Kultur : Die wilde Lina

KAI MÜLLER

Sie hat Filmgeschichte geschrieben.Wenn Lina Wertmüller heute ihren siebzigsten Geburtstag feiert, dann sind das siebzig Jahre italienischer Feminismus.Keine andere Frau hat in Italien so sehr den weiblichen Aufbruch in die Moderne verkörpert.Während die Filmdiven ihrer Generation alte Rollenklischees aufweichen, ohne den Mutterfiguren zu entkommen, glaubt sie an die Macht der Satire."Ich fürchte mich vor einer Gesellschaft, die sich davor fürchtet zu lachen", sagte sie."Denn Selbstkritik, Selbstironie und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, sind das Leben der Zivilisation".Aus solchen Sätzen spricht das Selbstverständnis einer europäischen Linken, für die Aufklärung kein pädagogisches Konzept ist, sondern eine Haltung - eine lebhafte Streitkultur, die den Spott wählt und zu grotesken Verzerrungen greift, wo sie kann.

Arcangela Felice Assunta Wertmüller von Elgg wuchs als Tochter eines Schweizer Anwalts in Rom auf.Schon als Kind soll sie extrem aufsässig gewesen sein, jedenfalls hat sie selbst wiederholt behauptet, man habe sie aus über einem Dutzend Schulen hinausgeworfen.Zum Film kam sie erst 1962, als sie Regie-Assistentin von Frederico Fellini wurde und an "8 1/2" mitwirkte.Fellinis Einfluß auf ihre Filme blieb allerdings gering: "Man lernt von ihm, sich selbst und seine eigenen Ideen zu achten - das ist alles.Aber technisch - nichts.Es ist nicht möglich, so wie er zu arbeiten, weil nur er weiß, was geschieht", berichtete sie später.Noch im gleichen Jahr drehte sie ihren ersten eigenen Film, "Die Eidechsen", der in Locarno zum Festivalerfolg wurde, beim Publikum jedoch kaum Interesse weckte.Erst ihr fünfter Film, "Mimi, der Metallarbeiter, in seiner Ehre gekränkt" (1971), den sie wie alle frühen Werke mit und für Giancarlo Giannini gedreht hatte, brachte den Durchbruch und machte ihren Namen international bekannt.In die deutschen Kinos kam er allerdings erst 1989.Auch "Liebe und Anarchie" festigte 1972 ihren Ruf, mit ungemütlichen und schrägen Politkomödien das selbstgefällige System Italiens anzugreifen.Ihre Werke sind schrille und verkitschte Parabeln, die von der engen Verbindung von Sexualität und Macht erzählen und nicht selten in absurde Gedankenexperimente abgleiten.

Mit "Sieben Schönheiten" bewältigte sie 1975 ihre größte Herausforderung: die Geschichte eines neapolitanischen Gangsters, der in ein deutsches KZ gerät und sich dort durch Liebesdienste an einer dicken Aufseherin vor den Gaskammern rettet, hätte ein Fiasko werden können.Doch Wertmüllers Sinn für verwirrende Paradoxien und erotische Spannungen, verwandelte den schwierigen Stoff in eine hinreißende Komödie, für die sie als erste Regisseurin überhaupt für einen Oscar nominiert wurde.

Wertmüllers Glanzzeiten waren die 70er und 80er Jahren.In letzter Zeit ist es stiller geworden um die temperamentvolle Frau.Theater- und Operninszenierungen, wie etwa die Münchener "Carmen" 1992 in München, waren weniger erfolgreich.Vielleicht weil sie, was sie zu sagen hatte, schon laut genug gesagt hatte.

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