Kultur : Die Wende und die Wenden

In seinem neuen Roman „Eins zu Eins““ schickt Jens Sparschuh zwei Karthorafen auf Sinnsuch in die Mark Brandenburg

Michael Bauer

Jens Sparschuh liebt literarische Spiegelungen und historische Maskeraden. „Ein Schelm, wer sich zu erkennen gibt“, hieß es in „Lavaters Maske“ (’99), und so erzählt der 47-Jährige in seinem neuen Roman „Eins zu Eins“ (Kiepenheuer&Witsch) von einem Kartografen, der auszieht, einen verschwundenen Kollegen zu finden. Ausgangspunkt seiner Spurensuche im „Fall Wenzel“ ist ein Wanderkartenverlag der DDR, der aus dem Westen aufgekauft worden ist. Nur zwei Verlagsmitarbeiter sind noch „Ostler“. Was sie verbindet, ist ihre Kauzigkeit. Beide, der Vermisste und der ihn Suchende, sind schwer in den neuen Verlag zu integrieren. Sie sind Träumer in einem der Wahrheit verpflichteten Beruf. Für den Kartografen gibt es keine Perspektive. Er kennt nur den vorgegebenen Maßstab, um Wirklichkeit abzubilden. Da dies für Schriftsteller nicht gilt, dichtet Jens Sparschuh seinen Romanfiguren Sehnsüchte an, die ihnen ihren Beruf vorübergehend erträglich erscheinen lassen. Der eine träumt von einer Weltkarte im Maßstab 1:1, der andere sucht das versunkene Heiligtum eines ausgestorbenen Volkes.

Der Roman erzählt auf verschiedenen historischen Ebenen von zwei kafkaesken Landvermessern, die 1989 den Boden unter den Füßen verloren haben. Es geht um die Wende und die Wenden: Sächsische Fürsten hatten diesen slawischen Volksstamm im 12. Jahrhundert blutig zum Christentum bekehrt. Alles, was ihnen heilig war, wurde untergepflügt und eins zu eins ausgetauscht. Das Schicksal der Wenden als Parabel der Wende. Wer Sparschuhs frühere Romane kennt, mag solche Exkurse des ebenso gebildeten wie humorvollen Erzählers. Seinen unterhaltsamen Mix aus Aufklärung und Romantik, aus Jean Paulscher Ironie und Theodor Fontanes Verwurzelung tief im märkischen Sand ergänzt die deutsch-deutsche Firmengeschichte eines Kartenverlages.

„Eins zu Eins“ ist ein historischer Zeitroman. Ein Widerspruch? Nein. Raffiniert verquickt Sparschuh Wissen mit Fantasie. Nach einem „von A bis Z erlogenen Reiseroman“ dichtete er 1987 Goethes Eckermann „geheime Tage- und Nachtbücher“ an, berichtete im Wendejahr „Aus den Memoiren des letzten deutschen Gedankenlesers“ und schrieb 1995 einen heimatlosen Heimatroman. Jens Sparschuh ist nicht zu trauen, das macht den Reiz seiner Prosa aus. Im jüngsten Roman durchpflügt er die Geschichte der Mark Brandenburg. Die Spurensuche seiner Erzählfigur wird zur Suche nach Identität. Am Schluß erweist sich der Suchauftrag als Bluff der Chefin. Der Gesuchte ist tot, die Firma „andersWandern“ wird von der Konkurrenz aufgekauft. Kein Happy End.

„Eins zu Eins“ spiegelt unseren Umgang mit Geschichte anhand der wechselhaften Geschichte einer Berliner Firma. Sparschuh knüpft damit an eine literarische Tradition aus den Zwanzigerjahren an und schreibt sie grandios in die Gegenwart fort. Er ist weder Psychologe noch Dramatiker, dafür einer unserer fantasievollsten, wortgewandtesten und politisch sensibelsten Erzähler. Mögen manche seiner Dialoge konstruiert wirken, so versteht es Sparschuh, auf gut einer Buchseite das „Deutsche Haus“ in Rybnitz und damit den gegenwärtigen Zustand unserer Republik zu beschreiben.

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