Kultur : Die Wiederkehr der Wirklichkeit

WILHELM SCHMID

"Postmoderne": Dieses Schlagwort dominierte die intellektuellen Debatten der achtziger und frühen neunziger Jahre.Vieles, was nicht unbedingt zusammengehörte, wurde darunter zusammengezogen: die Auflösung ("Dekonstruktion") von Sinn und Bedeutung, die Theorie der neuen Medien, die These von der nur simulierten Wirklichkeit, von der Relativität der Wahrheit.Aber es ist still geworden um diesen Begriff; lärmende Nachhutgefechte führen heute nur noch einige amerikanische Naturwissenschaftler, denen die Pointe der Postmoderne entging: Mochten die Postmodernisten im Sinne des anything goes die großen Welterklärungsmodelle noch so heftig für obsolet erklären - eine solches Modell (re-)präsentierten sie selbst.

Gibt es ein Leben "nach der Postmoderne"? Die Anzeichen für eine solche Postpostmoderne mehren sich: In Amerika erscheinen heute Bücher, die vom "Selbst nach der Postmoderne" sprechen, auch von einer "Sprache jenseits der Postmoderne".Aber um dem Eindruck zuvorzukommen, hier würde wieder einmal nur der neueste Trend vom anderen Ufer des Atlantiks importiert: Ein Buch mit dem Titel "Nach der Postmoderne" erschien in Deutschland bereits 1992, und noch ein paar Jahre früher, nämlich 1986, wartete Odo Marquard schon mit einem Aufsatz unter demselben Titel auf.

Was also heißt dieses "Nach der Postmoderne"? Da ist zunächst die Rückkehr des "Subjekts" - im postmodernen Diskurs einst so ziemlich das Letzte, wovon man ausgehen konnte, denn es bedeutete die Inkarnation der Metaphysik, seine Unhaltbarkeit sei bewußtseinsphilosophisch, ethnologisch, psychoanalytisch, linguistisch, semiotisch, soziologisch, feministisch (habe ich etwas vergessen?) erwiesen worden.Das heißt im Klartext: "Ich" war nichts, alle meine Entscheidungen waren von unbewußten Strukturen bestimmt; wenn jemand mich sprechen hörte, hörte er nur die Sprache sprechen, nicht mich; das Ich war ein Irrtum, auf Gedeih und Verderb den kollektiven Irrtümern ausgeliefert.Einer dieser Irrtümer, nicht der nebensächlichste, war das westlich zentrierte, auf den Logos fixierte, maskuline Weltbild, das im Begriff "Subjekt" seit der Aufklärung seine ultimative Gestalt fand.

Heute läßt sich sagen, daß es die Postmodernen selbst waren, welche die "Metaphysik" dieses Begriffs befestigten, indem sie ihn auf derlei substantielle Inhalte festlegten.Unbeeindruckt davon kann man "nach der Postmoderne" dazu übergehen, den Begriff des Subjekts neu zu definieren: Ein Subjekt, männlich, weiblich oder ein Drittes, ist vielleicht nicht theoretisch, aber existentiell in der Lage, einen klug durchdachten, wenn auch nicht unbedingt "logischen" eigenen Weg zu gehen und für seine möglichen Irrtümer bei der Wahrnehmung und Interpretation der Welt bewußt einzustehen.

In demselben Maße, in dem es gesellschaftliche oder wissenschaftliche Zusammenhänge, "Strukturen", durchschaut, kann dieses Subjekt den Punkt seiner eigenen Wahl ausfindig machen und aus freien Stücken Verantwortung für sich und andere übernehmen.Aufgrund eigener Wahl vermag es auch seine inkriminierte westliche Zentrierung zu einer globalen Perspektive zu erweitern.Das gilt auch für die Frage unabdingbarer Menschenrechte, die zum Beispiel von iranischen oder chinesischen Politikern gerne als Bestandteil einer anderen Kultur uminterpretiert und relativiert werden.Mag das Subjekt ein Produkt sprachlicher Strukturen sein, so ist die Sprache doch selbst durch den Sprecher und nicht nur durch abstrakte "Strukturen" veränderbar.

Charakteristisch für die Zeit "nach der Postmoderne" ist zudem die Suche nach einer neuen Ethik.Der Verzicht auf die Voraussetzung eines Subjekts brachte zwangsläufig den Verlust der Ethik mit sich, denn ohne Subjekt gibt es keine Bereitschaft, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen.Und dennoch sind Entscheidungen zu treffen, was zu tun ist, wenn beispielsweise ein Mensch dauerhaft im Koma liegt - um nur eines der ethischen Probleme zu nennen, das nahezu unlösbar erscheint.Und wie ist mit den immer weiter ausgreifenden, technologisch gestützten Möglichkeiten individueller Freiheit umzugehen? Das betrifft vor allem Bereiche der Medizinethik, Bioethik, Gen-Ethik und ökologischen Verantwortung, für deren komplexe Probleme sich rein zweckrationale Lösungen ebensowenig mehr finden lassen wie Antworten, die einfach von übergeordneten Werten abgeleitet werden.

Auch die bloße Leugnung von Werten hilft da nicht weiter.Werte, Kristallisationen von Sinn und Bedeutung, existieren nicht von selbst, sondern nur dann, wenn Individuen ihnen Geltung in ihrer Existenz verleihen.In jeglicher Wertediskussion tritt daher eine persönlich verantwortete Ethik in den Vordergrund, die man auch als "Lebenskunst" bezeichnen kann.Nicht so sehr von Pflichten spricht diese Art von Ethik, sondern eher vom "schönen Leben": als Maßstab auch für das individuelle und gesellschaftliche Handeln - wenn die Frage nach Bejahenswertem, nach dem "Schönen" in diesem Sinne, immer aufs neue gestellt wird.Pflichten kehren in diesem Modell als selbstauferlegte wieder, soweit sie als Voraussetzung des eigenen Lebens erscheinen.

Nicht zuletzt unabweisbare, ungelöste ethische Probleme sorgen für eine vehemente Wiederkehr der Wirklichkeit im nachpostmodernen Diskurs.Als unschlagbar hat sich die Definition der Wirklichkeit erwiesen, die der kanadische Philosoph Charles Taylor so auf den Begriff gebracht hat: "Real ist das, womit man fertigwerden muß." Es ist so kein Zufall, daß auf einer Konferenz der Universität von Chicago vor einiger Zeit - Thema: "Nach der Postmoderne" - von Heideggers "Inder-Welt-sein" auffällig häufig die Rede war.Das geht nicht nur zurück auf eine neue (zweite) englische Übersetzung von Heideggers "Sein und Zeit", die 1996 erschien und prompt ihre Wirkung im Diskurs zeitigt.Vielmehr wirkt auf viele Intellektuelle, die seit Baudrillard nur im "simulierten" Diskurs lebten, die Entdeckung, daß es ein phänomenal erfahrbares Dasein gibt, überwältigend.

"Nach der Postmoderne": Das meint letztlich auch ein anderes Verständnis von Moderne.Anders modern ist eine Kultur, die inmitten der jagenden Zeit der Zirkulation und Fluktuation Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Gelassenheit wiederentdeckt; eine Kultur, die an den Errungenschaften der Moderne, insbesondere ihren Freiheiten, festhält und sie doch nicht mehr nur als Befreiung von jedweder Bindung, sondern als Arbeit der Freiheit versteht: als Ausarbeitung von Formen der Freiheit, um es nicht beim bloßen Zustand des Befreitseins zu belassen, der für sich genommen leer ist und als Leere auch erfahren wird.Das Freisein von jeglicher Bindung ist desaströs, das Eingehen von Bindungen erfordert wiederum einen Verzicht auf Freiheit: Mit solchen Widersprüchen leben zu müssen, macht das tragische Bewußtsein der anderen Moderne aus.Das ist die entscheidende Differenz zur herkömmlichen Moderne wie zur Postmoderne: Tragik anzuerkennen, haben beide sich immer geweigert.Ein tragisches Bewußtsein aber charakterisiert die reifen freien Geister, von denen schon Nietzsche träumte - anstelle der bloß freien Geister, die Moderne und Postmoderne bevölkerten.

Der Autor, geb.1953, lebt in Berlin und lehrt Philosophie in Erfurt, Riga und Tiflis.Von ihm erschien soeben: "Philosophie der Lebenskunst - Eine Grundlegung" (Suhrkamp Taschenbuch).

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