Kultur : Die Wirklichkeit ist immer woanders

Täuschen, um der Wahrheit willen: Thomas Demands Fotokunst in der Hamburger Kunsthalle

Nicola Kuhn

Ein Schreibtisch, überladen mit wild durcheinandergeworfenen Papieren; auch auf der Druckerablage und dem Rollschrank Chaos. Im benachbarten Regal allerdings herrscht perfekte Ordnung; akkurat liegt ein Stapel neben dem anderen. Was ist hier geschehen? Detail für Detail beginnt das Auge den Schauplatz abzutasten, entdeckt da einen liegengebliebenen Bleistift, dort eine halb leere Kaffeetasse mit Zigarettenschachtel. Und doch lässt sich das Durcheinander nicht entwirren, das sich vornehmlich im Kopf des Betrachters gebildet hat.

Thomas Demand ist ein Meister der Spiegelfechtereien, der Verwirrspiele mit Sein und Schein, der medialen Diskurspirouetten. Mit dem Fotozyklus „Yellowcake“ hat er sein Meisterstück vollbracht. Hier ist nichts, was es vorgibt zu sein: Kunst und vorgetäuschte Wirklichkeit geben sich die Hand, denn auch am Anfang von Demands Arbeitsprozess stand eine Fälschung, die in der Realität allerdings dramatische Ereignisse zur Folge hatte. Konfusion macht sich breit angesichts der verschiedenen Wirklichkeitsebenen: Stimmt hier denn noch irgendetwas?

Gerade dafür werden die Fotografien des Münchners mit Wohnsitz in Berlin geliebt: Eigentlich zeigen sie klare Orte, banale Stätten – Innenräume, Waldstücke, Schreibtische, Kochnischen. Doch je länger man sie betrachtet, umso mehr fällt auf, dass diese Settings aus Papier nachgebaut wurden. Die glatte Oberfläche der Objekte, das Fehlen jeglicher Schrift, das fahle Licht erinnert auf den ersten Blick an die Unwirklichkeit einer computeranimierten Szene. Doch diese Orte gab es in der Realität. Der Künstler hat sie in seinem gleich neben dem Hamburger Bahnhof gelegenen Atelier in mühsamer Handarbeit entsprechend dem Originalschauplatz nachgebaut, abfotografiert und dann wieder zerstört. Zurück bleibt nur das fotografische Dokument und die in dieser Aufnahme versiegelte Vorstellung von Realität.

Doch Demand geht noch weiter. Seine von Menschen entleerten Aufnahmen zeigen kollektive Plätze, Orte, die wir aus den Medien zu kennen glauben: das Badezimmer in einem Genfer Hotel, in dem Barschel tot aufgefunden wurde, der Verschlag, in dem sich Hussein versteckt hielt, oder der Raum, in dem Hitler das Attentat in der „Wolfsschanze“ überlebte. Den Betrachter beschleicht sofort das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt, gerade etwas passiert sein muss. Weiß er um die besondere Geschichte, steigert sich die Unbehaglichkeit zu einem wohligen Kitzel. Demands Bilder tun nicht weh, aber sie verstören nachhaltig.

Diesen Prozess des Nachdenkens über öffentliche Bilder, ihren Wahrheitsgehalt, ihre gesellschaftliche Bedeutung hat Thomas Demand mit seinem Zyklus „Yellowcake“ nochmals vorangetrieben. Erstmals präsentierte er ihn im vergangenen Sommer während der Biennale di Venezia in der Fondazione Prada gemeinsam mit dem gigantischen Papiermodell einer Tropfsteinhöhle, das er ausnahmsweise nach der Fotosession nicht zerstörte, sondern einer staunenden Öffentlichkeit vorführte. Die eher flaue Biennale hatte in Demand ihren Fixstern – nicht in den Giardini, sondern auf der Giudecca.

Die tonnenschwere Papiergrotte ist jedoch nicht aus Venedig mit nach Hamburg gereist, nur die Serie „Yellowcake“. Erst hier, in der rational-nüchternen Architektur der Kunsthalle, entfaltet sie ihren feinen Schrecken, den das sanfte Plätschern des Gran Canale noch überdeckte. Demand präsentiert sich mit dieser Schau, die sein Schaffen seit der großen Ausstellung zur Neubaueröffnung des New Yorker Museum of Modern Art 2005 bilanziert, als dezidiert politischer Künstler, der nicht nur Tatorte nachbaut und medial reflektiert, sondern selber recherchiert.

Für „Yellowcake“ wurde er selber zum „Täter“, denn die Nigerianische Botschaft mit Sitz in Rom, die er in seinem Zyklus porträtiert, wurde niemals fotografiert. Es existieren also auch keine Medienbilder von diesem bedeutungsschwangeren Ort, der US-Präsident Bush eine der wichtigsten Begründungen für den Irak-Krieg lieferte. Hier wurden Briefbögen und Stempel entwendet, um jene Dokumente herzustellen, die einen angeblichen Uran-Deal zwischen Irak und dem afrikanischen Staat belegen sollten. Bush wusste um die stümperhafte Fälschung und benutzte sie dennoch als Beleg. Ein trauriges Kapitel Weltgeschichte, dem Demand nachgeht, indem er die ansonsten nur für Mitarbeiter zugängliche Botschaft als vermeintlicher Wohnungssuchender inspizierte. Erst aus der Erinnerung baute er die Räume nach. Demand versucht der kontaminierten Aura dieser Orte nachzuspüren, den zweifelhaften Mythos in seine Fotografien zu transferieren und stellt damit die Frage nach der Wirklichkeit der Bilder in unserer Medienrealität umgekehrt. Nicht die Enthüllung ist sein Ziel, die Profanisierung der Orte, sondern die Steigerung der Suggestivität, indem er in Papierform bringt, was für uns letztlich auch nur auf Papier – genauer: Zeitungspapier – existiert. Schmerzhaft deutlich wird dies bei seiner zweiten in Hamburg gezeigten Serie mit dem Titel „Klause“. Sie zeigt die gleichnamige Kneipe, jenen Schreckensort bei Saarbrücken, an dem der kleine Pascal zu Tode gequält worden sein soll. Die Ähnlichkeit mit den jetzt aus Amstetten in alle Welt gejagten Bildern ist evident. Nichts deutet auf das Unfassliche hin. Hinter der Banalität verbirgt sich das Verbrechen.

Galerie der Gegenwart, Kunsthalle Hamburg, bis 6. Juli.

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