Kultur : Die Welt zum Sprechen bringen Zum 70. Geburtstag von Wolfgang Schivelbusch

Anna Bernhardt

Der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch hat der Forschung immer wieder durch unkonventionelle Fragestellungen Anstöße gegeben. In der akademischen Welt ist er lange ein Außenseiter geblieben. Seine Bücher zur „Geschichte der Eisenbahnreise“ über den Mobilitätsschub im 19. Jahrhundert, 1977 erschienen, und „Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft“, eine Kulturgeschichte der Genussmittel von 1980, sind längst Klassiker, die von einem großen Publikum gelesen werden. Denn Schivelbusch setzt an der Erfahrungswelt an. So wird die Bahnfahrt bei ihm zu einem Paradigma umfassender gesellschaftlicher und mentaler Prozesse im Übergang zur Moderne, an dem sich die „Industrialisierung von Raum und Zeit“ ablesen lässt.

Schivelbusch bewegt sich am Rande der Disziplingrenzen, in seinen Studien finden sich Querverweise zwischen Gesellschaft, Kultur, Mentalität und Politik. Er möchte „Beziehungen herstellen zwischen den Dingen, die auf den ersten Blick auseinanderliegen“. Wenn er den Zusammenhang von Kaffeekonsum und protestantischer Ethik oder von künstlicher Helligkeit und urbaner Avantgarde untersucht („Lichtblicke“), muss er mit professoralen Vorwürfen rechnen, unmethodisch und unwissenschaftlich zu arbeiten. Das stört ihn wenig, der narrative Duktus und die zahlreichen Illustrationen seiner Bücher zeigen, dass er den „Diskurs der Spezialisten allen zugänglich machen“ will. Schivelbusch möchte die Dinge selbst sprechen lassen, er schreibt unprätentiös und quellennah. Seine Interessen sind breit gefächert, der berühmten, von deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg zerstörten Bibliothek von Löwen widmet er sich genauso wie dem 1945 in Ruinen wiedererwachenden Berliner Kulturleben („Vor dem Vorhang“).

Schivelbusch, 1941 in Berlin geboren, studierte in Frankfurt am Main Literaturwissenschaften, Soziologie und Philosophie. Er promovierte über Heiner Müller und Brecht, doch eine akademische Laufbahn blieb ihm verwehrt. 1976 wurde sein Antrag auf ein Habilitationsstipendium zurückgewiesen, weil keine Disposition für eine „strukturierte wissenschaftliche Untersuchung“ erkennbar sei. So lebt er als freier Autor – seit 1973 abwechselnd in Berlin und New York, für ihn ein „gebauter Mythos“ – vom Schreiben sowie von Stipendien und befristeten Drittmitteln, die mittlerweile auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft kommen. Zuletzt löste Schivelbusch mit seinem Großessay „Entfernte Verwandtschaft“ eine Debatte aus, als er Faschismus, Nationalsozialismus und New Deal miteinander verglich und auch in Amerika totalitäre Spuren entdeckte. Heute feiert der Privatgelehrte seinen 70. Geburtstag – in New York. Anna Bernhardt

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