Kultur : Die Wende-Legende

Wo um Himmels willen ist denn die CDU? Betrachtungen zur Lage der Nation / Von Moritz Rinke

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Kürzlich auf einem Fest hatte ich das Gefühl, der ganze Saal sei voller Menschen, die die Wende wollen. Es war das Sommerfest einer Illustrierten am Vorabend der Vertrauensfrage des Bundeskanzlers. Menschen, die früher immer um Schröder herumstanden, drängten jetzt mit irgendwie zeithistorischer Röte im Gesicht um Merkel herum. Sogar auf der Terrasse drückten die Gäste ihre Nasen gegen die Fenster, um der vermeintlichen Bundeskanzlerin näher zu sein, die vor zehn Minuten eingelaufen war und nun Sabine Christiansen begrüßte. Sie klopften einander euphorisch ab, wie Siegerinnen beim Frauenhockey.

In einer Ecke stand der Fotograf Jim Rakete, der als einziger seine Nase nicht gegen die Scheibe drückte, sondern mir eine SPD„Vorwärts“-Ausgabe zeigte, in die ihm Müntefering vorne mit Filzstift drauf geschrieben hatte, dass die Begegnungen mit ihm immer etwas ganz Besonderes waren, nicht „sind“, sondern „waren“. Nimmt denn Müntefering schon Abschied von den Künstlern, wollte ich fragen, aber Rakete war schon in einem Gespräch über die Atompolitik von Rot- Grün mit einem liberalen Chefredakteur, der ihm auf die Schulter klopfte und sagte, die Windräder seien ja ganz gut gewesen, aber nun wolle das Volk die Wende.

„Okay“, sagte Rakete, „aber Wende wohin?“ Doch der Chefredakteur stand nun auch mit der Nase und einem Früchtecocktail am Fenster und betrachtete die Rückseite von Merkel sowie jene Gäste im Saal, die Merkel von vorne sahen. Was für ein komisches Bild, dachte ich, etwa 400 Menschen in zwei Gruppen, die alle mit Früchtecocktails stumm dastehen und sich gegenseitig zusehen, wie sie die Wende angucken.

Wende bedeutet ja Drehung, zurück, also Bewegung von etwas weg, mindestens um die Längsachse. Ein Schwimmer wendet und schwimmt zurück; ein Auto wendet und fährt auch zurück, weil man sich verfahren hat. Ein Blatt kann sich wenden, was vielleicht die schönste Wende nach vorne, nach oben, in die Zukunft wäre. Sogar die DDR wendete, aber das ist eine kompliziertere Geschichte. Auf jeden Fall soll sich jetzt die ganze Republik wenden.

Im Wahlprogramm der CDU wird das leider nicht so richtig erklärt. Die Sache mit der Mehrwertsteuer kann es vermutlich nicht sein, auch in der Kopfpauschale oder der Lockerung des Kündigungsschutzes ist die Wende nicht wirklich zu erkennen. Ist es vielleicht der fast komplette Wegfall von Bildung und Kultur im Wahlprogramm? Wenn man Bildung und Kultur lange genug wegfallen ließe, könnte es irgendwann eine Wende sein. Aber das will man nicht wirklich, man hatte die Bildung nur unter Zeitdruck vergessen.

Trotzdem gab es einen Aufschrei nach Bekanntgabe des Wahlprogramms, vor allem in eher linken Kreisen, die vielleicht müde geworden waren von Rot-Grün und jetzt an Terrassenfenstern standen und auf die vermeintliche Wende starrten: Wo ist denn da der Konservatismus geblieben? Warum werden uns ausgerechnet jetzt die kulturellen Werte vorenthalten? (Nicht mal die „Leitkultur“ gibt es mehr!) Helmut Kohl traf sich noch mit Ernst Jünger, kann Merkel nicht wenigstens mal Arnulf Baring treffen oder Walser? Ein Programm für eine Bundestagswahl und kein bewahrendes Element, außer die Förderung von Dieselfahrzeugen mit Rußpartikelfilter? Was ist denn jetzt noch konservativ? Apricot? Einmal im Jahr Bayreuth? Wo um Gottes Willen ist die gute alte CDU? Tja, wenn man sie mal braucht, dann ist sie plötzlich weg!

Man wollte sie ja jetzt wiedererkennen, die CDU. Wenn es schon nicht ihre Arbeitsmarktvisionen oder die neuartigen Steuerpläne sind, die uns hoffen lassen, dann wenigstens der Glaube an eine CDU, die immer noch so ist wie früher! Und uns deshalb wieder in dieses Früher zurückführt, in die Zurückwende. Wenn sie also schon nicht das Blatt so schön, so zukunftsoffen wenden kann, dann wenigstens eine Wende durch die CDU wie mit dem Auto. Die CDU sollte zurückfahren bis 1998, vielleicht auch bis 1982.

Solange Merkel und Stoiber nichts gesagt haben, hat das wunderbar funktioniert, und das Wahlprogramm der CDU entstand von ganz alleine. Ab und an wurde dem neoliberaleren Teil unserer Gesellschaft die Lockerung des Kündigungsschutzes als Brocken hingeworfen, den Wertkonservativen der Rußpartikelfilter, den Rest besorgte die Stimmung gegen Rot-Grün aus einem Guss. Hätte sie weiterhin konsequent geschwiegen, die CDU wäre wahrscheinlich die erste Partei in diesem Land gewesen, die eine Wahl mit absoluter Mehrheit gewinnt, ohne je ein Programm veröffentlicht zu haben. Nicht die CDU hat also einen Plan, sondern wir hatten einen Plan mit der CDU.

„Und plötzlich wählst du CDU“, das war die Dauerbrennerserie in den Zeitungen, mit Fotos von jungen smarten Menschen, die mit „Black ist beautiful“T-Shirts für die Union eintreten. Eine kinderlose, geschiedene, wieder verheiratete Frau aus dem Osten wird mit einem unverheirateten Homosexuellen das Land regieren, das ist doch in Ordnung, das hat zwar mit schöner alter christdemokratischer Familienpolitik nicht so viel am Hut, kommt aber noch moderner als Rot-Grün mit ihren nur circa siebenmal geschiedenen Parteispitzen.

Bezeichnenderweise gibt’s nun auch noch den ersten CDU-Minister mit Ring im Ohr! Die „Bildzeitung“ hat das Ohr des Sozialministers von Baden-Württemberg fast einen halbem Meter groß abgebildet und gefragt, wie wohl Angela Merkel über den gepiercten Minister denke. Er soll auch ein Rosen-Tattoo auf der linken Schulter tragen.

Es ist einiges durcheinander in Deutschland. Und zwar seitdem die CDU genauso konzeptlos das Regieren ansteuert und die Zeit unserer Projektion und der von uns gefüllten Hohlräume abgelaufen ist. Und seit die CDU versucht, selber eine Kontur vorzutäuschen und wir dabei merken, dass die Erosion des Konservativen das Einzige ist, was sich erkennen lässt.

Ist schwarzgelb also plötzlich noch rotgrüner irgendwie? (In diesem Land wundert einen eigentlich nichts mehr, weil man ja auch nicht mehr einfach so „links“ sagen kann oder „Volkswagen“ oder „Vertrauen“!) Und die innere Sicherheit tatsächlich mit Roland Koch statt mit Otto Schily? Ich meine, wenn ich mich mit Schily im klassischen „kantherischen“ Sinne sogar sicherer fühle als mit diesem Koch? Und mit einer siebenmal geschiedenen Regierungsspitze mit Adoptivkindern, Günter Grass und Ex-Apo-Randalisten immer noch konservativer vertreten fühle als durch diese total kinderlose Frau/Homo-Koalition ohne Leitkultur und Arnulf Baring? Ist es, wenn man so weiterfragt, nicht allmählich eigentlich egal, welche Parteien regieren?

Am besten wäre es, wir würden die Parteien bis zum 18. September abschaffen und Wahlzettel mit einzelnen Kabinettsmitgliedern wie eine Sushi-Karte vorgelegt bekommen. Ich würde sogar Schäuble als Finanzminister wählen oder Merz oder Hermann Otto Solms. Merkel geht in die Gesundheit oder Forschung, einen Wirtschaftsminister müsste man ausschreiben, der müsste etwas von Arbeitssoziologie verstehen und über die Erwerbsgesellschaft hinaus denken können. Stoiber, Fischer und Schröder bleiben, wo sie sind, letztere vor allem in der Außenpolitik. Dafür würde ich sogar Glos oder Beckstein mit akustischer Wohnraumüberwachung im Inneren hinnehmen, oder Westerwelle als Familienminister (Spaß muss sein!), wenn Schmidt keine Lust mehr hätte. Wir haben zu wenig gute Politiker, als dass wir uns noch Parteien leisten können, die ihre ganzen Hammelherden durchs Kabinett schleifen.

Niklas Luhmann sagte schon vor zehn Jahren, als man noch dachte, globale Märkte würden Arbeit produzieren und nicht abschaffen, dass es den Parteien nicht mehr gelinge, auf das neoliberale System zu reagieren, geschweige denn in „politische Unterscheidungen“ zu übersetzen. Am Ende sei alles ein einziger Brei.

Um auf die veränderten Wirtschaftsbedingungen zu reagieren, mussten die Sozialdemokraten ihre Traditionen canceln oder im Spagat zwischen Heuschrecken und Senkung der Unternehmensteuer die Richtung verlieren. Um die durch Rot-Grün eingeleitete Zeitgeistwende im politischen Habitus der Show- und Medienwelt mitzuvollziehen, musste die Union ihren einstigen Konservatismus ablegen und sogar zu Udo Walz gehen. Das haben wir nun davon. Wo man hinsieht, Verwirrung und Trauer an der Basis. Die einen haben keine Richtung und keine Tradition mehr, nur noch die Show; die anderen haben auch keine Richtung und keine Tradition, und die Show können sie auch nicht.

Man spürt richtig, wie die Macher der „Bildzeitung“ bei der nun zunehmend zutage tretenden Konturlosigkeit der CDU unruhig werden und diese riesengroßen Ohren abdrucken, weil sie hoffen, die Merkel werde jetzt wenigstens mal law-and-order-mäßig auf den Tisch hauen und sagen, Arbeitsmarktpolitik, keene Ahnung, aber der Ohrring in Baden-Württemberg, der kommt definitiv raus! Kommt er aber nicht. Merkel sagte „Bild“, in Lebensfragen solle jeder selber entscheiden. Oh je, vor so einer CDU kann man wirklich Panik bekommen.

Zurück zum Sommerfest. Nach einer Stunde eilte Merkel mit einigen Herren plötzlich auf einen Fahrstuhl zu und fuhr nach oben. Jürgen Trittin drückte ebenfalls den Fahrstuhlknopf, um auch hoch zu fahren, aber oben hatte man den Fahrstuhl ausgeschaltet, damit die 400 Gäste nicht folgen konnten. Der Umweltminister drückte noch mehrmals pikiert auf den Knöpfen herum, aber nichts passierte.

Jim Rakete, der Fotograf, saß immer noch als Einziger merkel-unbeteiligt da mit seiner „Vorwärts“-Ausgabe und dem Müntefering-Abschied und beobachtete den Umweltminister beim Drücken. „Es ist“, sagte er, „eigentlich alles ganz einfach. Die einen fahren mit dem Fahrstuhl hoch, die anderen grad nicht.“

Vielleicht ist das ja das beste Bild für die Art von Wende, die uns bevorsteht. Die einen fahren nach oben, die anderen drücken unten ein bisschen auf den Knöpfen herum. Das ist alles. Der Aufenthalt von Merkel ganz oben hat übrigens nicht lange gedauert.

Moritz Rinke lebt als Autor in Berlin. Im August erscheint sein Essay-Band „Das große Stolpern“ (Kiepenheuer & Witsch). Sein Theaterstück über Arbeitslosigkeit, „Cafe Umberto“, wird am 25. 9. in Düsseldorf uraufgeführt. Die Verfilmung seines Theaterstücks „Republik Vineta“ soll ebenfalls im Herbst in die Kinos kommen.

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