Kultur : Die Wirklichkeit lässt sich nicht belauern

Eine Ausstellung im Willy-Brandt-Haus feiert den schwedischen Fotografen Christer Strömholm

Hans-Jörg Rother

Am meisten vermissen die Schüler und Freunde Strömholms seine magnetische Wirkung. Wenn er sich an den Tisch setzte, auf dem die hoffnungsvollen Eleven der von ihm geleiteten Fotoschule ihre Arbeiten ausgebreitet hatten, ging es stets um mehr als um Details wie Bildschärfe oder Kameraposition. Mehr als die handwerkliche Fähigkeit interessierte ihn die Reife des Künstler- Blicks. Es schien ihm wichtiger, „sich selber zu finden als gute Bilder zu machen“. In diesem Sinne war der Fotograf Christer Strömholm ein Lehrer fürs Leben.

Der 1918 in Stockholm geborene Strömholm hat sich Zeit gelassen, bis er selbst zur Fotografie fand. Wenigen Monaten Studium an den Kunstakademien in Dresden und Paris im Jahr 1937 folgten Kurierdienste für die republikanische Seite in Spanien. 1940 kämpfte Strömholm als Freiwilliger im finnisch-sowjetischen Winterkrieg. Danach arbeitete er für den norwegischen Widerstand. 1946 ging er wieder nach Paris. Otto Steinert in Saarbrücken entdeckte ihn als Parteigänger der „subjektiven Fotografie“ und bezog Strömholm in die berühmte Gruppe „filmform“ ein. Im Willy-Brandt-Haus sind die Fotos des 1997 mit dem „Hasselblad Award“ geehrten Schweden und seiner Schüler nun in einer großen, über drei Etagen inszenierten Ausstellung zu entdecken. Doch wer sich von Strömholms Oeuvre Aufschluss über die schwedische Gesellschaft erwartet, wird enttäuscht sein. Strömholm hat den Frieden und den Aufschwung der Nachkriegsjahrzehnte in Frankreich tief genossen. Auch Spanien, Marokko, die USA und andere Weltgegenden inspirierten ihn. In Schweden arbeitete er gemeinsam mit dem Dramatiker Peter Weiss an dem Dokumentarfilm „Gesichter im Schatten“. Von Weiss, der seit 1939 in Stockholm lebte, sollte er auch 1957 einen Abendkurs für Gestaltung an der Stockholmer Universität übernehmen. Daraus entstand dann die legendäre „Fotoskola“, die zwischen 1962 und 1974 nicht weniger als 1200 Studenten durchliefen. „Verantwortung, Erkenntnis, Präsenz“ lauteten Strömholms Grundbegriffe in der Ausbildung.

Er schuf wunderbare Porträts von Kindern, Liebespaaren, von Leuten in großen Hallen und von berühmten Zeitgenossen wie Le Corbusier, Marcel Duchamp oder Peter Weiss. Er arbeitete mit dem Augenblick, belauerte aber die Wirklichkeit nie, sondern gab sich dem Gegenüber stets zu erkennen. Mit Aufnahmen entstellter Bombenopfer in Hiroshima gab Strömholm dem Krieg in seinem fotografischen Universum nur kurzzeitig Raum. Vor den Schrecken der Welt, die er wohl spürte, bot die Pariser Lebensart Schutz. Begeistert studierte er jahrelang, nicht allein als Fotograf, das Leben von Transsexuellen am Montmartre. Seine menschliche Sicht bewahrte ihn auch hier vor dem bloß Sensationellen.

„Man muss viel Chaos in sich haben, um selbst schöpferisch zu sein“, sagte er einmal vor seinem Tod im vergangenen Jahr, als er zur asketischen Strenge des Anfangs zurückkehrte. Die Schüler von ihm, längst Fotografen von Rang, bewältigen das Chaos auf andere Weise. Dawid hat sich für skurrile Fotogramme entschieden. Kenneth Gustavsson fesseln stille Momente des Lebens. Von Anders Petersen ist eine Reihe verstörter Gesichter zu sehen, während Gunnar Smoliansky den Stillstand des Lebens im Kleinformat festhält. Am weitesten öffnen sich Ulla Lemberg mit ihrer Serie aus Indien und Peter de Ru mit seiner Lust an vitalen Kontrasten der äußeren Wirklichkeit. „Christer Strömholm und seine Schüler“, die größte und vielleicht auch bedeutendste Fotoausstellung gegenwärtig in Berlin, holt ein Versäumnis nach, von dem wir nichts wussten.

Willy-Brandt-Haus (Stresemannstr. 28) bis 30. April, Di–So 12 bis 18 Uhr, Der Katalog zur Strömholm-Ausstellung kostet 20 Euro, der Katalog mit Arbeiten seiner Schüler 7 Euro .

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