Kultur : Die Weltanschauer

Der Sommer naht. Und mit ihm auch die Zeit der Urlaubsreisen. Die Ziele sind unbegrenzt. Ein Ost-Berliner Rentner erinnert sich, dass das mal anders war

Lothar Heinke

Immer diese Ansichtskarten! Die weißen Strände von Fuerteventura, die Tempel Apolls, das Kolosseum, der Eiffelturm, atlantische Grüße aus der Bretagne, die Schlösser der Loire, wenn auf Capri die rote Sonne im Meer versinkt und auf Mallorca die Liebe blüht – alles das gruppierte sich rund um die Giraffenhälse von Namibia und die Löwen Kenias an einer Wand in der Küche. Es war die Weltwand mit den aufgepinnten Karten von Freunden und Verwandten aus dem Westen. Die schickten uns ihr Urlaubsleben in die DDR, damit wir auch was davon hatten, wenigstens schöne Ansichten gegen die trüben Aussichten, frühestens mit 65 (die Männer) und 60 (die Frauen) den Schluchten von Manhattan in den Schlund blicken zu dürfen oder den Reichen und Schönen auf Sylt beim Austernschlürfen zuzuhören.

Längst schicken wir selbst unsere bunten Grüße in alle Welt, besonders gern an die Brüder und Schwestern im Westen, vielleicht manchmal noch immer mit dem Augenzwinkern: Guckt mal, das können wir nun seit 17 Jahren auch. Und dann kann es sogar passieren, dass Tante Helga in Hamburg mit unseren Grüßen aus Ischia in der Hand zum Hörer greift und ruft: „Hey, was ist los mit euch, Ischia? Da waren wir ja noch nicht einmal!“

So kann es gehen, wenn der DDR-Bürger auf die Welt losgelassen wird. Was er macht, macht er richtig. Nicht nur der Sachse liebt das Reisen sehr, wenn er nur darf und den Spaß bezahlen kann. Die Wende machte vieles möglich, auch die absolute Reisefreiheit. Aber es war ein langer, steiniger Weg. Das Reisen einst und jetzt – das ist, bei Rentnern zumal, ein beliebtes Gesprächsthema. Es war spannend und abenteuerlich, trickreich und manchmal auch tragisch.

Die größten Tragödien spielten sich Tag für Tag, Abend für Abend im Bahnhof Friedrichstraße ab. Ältere Frauen und Männer, die seit dem 2. November 1964 einmal im Jahr für vier Wochen in den Westen reisen durften, schleppten freudig und keuchend ihre Köfferchen mit den Geschenken für die Gastgeber durch die Kontrolle im Tränenpavillon, quälten sich hoch auf den Bahnsteig und hatten vor einer weißen Linie strammzustehen, einem von Grenzbeamten mit blank gewichsten Stiefeln in Breecheshosen bewachten, etwa fünf Zentimeter breiten Pinselstrich. „Das Übertreten der Linie darf nur bei Aufforderung erfolgen“ oder so ähnlich stand da, und ein paar Minuten vor Abfahrt des Zuges kam dann diese Aufforderung, der die Leute mit klopfenden Herzen folgten: Schaffe ich das noch, bevor der Zug abfährt? Wie kriege ich den schweren Koffer da rein? Ist denn niemand da, der mir hilft? Während die Söhne und Töchter in Büros und Betrieben für wenig Lohn gerade die humanistischste Gesellschaftsordnung der Welt errichteten, standen Oma und Opa, die früher Geborenen, die Trümmerfrauen und die alten Männer, die den Krieg überlebt hatten, mit ihrem besten Kleid und Mantel auf dem Bahnhof Friedrichstraße, um ihre Koffer, Tüten und Taschen im Zug zum goldenen Westen zu verstauen. „Eine bedrückende Stille herrschte im Abteil“, erinnert sich Maria Böhmer, „alle warteten auf die allerletzte Kontrolle kurz vor Helmstedt oder Hof, jetzt nur nichts falsch machen. Das Herz schlug noch einmal bis zum Hals. Und dann, wenn die Grenzer und der Zoll endlich mit ihrer Arbeit fertig waren und der Zug losfuhr – dann entlud sich die ganze Spannung, ein großes Schnattern hub an, und wir erzählten einander unsere Geschichten von den Erlebnissen der letzten Reisen und was wir diesmal geplant hatten.“

Das war oft am Rande der staatlich verordneten Legalität: Erna Pintz aus Oberschöneweide spricht jetzt mit 83 Jahren zum ersten Mal darüber, wie sie nicht nur ihre Freundin in Hamburg besucht, sondern etwas sehr Verbotenes getan hatte: „Ich wollte einmal in meinem Leben zu Mozart nach Salzburg, und meine Freundin schenkte mir eine Fahrkarte dorthin.“ Rentner bekamen für ihre Reisen von ihrem eigenen armen Land nur ein kleines Reisesalär, einmal jährlich 15 D-Mark, der reiche Klassenfeind begrüßte die Brüder und Schwestern mit einem blauen 100-DM-Schein. Frau Pintz durfte und wollte nun aber nicht mit ihrem DDR-Pass ins kapitalistische Ausland reisen, „die Angst fuhr immer irgendwie mit“. Also tauschte sie auf dem West-Amt den DDR-Pass gegen einen bundesdeutschen Ausweis auf ihren Namen und war so im Handstreich zur Bundesbürgerin geworden. Nach der Visite bei Mozart erhielt sie auf dem Hamburger Amt ihren DDR-Pass zurück und gab den Bundespass in Verwahrung.

Wie alles andere war auch das Reisen in der DDR geplant und geregelt, um nicht zu sagen: reglementiert. Für den Urlaub waren die Betriebe zuständig. Sie hatten eigene Heime oder erhielten ihre Reisen aus dem großen Topf vom FDGB, dem Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Es war stets eine spannende Lektüre, wenn die FDGB-Reisen am Schwarzen Brett ausgehängt wurden: Die Ziele zwischen Kap Arkona und Fichtelberg waren reizvoll, die Quartiere zweckmäßig, die Vollpension war eher schlicht, aber der Preis eine Sensation: Wer Glück hatte, bezahlte für 14 Tage 80 Mark, und ich erinnere mich dunkel, dass die Bahn sogar die Fahrtkosten übernahm. Alles für unsere Werktätigen – da konnte wirklich nicht gemeckert und am Essen oder an der Qualität der manchmal etwas plüschigen Zimmereinrichtung Anstoß genommen werden. Die niedrigen Ferienplatzpreise deckten ein Drittel der Kosten, den Rest schoss der Staat zu – und geriet auch mit dieser Großzügigkeit in die Pleite.

Eine Statistik von 1977 sagt, dass von den 2,6 Millionen Ostseereisenden 22 Prozent ihren Urlaub in Betriebsheimen verbrachten, 25 Prozent wurden vom FDGB-Feriendienst betreut und 26 Prozent rückten mit ihren Zelten zum Camping an, besonders gern in Prerow auf dem Darß, dem Mekka der in der DDR an vielen Stellen üblichen Freikörperkultur. Nur vier Prozent fuhren mit dem Reisebüro der DDR, dieser Veranstalter musste von Jahr zu Jahr mehr Betten an den FDGB abtreten. Schließlich wollte die Gewerkschaft mit Erfolgszahlen glänzen. Urlaub mit und unter Kollegen festigte das Kollektiv – im Gegensatz zur bürgerlich-individuellen Privatreiserei.

Genau aber dies wollte mancher für die schönste Zeit des Jahres. Den Schreiber hatte es schon in den fünfziger Jahren an den Strand von Hiddensee gespült, die Weite des Himmels, der endlose Horizont, die Stille und Erhabenheit der Natur – wo findet man das noch? Aber einfach war das nie mit dem Urlaub auf dem „söten Länneken“: In den sechziger Jahren noch durften verlobte Paare nicht in einem Zimmer schlafen, „dei soll’n erst mal heiraten, dann geiht dat klor“. Später war die Insel Grenzgebiet, meine Wirtin durfte nur noch Verwandte (und FDGB-Urlauber) beherbergen, und so wurde ich zum Cousin ernannt und als Familienmitglied angemeldet. Die Gewerkschaftsurlauber hatten sämtliche Heime belegt, und wenn der zweite Essensdurchgang am Abend beendet war, knurrte und bettelte der private Magen umsonst. „Um 20 Uhr ist Küchenschluss.“ Nur noch das (private) Hotel am Meer machte bis 22 Uhr den strammen Max.

Hotel ist ein gutes Stichwort für den absurden Umgang mit privaten Dienstleistern in der DDR. Die staatlich verordneten Übernachtungspreise waren in privat geführten Herbergen so niedrig, dass ein Hotelier nach dem anderen das Handtuch warf. Für 7 bis 13 Mark pro Kopfkissen und Nacht in einer Kreisstadt-Herberge konnte kein Dach gedeckt und keine moderne Ausstattung angeschafft werden. So tropften die Wasserhähne und quietschten die Türen mit den Matratzen um die Wette. Dagegen präsentierten sich die Interhotels mit höheren Preisen – die waren zu exquisit für Otto Normalbürger, es sei denn, er erhielt einen Urlaubsscheck für das „Panorama“ in Oberhof, durfte ins attraktive „Neptun“ oder gar auf die Urlauberschiffe „Völkerfreundschaft“ oder „Arkona“ – aber solch Glück war wie ein Fünfer im Lotto.

Vielen war es zu eng im kleinen Ländle. „Mich zog es in die Niedere Tatra, da hatten die Geologen der CSSR ein Arbeits- und Ferienhaus. Während wir über alle Berge kletterten, erholten sich die Slowaken auf Rügen, dort hatten die Berliner Geologen ein paar Wohnwagen und Fertighäuser“, erinnert sich Andrea Hiersemann. „Improvisation war gefragt. Dennoch gab es immer Tratsch, es wurde richtig gezählt, wie oft der und der Kollege schon an der Ostsee war.“

„Ich wollte immer reisen, Hauptsache raus“, erinnert sich Jutta Neuendorff aus Schöneberg. Sie kam bis Prag, Budapest, zum Balaton und an den Goldstrand Bulgariens, hatte sich die Flüge gebucht, Visa und Übernachtungen organisiert. Ein Problem war bei diesen Auslandsreisen stets das Geld – der DDR-Bürger durfte, außer beim Rubel, nur eine begrenzte Menge Zloty, Kronen, Forint oder Lewa umtauschen. Weil er manchmal im Rocksaum oder in der Florena-Lotion ein paar von Verwandten oder Freunden geschenkte Westgeld-Scheine mitnahm, musste er schon mal beim Zoll in Schönefeld die Hosen fallen lassen. Frau Jutta ging 1987 in den Westen, „ich bin sofort wieder losgereist, aber es war nicht mehr solch ein Hype wie vorher“.

Auch seine Auslandsreise musste sich der Urlauber oft stundenlang erstehen: Nach dem Statistischen Jahrbuch der DDR von 1989 vermittelte das Reisebüro 1988 die meisten Reisen in die benachbarte CSSR, über 650 000. Es folgen die UdSSR (228304), Ungarn (109637), Bulgarien (63548) und Rumänien (20967). In der Endphase der DDR kamen plötzlich für einen ausgewählten Personenkreis Reisen nach Jugoslawien, Österreich oder Finnland auf den Markt. Sie wurden still und leise über bestimmte Berufsorganisationen – Ärzte- und Handwerkskammern, Künstler- und Journalistenverbände – vergeben. Die Reisen waren teuer, die DDR hatte sie zum Kurs 1:4 gekauft, und die Stasi segnete jede Tour ins „kapitalistische Ausland“ ab: „Manchmal haben die einen Urlauber, von dem sie glaubten, er würde abhauen, noch aus der startklaren Maschine geholt“, sagt ein Insider.

Für die Bauingenieurin Sabine Schulz liegt das alles in der Vergangenheit – mit den neuen Zeiten kamen neue Ansprüche. Früher gab es so einen Drang nach Süden, „mein Traum war immer Australien, aber am Schwarzen Meer in Bulgarien war das Ende der Fahnenstange“. Nach der Wende ging es, wie für viele, nach der Devise: Erst einmal ganz weit weg! „Wir waren in London, New York, Israel, und mittlerweile muss ich Australien nicht mehr sehen, denn mein Süden war Kanada.“ Jetzt erholt sich Sabine Schulz in Ländern, deren Sprachen sie gelernt hat – Englisch, Spanisch, Italienisch.

Die grenzenlose Reisefreiheit hat dem DDR-Bürger eine neue Art der Bildung geschenkt. Neue Sprachen, andere Länder, Menschen und Meinungen, Sitten und Gebräuche. Schon in alten DDR- Zeiten hatte der Schriftsteller Hermann Kant angemahnt, dass der, der eine Weltanschauung haben möchte, sich die Welt anschauen sollte – seit 1990 können die Ostgermanen ihren Westverwandten auf dem Bildungspfad in die Welt folgen, niemand muss ihnen ein polizeiliches Führungszeugnis ausstellen. Nur der aktuelle Kontenstand hat noch ein Wörtchen mitzureden.

Es begann im April 1990, als ein bundesdeutsches Reisebüro die ersten DDR-Urlauber für eine Woche nach Mallorca flog: „Und wie finden Sie diese Trauminsel der Deutschen?“, fragten die West-Kollegen, ehe wir gelandet waren. Auf jeden verwirrten Ost-Menschen kamen zwei Journalisten, eine Illustrierte hatte sich eine Familie aus Leipzig exklusiv unter den Nagel gerissen und fünf Tage jeden Schritt fotografiert und beschrieben. Erschienen ist davon – nichts. Aber jeder bekam eine Ahnung davon, was nun beginnen würde: Die Entdeckung der ganzen Welt. Vorbei war die Zeit, als die Raumpflegerin aus Hamburg dem Professor aus Jena vorführte, wie man mit der richtigen Währung den bulgarischen Goldstrand aufreißen konnte. Hatte uns Freddy Quinn nicht immer scharfgemacht mit seinem „Kanada, kennst du Kanada?“ Und erst Udo Jürgens! Den „griechischen Wein“ wollten wir nun endlich mal an Ort und Stelle kosten, das „Ich war noch niemals in New York!“ galt auch für uns, aber es sollte sich schleunigst ändern. „In den ersten zwei, drei Jahren wollten die Leute einfach schnell viel sehen, heut möchten sie an schönen Orten länger verweilen“, sagt Dietrich Heiden, der nach der Wende mit 43 Jahren sein erfolgreiches Unternehmen „Heidenreisen“ gegründet hatte. In dem Reisebüro in der Greifswalder Straße sind längst „3 Tage Paris mit Nachtfahrten“ nicht mehr aktuell, jetzt sind längere Touren mit Komfort gefragt. Die ersten großen Ziele waren übrigens auch die Berge, Bayern, Österreich, Schweiz – und der Rhein. „Ich hatte Gäste mit Tränen in den Augen, als sie das Lied vom wunderschönen Rhein nicht nur fröhlich sangen, sondern Vater Rhein gegenüberstanden“, sagt Dietrich Heiden. Neuester Trend: Die Leute lassen nicht mehr (wie nach der Wende) „den Osten“, also Prag, Warschau, Budapest, links liegen, sie fahren wieder dorthin, auch in die baltischen Staaten. Da ist Neugier dabei: Na, was haben die denn aus der neuen Zeit gemacht? Bei gut betuchten Mitbürgern liegen teure Fern- und Bildungsreisen voll im Trend. Heidens Fahrten im Komfortbus haben übrigens auch etwas fürs Gemüt: „Wir sind wie eine große Familie“, sagt eine Berlinerin, „da kennen sich viele untereinander, Freundschaften sind entstanden, Bilder werden ausgetauscht – Wohlgefühl“.

Die längst selbstverständliche Reisefreiheit hat den eigenen Horizont beträchtlich erweitert, mit etlichen Nebenwirkungen: „Von jeder Reise bringe ich neue Erkenntnisse mit“, sagt Irina Mandry aus Buch, „wie leben die Leute anderswo, wie gut haben wir es hier!“ Die eigenen Problemchen werden immer kleiner, wenn der Blick auf den Rest der Welt fällt. „Und dann möchte ich noch eins hinzufügen“, sagte ein Rentner, mit dem wir in Capri auf die Höhe der einstigen Villa von Kaiser Tiberius keuchten: „Als ich so jung war, dass ich hier hochspurten konnte, haben sie uns nicht gelassen. Darüber packt mich noch immer die Wut. Was haben wir alles verpasst!“ Der Mann sprach Sächsisch, so unverfälscht und echt wie in Dräsden. Deutschland, nun haben sich im In- und Ausland deine Dialekte vollzählig versammelt.

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