Kultur : Die Welt nach Brandenburg

JÖRG KÖNIGSDORF

Nach dem Willen von Brandenburgs Kulturminister Steffen Reiche steht der Kulturlandschaft in dem Bundesland ein radikaler Umbau bevor.Das Musiktheater der Stadt Brandenburg, das Schauspielhaus in Frankfurt / Oder sowie die Brandenburgische Philharmonie Potsdam sollen aufgelöst und das Theater- und Musikangebot durch Fremd- und Verbundproduktionen wahrgenommen werden.Über seine Pläne für sprach Reiche mit Jörg Königsdorf.

TAGESSPIEGEL: Herr Reiche, in Westdeutschland hat sich für dünner besiedelte Regionen das Prinzip Landestheater durchgesetzt.Streben Sie eine solche Lösung auch für Brandenburg an?

REICHE: Im Prinzip haben wir diese Lösung schon für den Südteil des Landes erreicht, wo das Stadttheater Cottbus einen Kulturraum von etwa einer Million Menschen versorgt.Auch der Theaterverbund von Potsdam, Brandenburg und Frankfurt / Oder ist letztlich ein entscheidender Schritt in diese Richtung.

TAGESSPIEGEL: Aber ist es da nicht schwer verständlich, daß die drei Städte immer noch zwei Orchester besitzen?

REICHE: Ein wichtiger Teil unseres Umbaukonzeptes war, daß in jeder Stadt noch eine Institution bleiben sollte, die Kultur produziert.Darin liegt auch der wesentliche Unterschied zur klassischen Landestheater-Lösung, bei der ein Dreispartenhaus die umgebenden Städte bedient.Ich sehe mich nicht als Sparkommissar, wir wollen einen Kulturumbau mit neuen Prioritäten, der der Region besser entspricht.Das heißt, daß bei Museen, Bibliotheken und freien Theatern nicht reduziert wird, weil das Angebot dort angemessen ist.Im Theaterbereich können aber freie Gruppen viel besser eine flächendeckende kulturelle Infrastruktur gewährleisten.

TAGESSPIEGEL: In Brandenburg, Frankfurt und Potsdam entstehen im Moment große Kultur- und Kongreßzentren.Wäre das nicht eine Chance, diese Form mit modernem Kulturinhalt im Sinne der französischen Maisons culturelles zu füllen?

REICHE: Genau das haben wir vor.Die Mittel, die durch die Auflösung der festen Ensembles freiwerden, fließen ja zum Teil in einen Gastetat, mit dem eine größere kulturelle Bandbreite abgedeckt werden soll.Die Brandenburger sollen auch internationale Produktionen zu sehen bekommen, sei es Tanz, Theater oder Musik.Eine solche eingekaufte Produktion kostet etwa zwanzigtausend Mark pro Abend, der Etat dafür beträgt acht Millionen, von kultureller Unterversorgung wird also keine Rede sein können.

TAGESSPIEGEL: Können Sie angesichts der desolaten Finanzlage denn überhaupt gewährleisten, daß diese Mittel nicht immer weiter zusammmengeschmolzen werden?

REICHE: Der Erfolg unseres Kulturumbaus hängt wesentlich von diesem Etat ab.Allein von daher werden wir unser möglichstes tun, ihn zu erhalten.

TAGESSPIEGEL: Ist das klassische Dreispartentheater nicht ohnehin ein überlebtes Modell, das im Land eher mit dem alten System identifiziert wird? Müßte Theater nicht eher für einen Neuanfang stehen?

REICHE: Es ist Unfug, zu glauben, man könne mitten in einem Leben einen Neuanfang machen.Daß so etwas nicht funktioniert, weiß jeder, der auch nur psychologische Basiskenntnisse besitzt.Deshalb versuchen wir ja auch einen behutsamen Umbau.Ich stehe auch zum Dreispartentheater, doch nur dort, wo es eine Bevölkerung gibt, die es trägt.Wir stehen hier aber vor der Situation, daß wir gutes Theater mit festem Ensemble nur machen könnten, wenn wir auf die 60 Millionen noch 10 Millionen drauflegen würden.Das ist aber angesichts der Finanzlage nicht drin.Wer jetzt einen sturen Weiter-so-wie-bisher-Kurs fährt, der bereitet den Weg in die finanzielle und kulturelle Katastrophe.Und dann wäre auch die projektmittelgeförderte Kultur mit den freien Theatergruppen am Ende.Denen, die da rufen: "Es lebe das kommunale Theater!", rufe ich entgegen: Es lebe das Theater!

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