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Kultur : Die Welt muss wieder interpretiert werden

29.12.2009 00:00 UhrVon Michael Braun
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Meine Stadt. Straßenszene 1986 in der Schönhauser Allee Foto: Caro/Teich - Caro / Teich

Ich bleibe im Lande und nähre mich im Osten: Volker Brauns eigensinniges Arbeitsjournal „Werktage I“

Seinen dialektisch inspirierten Eigensinn hat man diesem melancholischen Sozialisten bis heute nicht austreiben können. Auch wenn das Thema „Literatur und Gesellschaft“ von der Agenda des Literaturbetriebs seit einiger Zeit abgesetzt worden ist: Der Dichter Volker Braun hat sich seinen störrischen Glauben an die sozialistische Utopie von niemandem abhandeln lassen – weder von den Literaturpolitikern der SED, die ihm mit Zensurversuchen zusetzten, noch von seinen Kritikern im Westen, die ihn mit dem Vorwurf konfrontierten, er sei nur ein treuer Vasall der DDR gewesen. Braun hat auf die heftigen Attacken wegen seiner angeblichen DDR-Loyalität ironisch reagiert – und mit Gedichten, die als vertrackte Denkspiele alle Freund-Feind-Erklärungen durchbrechen.

Wer Volker Brauns Ambivalenzen verstehen will, muss zuerst zu seinem trotzigen Bekenntnisgedicht „Das Lehen“ greifen, einer sehr doppelbödigen Treueerklärung an die DDR aus dem Jahr 1980: „Ich bleib im Lande und nähre mich im Osten. / Mit meinen Sprüchen, die mich den Kragen kosten / in anderer Zeit: noch bin ich auf dem Posten.“ Ein paar Zeilen weiter heißt es dann: „Die Bleibe, die ich suche, ist kein Staat. / Mit zehn Geboten und mit Eisendraht.“

Das war in aller Deutlichkeit formuliert – eine Sottise gegen die Repräsentanten des Regimes, die jede Gelegenheit nutzten, um dem unbotmäßigen Dichter Zensurknüppel zwischen die Beine zu werfen. Volker Braun blieb auf seinem Posten, obwohl es ein verlorener Posten war. Was ihn in den späten Jahren der DDR ästhetisch und politisch antrieb und umtrieb, dokumentiert nun sein gewaltiges Arbeits-Tagebuch „Werktage“, ein wuchtiger Backstein von 1000 Seiten Umfang, angefüllt mit strengsten poetologischen und historischen Reflexionen aus den Jahren 1977 bis 1989. Es ist in mehrfacher Hinsicht eine ästhetische Demonstration, die Braun hier vorlegt. Unter dem Datum des 19.8.80 findet man hier auch die Rohform des zitierten „Lehen“-Gedichts, eingefügt zwischen Notizen, die sich auf die Unruhen in Polen beziehen. Allein die Sprachform von Brauns Diarium markiert die Differenz zu den heute üblichen Modi literarischer Selbsterkundung. Hier erhält man nur wenig autobiografische Inspektionen oder privatistische Anekdoten aus dem Lebensalltag eines DDR-Schriftstellers.

Volker Braun folgt stilistisch und motivisch ganz dem „arbeitsjournal“ Brechts, indem er seine „Werktage“ als unablässige Reflexionen über die Produktionsbedingungen eines DDR-Schriftstellers in einer stark reformbedürftigen Gesellschaft anlegt. Die in Kleinschreibung gehaltenen Notate zielen fast durchweg auf die Anstrengung des Begriffs, auf die akribische Ausarbeitung einer kritischen Gesellschaftstheorie und Poetik, die sich mehrfach verneigt vor dem letzten radikalen Roman-Werk eines deutschen Schriftstellers, vor Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“. Die Eintragungen beginnen in der stürmischen Zeit nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns und enden – immer lakonischer werdend – mit den Tagen der Wende, in denen sich der Autor selbst des „Kleinmuts“ bezichtigt. Die Projekte, die Braun in diesen Jahren beschäftigen, stoßen immer wieder auf Verzögerungstaktiken und Schikanen der Kultur-Apparatschiks. Über Jahre hinweg hatte sich der Dichter, etwa bei der Entstehung des „Hinze-Kunze-Romans“ (1985), mit den kleinen und großen Nadelstichen der Zensur auseinanderzusetzen; auch seine Stücke „Dmitri“ (1982) und „Die Übergangsgesellschaft“ (1987) sowie der Gedichtband „Langsamer Knirschender Morgen“ (1987) gerieten immer wieder ins Fadenkreuz der Zensoren. Braun vermerkt penibel die vielen Gespräche, die er mit sympathisierenden Gutachtern wie dem Literaturwissenschaftler Dieter Schlenstedt, aber auch mit zwielichtigen Funktionären wie dem Kulturminister Klaus Höpcke führte. Schroff werden seine Aufzeichnungen, wenn es die opportunistischen Strategien des DDR-Schriftstellerverbands zu bewerten gilt: „in solchen beschämenden augenblicken tritt das naturell unseres autorenpacks wie ein ekler ausschlag zutage. ein feiges schweigen, eine höhnische zufriedenheit.“

Am ergiebigsten an Brauns „Werktagen“ sind die kleinen Porträts von geistesverwandten Autoren, die in den Westen gingen oder wie Braun selbst „im Lande blieben“. Die scharfsinnigen Reminiszenzen an Sarah Kirsch, Karl Mickel oder an den bizarren Rudolf Bahro, der nach seiner ehrgeizigen Dissidentenschrift „Die Alternative“ in den Westen ging und dort zum Bhagwan-Jünger mutierte, sind voller kluger Beobachtungen.

Zu den schönsten Notaten zählen die Bemerkungen zu Karl Mickel, von dem Volker Braun sich die eine oder andere Maxime geborgt hat: „das unbezügliche, affektlose gedicht, sagt er, muss nicht begriffen werden, es kann herumliegen wie ein fels im wald. die welt ist genug verändert worden, sie muss wieder interpretiert werden.“

Volker Braun:

Werktage I. Arbeitsbuch 1977–1989.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 998 Seiten, 29,80 €.

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