''Die Wissenden'' : Das Märchen von der Medizin

Neuro-Science-Fiction an der Schaubühne: In Nina Enders "Die Wissenden ist alles drin: Abtreibung, Sterbehilfe und Neonazis.

Andreas Schäfer

Die Schaubühne ist, das weiß man schon lange, ein Diskurs-Theater. Mehr als um Kunst geht es ihr um Themen. Um Diskussionen, Streitgespräche, europäische Netzwerkbildung und immer wieder auch um Autorenförderung. Regelmäßig werden Stückewettbewerbe ausgeschrieben, deren Siegertexte dann am Haus uraufgeführt werden, wie jetzt „Die Wissenden“ der 1980 geborenen Nina Ender, arrangiert von Christoph Gockel, der mit dieser Arbeit sein Regiestudium an der Ernst-Busch-Schule abschließt. Thema von „Die Wissenden“: „Wann ist ein Leben lebenswert und wann nicht?“

Als sich herausstellt, dass der Embryo, der in Paula Schenk heranwächst, am Downsyndrom leidet, wird sie von ihrem Mann zur Abtreibung gedrängt. Der wiederum ist Neurochirurg und stellt Experimente mit Hirngeschädigten an, zum Beispiel mit Ralph, der von Neonazis verprügelt wurde und seitdem nur noch eines macht: Pferde kneten – das allerdings außerordentlich gut. Als die traumatisierte Paula diesem Ralph begegnet, erklärt sie ihn kurzerhand zu dem Kind, das sie verloren hat, während ihr Mann davon träumt, normale Menschen an die Gehirnströme der Hirngeschädigten anzuschließen, um von deren phänomenaler Inselbegabung zu profitieren. Auf dass man auf dem Arbeitsmarkt noch effizienter werde. Eine Neuroscience-Fiction also!

Leider soll der Text aber auch Märchen sein. Paula beschließt, Ralph zu befreien, betritt mit ihm einen Fahrstuhl und fährt nach unten. Dort wartet nicht der Ausgang, sondern eine Leichenhalle, wo ihnen ein totes Mädchen begegnet, das sich zu Tode fuhr, nachdem es seinen krebskranken Vater in eine Schweizer Sterbewohnung begleitet hatte. Ender ist wie eine übermotivierte Journalistin an den Stoff herangegangen: Spätabtreibung, Hirnforschung, Sterbehilfe, Neonazis.

Christoph Gockel inszeniert diesen Stückversuch über die Humanmedizin – den die Schaubühne aus naheliegenden Gründen vor der Premiere partout nicht verschicken wollte – zügig, aber ohne Leidenschaft. Die Schauspieler sitzen meist in oder vor einem weißen Kasten, auf den Videobilder projiziert werden (Bühne: Julia Kurzweg), während Elektroknistern für eine futuristische Atmosphäre sorgt (Musik: Matthias Grübel). Lea Draeger, André Szymanski, Ulrich Hoppe, Bettina Hoppe und Henrike Jörissen leisten Dienst nach Vorschrift. David Ruland trägt als Autist Ralph einen Fahrradhelm und zeigt nur einmal, was er kann. Im Leichenkeller springt er aus dem Rollstuhl und erzählt vom Flugtraum eines Ulmer Bäckers aus dem 19. Jahrhundert – mitreißend, obwohl auch diese Geschichte nach Wikipedia klingt. Andreas Schäfer

Wieder am 27. und 28. Februar.

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