Kultur : Die Wir-Spielerin

„Intime Fremde“: Patrice Lecontes grandioses Kammerspiel

Kerstin Decker

Er lebt im ewigen Zwielicht. In seinem Büro wird es niemals richtig hell; es ist voll von Möbeln, die er sich nicht ausgesucht hat. Alles ererbt: das Büro, die Wohnung, der Beruf, das Leben selbst. In seinem Dasein wird es auch nie richtig hell. Und nichts darin ist von ihm. So lebt William Faber, Steuerberater. Er trägt es mit Fassung. Denn Steuerberater sollten vor allem eins ausstrahlen: Fassung. Steuerberater gehören zu einer kinematographisch vernachlässigten Berufsgruppe. Aber „Intime Fremde“ von Patrice Leconte („Der Mann der Friseuse“) verändert alles. Es war einer der skurrilsten Filme auf der diesjährigen Berlinale und vielleicht gehörte das unvergesslichste Gesicht dieser Berlinale Fabrice Luchini. Es ist ganz Maske (Fassung!) und doch wird der kleinste seelische Abdruck darauf lesbar wie bei einem Kind.

Und ist Faber nicht ein in die Jahre gekommenes Kind? Auf einer Anrichte in seinem Büro steht altes Spielzeug, und nur wenn er eine dieser Figuren in die Hand nimmt, fühlt er ein fast vergessenes Dasein. Dann weiß er: Bald wird das Leben vorbei sein, obwohl es nie richtig angefangen hat. Eigentlich ist dieser Faber ein klarer Fall für den Analytiker. Der würde irgendeine schwere Regression diagnostizieren bei diesem gefassten, traurigen, früh gealterten Kind mit dem seltsamen Erwachsenenberuf. Faber hätte es nicht einmal weit. Der Analytiker praktiziert nur ein Stockwerk höher.

Eines Tages hat Faber eine neue Mandantin. Luchinis Faber lässt sie reden, ganz abwartende Undurchdringlichkeit, durch nichts zu schockieren. Das macht er immer so. Die meisten Menschen benehmen sich beim Steuerberater ohnehin, als wären sie beim Analytiker. Man muss sie reden lassen. Ein Steuerberater ist der säkularisierte Beichtvater. Aber so detailliert wie diese Frau spricht selten jemand. Nach wenigen Minuten weiß er alles über das Geschlechtsleben der schönen Mandantin und von ihrer schweren Ehekrise. Nur was soll er hier von der Steuer absetzen? Vielleicht hat sie sich in der Tür geirrt und will in Wirklichkeit gar nicht zu ihm, sondern zum Analytiker ein Stockwerk höher?

Aber er kann die schöne Frau mit dem aufregenden Sexualleben jetzt unmöglich unterbrechen, das wäre unhöflich. Und er will es auch gar nicht. Es ist wie ein Sog. Er gibt ihr einen neuen Termin. Und Anna kommt wieder und Faber sitzt erneut hinter seinem ererbten Schreibtisch und taucht ein in fremdes Leben.

Patrice Leconte hat einen Film für zwei Personen, einige Randfiguren und ein ewig halbdunkles Büro gemacht. Es ist ein Kammerspiel; mit der sehr übersichtlichen Zahl von Mitwirkenden und Schauplätzen eher etwas fürs Theater, könnte man denken. Und doch ist „Intime Fremde“ ganz Kino, ein Film, erzählt über die Nahaufnahmen der Gesichter. Und was Faber und Anna sagen, ist genauso wichtig wie das, was sie nicht sagen.

Anna ist Sandrine Bonnaire. Sie hat ein offenes Gesicht, scheinbar ohne Rückhalt, ohne Geheimnis, aber je mehr Faber von ihr weiß, desto rätselhafter wird ihm diese Frau. Bis sie, ganz offenbart, ganz Rätsel geworden ist. Das nicht unangenehme Anfangs-Gefühl der Überlegenheit – wer die Termine vergibt, ist überlegen –, weicht einem seltsamen Verdacht. Ist er gar nur der Spielball in ihren Händen? Und was ist das für ein Spiel, in das er längst eingewoben ist? „Intime Fremde“ ist kein Krimi und zugleich viel raffinierter als die meisten Krimis. Es ist die grotesk-berührende Geschichte von einem, der endlich heraustritt aus dem ewigen Halbdunkel seines Lebens.

In Berlin im CinemaxX Potsdamer Platz, Filmkunst 66, Hackesche Höfe und Kulturbrauerei, York und Cinema Paris

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