Kultur : Die Wirklichkeitsmaschine

Schlussvorhang: Intendant Luc Bondy und Schauspieldirektorin Stefanie Carp verabschieden sich bei den Wiener Festwochen.

Christina Kaindl-Hönig
Zwischenkriegsdrama. Martin Kušej inszeniert Miroslav Krleža. Foto: Thomas Aurin
Zwischenkriegsdrama. Martin Kušej inszeniert Miroslav Krleža. Foto: Thomas Aurin

„Ich wünsche mir ein Haus der Extreme, in dem sich Publikum und Künstler wechselseitig überfordern“, bekannte Stefanie Carp einmal. Es scheint, als habe sich die Schauspielchefin der Wiener Festwochen in ihrer letzten Saison diesen Wunsch erfüllt. Zum Abschied präsentiert die umtriebige Dramaturgin ein überbordendes Programm aus Theaterstücken, Performances, Lectures und einen Ausstellungsparcours unter dem programmatischen Titel „Unruhe der Form“. Über 70 Künstler – darunter Tino Sehgal, Hassan Khan, Tim Etchells und Barbara Ehnes – demonstrieren die Auflösung der Grenzen zwischen den unterschiedlichen Kunstsparten. Die Hinwendung des Theaters zur Performance und zur Installation spiegelt sich auch im diesjährigen Gesamtprogramm.

Dieser Drang zur Innovation verwundert, leitete doch mit Luc Bondy seit 2002 ein Intendant die Wiener Festwochen, der sich selbst als Regisseur eines „klassischen Theaterzeitalters“ definiert. Doch während Bondy in Wien hauptsächlich als Regisseur von Oper und Sprechtheater präsent war, überließ er – anders als die Musiktheaterschiene, die unter Stéphane Lissner zur Marginalie verkam – zwei äußerst wachsamen Kuratorinnen das Schauspielprogramm. Zuerst Marie Zimmermann (2002 – 2007) und bis heute Stefanie Carp. 2014 werden Markus Hinterhäuser als Intendant und Frie Leysen als Schauspielchefin die Wiener Festwochen übernehmen.

Bondy selbst schrieb dem diesjährigen Schauspielprogramm zwei Inszenierungen ein, die sich auf die Schauspielkunst ihrer Stars konzentrieren, den tieferen Gehalt der Stücke aber negieren. Zelebrierte Bondy Harold Pinters bittere Farce „Le Retour“ („The Homecoming“) von 1965 über das repressive Verhältnis der Geschlechter als allzu glattes Kammerspiel skurriler Typen (mit Bruno Ganz als bösartigem Vater und Filmstar Emmanuelle Seigner als Schwiegertochter), so machte er aus Molières „Tartuffe“ (als Koproduktion mit dem Burgtheater) Edelboulevard in Luxusbesetzung mit Gert Voss, Edith Clever, Johanna Wokalek und Joachim Meyerhoff (s. Tsp. vom 30. 5.), ohne der dunklen Komödie von 1664 nur einen Funken gegenwärtiger Brisanz zu entlocken.

Mit naturalistischen Oberflächenansichten begnügte sich Martin Kušej bei „In Agonie“, drei Stücken des kroatischen Dramatikers Miroslav Krleža (1893 – 1981). Aus der Trilogie „Die Glembays“ machte Kušej in Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater ein sechsstündiges Epos, ohne eine adäquate Form für die Schrecken des Kriegs oder Krležas zwischen Schnitzler und Strindberg changierende Sprache zu finden.

In die Tiefe menschlicher Seelenqualen bohrte sich die spanische Performancekünstlerin Angélica Liddell bei ihrer Uraufführung von „Der ganze Himmel über der Erde: Das Wendy-Syndrom“. Eine exzessive Performance zwischen gesellschaftlicher Anklage und schmerzhafter Selbstbezichtigung, worin Liddell – im surrealen Albtraumszenario mit schwebenden Krokodilen – assoziativ das Attentat von Utöya mit Peter Pan und Wendy als modernen Allegorien emotionaler Unreife verquickt.

Als ebenso beunruhigendes wie intelligentes, von naturalistischem Spiel in eine Installation gleitendes Bildertheater überzeugte auch Romeo Castelluccis „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio“. Eine theatralische Meditation über die leidvolle Bedürftigkeit eines inkontinenten Greises, der von seinem Sohn liebevoll gepflegt wird – vor dem meterhohen Renaissance-Porträt von Antonello da Messinas „Salvator Mundi“.

Mit einem inszenierten Konzert von Werken jüdischer Komponisten aus Tschechien, Polen und Wien, die großteils in Konzentrationslagern ermordet wurden, überschritt Christoph Marthaler erneut die Grenzen des klassischen Sprechtheaters. In „Letzte Tage. Ein Vorabend“ sitzen im historischen Sitzungssaal des österreichischen Parlaments dröge Abgeordnete mit blinkenden Clownsnasen und lauschen dösend den antisemitischen Hasstiraden ungarischer Politiker von heute oder des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger von 1894, die Josef Ostendorf wie eine einlullende Gute-Nacht-Geschichte gibt.

Entlarvt Marthalers Groteske die politische Gegenwart als Spektakel, so kapituliert Nicolas Stemanns Stück „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ vor der Realität. In trashiger Science-Fiction-Kulisse versucht Stemanns „Nachrichtentheater“ der alltäglichen Informationsflut habhaft zu werden, transformiert in Popsongs, skandiert im Chor, ehe sich die Kommunarden einem Theorieseminar über das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit hingeben. Vom Theater blieb da nicht mehr als ödes Talkshowgeplänkel. Trotz dieser Pleite vermittelte Stefanie Carp ihrem Publikum zum Abschied die Erfahrung, dass gelungenes Theater längst nicht mehr nur dort stattfindet, wo der Vorhang fällt. Christina Kaindl-Hönig

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