Kultur : Die Welt ist rund

Christoph Funke

Der Mann ist hinreißend. Der Mann ist vernagelt. Der Mann ist Fußballtrainer. Thomas Brussig hat ihn erfunden. Einen Alleswisser über fünfzig, mit Bierbauch und krummen Beinen, der sein DDR-Leben wütend verteidigt. Begonnen mit seinem Tun hat dieser Ball-Enthusiast aus dem Magdeburgischen schon vor langer Zeit, um mit seinen Schutzbefohlenen mitwachsen zu können: "Kinder, Knaben, Schüler, Jugend, Junioren - bis Männer". Und dabei lösten sich ihm die Rätsel dieser Welt.

Brussig handhabt, virtuos, einen alten Trick: Er versteckt sich hinter seiner Figur. Das schlichte, cholerische Gemüt des namenlosen Trainers wird zur schützenden Hülle - dem Dampfplauderer braucht man Grenzen für seine biedere Selbstgerechtigkeit nicht zu ziehen. Bei drohendem Regen, vorm Training, darf der Brave den Richter der deutschen Wiedervereinigung spielen, bis die Luft aus den Bällen raus ist.

Dabei liebt Brussig seinen Helden, mit bitterer Verzweiflung allerdings. So kommt es, dass sich in die erschütternde Unbedarftheit des Monologisierenden plötzlich Humor und Scharfsinn mengen. Brussig schlägt mit Lust dialektische Purzelbäume. Er lässt eine klarsichtige Geschichtslektion vortragen - aber der Vortragende bleibt nur Stammtisch-Held mit einem Horizont, der von Torpfosten, Mittelkreis und Eckfahne bestimmt wird. Aus dieser Spannung heraus lebt der kunstvoll präzise und einfache Text.

Gefeiert und gerichtet wird ein Mann, der für die zählebige Gemeinschaft der Missvergnügten, der Zukurzgekommenen steht - im Sport und anderswo, nicht nur im deutschen Osten. Für ein wirklich ordentliches Fußballspiel, so räsoniert der Trainer, habe der Mensch einfach "zu wenig Fuß im Gehirn". Oder: "Seit Fußball machen wir das, was wir nicht können." Der Trainer spricht aus Erfahrung. Er trauert, weil er seinen besten Spieler verlor.

Heiko, der sorgsam aufgebaute Kapitän, hat zu DDR-Zeiten einen Flüchtenden erschossen. Nun wird er, viele Jahre später, zu Bewährung verurteilt - und kann auf dem Platz keinen mehr "umhauen". Das entscheidende Spiel für Mannschaft und Trainer geht folglich verloren. Wie das ganze DDR-Spiel. "Hatte keinen Sinn mehr", sagt der Trainer. Und fängt wieder an, mit Kindern - "bis Männer".

Auf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters, bei der Uraufführung des Monologs, nimmt sich Jörg Gudzuhn dieses namenlosen Übungsleiters an. Und das mühsam gezügelte, brodelnde Temperament eines Predigers in der Fußball-Wüste macht er zum Ereignis. Gudzuhns Trainer braucht Publikum, mal freundlich werbend, mal ungestüm. Kollernder Zorn verbindet sich mit messianischem Eifer, Zusammenbruch und Verzweiflung werden weggesteckt, und dann zeigt Gudzuhn, wie nur noch brüllende Wut bleibt.

Mit weiten Schritten durchmisst der Schauspieler den nüchternen Trainingsraum der Bühne (Elissa Bier), zwingt sich zur Ruhe, versteckt das Aufgestörte hinter Hantierungen, wie sie zur Vorbereitung des Trainings gehören. Regisseur Peter Ensikat ist sorgsam auf Rhythmus bedacht - und so kann Gudzuhn seinen Monolog spielerisch stützen, hat immer zu tun beim Denken und Reden, ob er Bierbüchsen sammelt, Trikots ausbreitet, Turngeräte herumschleppt oder Wimpelketten aufhängt.

Der Konzentration auf den Text ist das leider nicht immer zuträglich. Dennoch, wie die zähe Selbstgerechtigkeit des Trainers nach Verbündeten sucht und sich gleich wieder verschlagen zurücknimmt, zeigt Gudzuhn mit einer verblüffenden Überzeugungskraft. Das Engstirnige, Bornierte führt er ins sympathisch Normale und denunziert es gleich wieder als hinterhältig und gefährlich, mit kaum beherrschtem, grimassierendem Gesicht. Lachhaft, schrecklich, bieder: Dieser Kerl ist nicht zu packen.

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