Frankfurt seinen „Bollywood“-Roman präsentiert. Trojanow fragt, warum Bollywood ein globales Phänomen sei und was er vom Bollywood-Boom in Deutschland halte. Tharoor erläutert, dass das indische Mainstream-Kino außerhalb Europas schon lange beliebt sei. Überall auf der Welt läuft es in den Kinos, bereits in den Sechzigerjahren wurde es in den Mittleren Osten und nach Afrika exportiert.

Der Vorteil von Bollywood sei eben, dass man die Musical-Melodramen auch ohne indische Sprachkenntnisse verstehen könne. Musik, Kostüme und einfache Handlung werden im tiefsten Senegal genauso goutiert wie in der bayrischen Provinz. So gesehen, schließt Shashi Tharoor seine Ausführungen, stellt sich eher die Frage: „Warum gibt es in Deutschland erst jetzt einen Bollywood-Boom?“

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