Kultur : Die Wissensgesellschaft: Was ist gerecht?

Nancy Fraser

Wir leben in einer Zeit epochaler Veränderungen - dieser Wandel betrifft das Soziale ebenso wie die Wirtschaft, die Politik ebenso wie die Gesellschaft. Die fordistische Phase des Kapitalismus verblasst - die Ära der Massenproduktion und der starken, mächtigen Gewerkschaften schwindet. Und damit scheint es auch mit dem Vater als Alleinverdiener und Ernährer der Familie vorbei zu sein. Heute leben wir im so genannten Postfordismus: statt Massen- dominiert die Nischenproduktion, die Gewerkschaften schwächeln, die Erwerbstätigkeit der Frauen steigt.

Diese Veränderungen kann man auch anders benennen: als Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Die Industriegesellschaft fußte auf den Manufakturtechnologien der zweiten industriellen Revolution, die Wissensgesellschaft wurde durch die Informationstechnologien der dritten industriellen Revolution möglich. Politisch geht damit der Wandel von einer internationalen Ordnung souveräner Staaten zu einer globalen Ordnung von riesigen transnationalen Kapitalströmen einher, die die nationalen Steuerungsmöglichkeiten unterhöhlen.

News aus dem globalen Dorf

Die Wissensgesellschaft bringt, so glaube ich, noch eine weitere zentrale Neuerung hervor: die zunehmende Bedeutung von Kultur. Dass Kultur wichtiger wird, zeigt sich auf vielfältige Weise. Der "symbolische Arbeiter" (im Gegensatz zum Fabrikarbeiter) in der globalen Informationsökonomie wird zunehmend sichtbar. Die Bedeutung von Arbeit für die soziale Identität vieler Menschen nimmt ab - und jene von Religion und ethnischer Zugehörigkeit zu. Mit wachsender Einwanderung steigt auch das Bewusstsein eines kulturellen Pluralismus. Die kulturelle Vermischung wird intensiver - durch persönliche Kontakte und durch die elektronisch vermittelte Kommunikation. Gerade die vermehrte und schnelle Verbreitung von Bildern über globale Massenunterhaltung und Werbung befördert das Bewusstsein, Bewohner eines globalen Dorfes zu sein. Und, als Konsequenz all dieser Veränderungen, entsteht ein neues, reflexives Bewusstsein des "Anderen", eine neue Betonung von Identität und Differenz.

Was mich am meisten interessiert, ist, wie diese gewachsene Bedeutung von Kultur auf Politik wirkt - und wie sie die Möglichkeiten sozialer Gerechtigkeit beeinflusst. Betrachten wir deshalb die Kämpfe um Identität und Differenz - oder, wie ich sie nenne, die Kämpfe um Anerkennung. Diese Kämpfe sind in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Heutzutage werden die intensivsten sozialen Konflikte durch Ansprüche auf Anerkennung ausgelöst. Es geht dabei um Multikulturalismus, um Gender und Sexualität, um nationale Souveränität und regionale Autonomie bis hin zu den Bewegungen für internationale Menschenrechte. Diese Kämpfe sind überaus heterogen - manche sind emanzipativ, andere absolut verwerflich. Doch ganz gleich, was wir im Einzelnen von diesen Bewegungen halten, erstaunlich ist, dass all diese Kämpfe etwas verbindet: Es geht um Statuspolitik.

Dieses Comeback der Statuspolitik hat eine andere Seite: das Verblassen der Klassenpolitik. Sie war einst die hegemoniale Sprache politischer Proteste. Aber Forderungen nach ökonomischer Gleichheit sind in der Wissensgesellschaft eher out - Gleichheit, das war die Parole des fordistischen Wohlfahrtsstaates. Kein Wunder also, dass Parteien, die früher egalitäre Umverteilung auf ihre Fahne schrieben, heute einen nur schwer definierbaren "Dritten Weg" beschreiten wollen. Wenn dieser Weg über emanzipative Substanz verfügt, dann hat er mehr mit Anerkennung zu tun als mit Umverteilung.

Kurzum: Die Wissensgesellschaft bringt eine neue Sprache hervor, in der politische Ansprüche artikuliert werden. Der Schwerpunkt liegt nicht mehr auf Umverteilung, sondern auf Anerkennung. Wie ist dieser Wechsel zu bewerten? Wie wirkt er sich auf soziale Gerechtigkeit aus?

Zwiespältig. Einerseits erweitert der Wandel zu einer Politik der Anerkennung das Verständnis von sozialer Gerechtigkeit. Es geht nicht mehr nur um Klassenfragen, sondern auch um andere Formen von Unterdrückung. Dazu gehören Gender, "Rasse", Ethnie, Sexualität, Religion und Nationalität. Das ist gewiss ein klarer Fortschritt gegenüber der engen, fordistischen Ideenwelt, in der, was nicht zentral mit der Arbeitskraft und ihrer Vergütung verbunden war, im Schatten stand. Heute hingegen wird soziale Gerechtigkeit nicht länger auf Verteilungsfragen beschränkt - sie schließt Fragen der Repräsentation, Identität und Differenz ein.

Andererseits ist völlig unklar, ob die Kämpfe um Anerkennung die Kämpfe um egalitäre Verteilung unterstützen und bereichern werden. Angesichts des zunehmend um sich greifenden Neoliberalismus muss man da Zweifel anmelden. Dann freilich wären die jüngsten Gewinne in der politischen Kultur gleichermaßen ein tragischer Verlust. Statt Umverteilung plus Anerkennung hätten wir bloß eine Beschränkung gegen eine andere eingetauscht - einen reduzierten Ökonomismus gegen einen reduzierten Kulturalismus. Das Resultat wäre der klassische Fall einer kombinierten ungleichen Entwicklung: Die bemerkenswerten Gewinne auf der Achse der Anerkennung würden einhergehen mit Stillstand oder sogar Verlusten auf der Achse der Verteilung.

Dies ist meine Lesart gegenwärtiger Trends. Im Folgenden werde ich in zwei Schritten eine Annäherung an die Wissensgesellschaft skizzieren.

Erstens: Eine Gefahr für soziale Gerechtigkeit in der Wissensgesellschaft ergibt sich aus einer historischen Ironie: Der Wechsel von Umverteilung zu Anerkennung findet trotz (oder wegen) der Beschleunigung ökonomischer Globalisierung statt. Identitätskonflikte sind genau in dem Moment zentral geworden, in dem ein von den USA angeführter, aggressiv globalisierender Kapitalismus ökonomische Ungleichheit radikal verschärft. Der Schwenk von Umverteilung zu Anerkennung passt exakt in den herrschenden Neoliberalismus, der darauf zielt, die Erinnerung an soziale Gleichheit zu unterdrücken. Deshalb stützen Kämpfe um Anerkennung Kämpfe um Umverteilung derzeit kaum - im Gegenteil: Sie neigen dazu, jene ins Abseits zu drängen und zu ersetzen.

Anerkennung und Neoliberalismus

Diese Verdrängung von Umverteilung durch Anerkennung gefährdet unsere Fähigkeit, uns soziale Gerechtigkeit in der Wissensgesellschaft vorzustellen. Um eine eingeschränkte Sicht auf Emanzipation zu vermeiden und ungewollt mit dem Neoliberalismus gemeinsame Sache zu machen, müssen wir unser Konzept von Gerechtigkeit überdenken. Wir brauchen ein breites und aufnahmefähiges Konzept, das wenigstens zwei Arten von Anliegen unterbringt. Auf der einen Seite muss solch ein Konzept die traditionellen Anliegen von Theorien gerechter Verteilung, besonders Armut, Ausbeutung, Ungleichheit und Klassenunterschiede berücksichtigen. Gleichzeitig muss es die Anliegen aufnehmen, die neuerdings in den Philosophien der Anerkennung ausgedrückt werden, besonders Respektlosigkeit, kultureller Imperialismus und Statushierarchien. Wir müssen Verteilung und Anerkennung schlicht unter einen Hut bringen. Dazu müssen ungleiche Verteilung und mangelnde Anerkennung in Bezug zu einem gemeinsamen normativen Standard gedacht werden, ohne das eine unter das andere unterzuordnen. Diesen gemeinsamen Standard kann man teilhabende Gleichheit nennen.

Lassen Sie mich erklären. Ich schlage vor, soziale Realität gleichzeitig durch zwei Linsen zu betrachten. Sieht man durch die eine, ist Gerechtigkeit eine Sache gerechter Verteilung. Sieht man durch die andere Linse, ist sie eine Angelegenheit gegenseitiger Anerkennung. Jede Linse fokussiert einen wichtigen Aspekt sozialer Gerechtigkeit, aber keine reicht alleine aus. Ein umfassendes Verständnis entsteht erst, wenn wir beide Linsen übereinander legen. Dann erscheint Gerechtigkeit als ein Konzept, das zwei Dimensionen sozialer Ordnung umfasst: Verteilung und Anerkennung.

Aus der Perspektive der Verteilung erscheint Ungerechtigkeit in Gestalt von klassenähnlichen Ungleichheiten, die in der ökonomischen Struktur der Gesellschaft wurzeln. Hier ist die zentrale Ungerechtigkeit die schlechte Verteilung in einem weiten Sinne. Das heißt, damit sind nicht nur extreme Einkommensungleichheit gemeint, sondern auch Ausbeutung, Benachteiligung oder Ausschluss von Arbeitsmärkten. Der Diagnose entspricht die Medizin. Sie heißt Umverteilung, ebenso breit verstanden. Es geht also nicht nur um Einkommenstransfers, sondern auch darum, Arbeit neu zu verteilen, Besitzstrukturen zu ändern, und Investitionsentscheidungen zu demokratisieren.

Aus der Perspektive von Anerkennung dagegen erscheint Ungerechtigkeit in Gestalt von Unterordnung, die in den institutionalisierten Hierarchien kultureller Werte wurzelt. Hierbei ist die zentrale Ungerechtigkeit fehlende Anerkennung, ebenfalls breit verstanden als kulturelle Herrschaft, und Respektlosigkeit. Hier lautet die Antwort: Anerkennung im weiten Sinne. Es handelt sich dabei auf der einen Seite um Reformen, um nicht-respektierte Identitäten aufzuwerten, Verschiedenheit anzuerkennen und positiv zu werten.

Wird es also möglich sein, Umverteilung und Anerkennung zu verbinden? Einfach ist es nicht, aber ich glaube, dass die Wissensgesellschaft selbst Bedingungen schafft, die diese Verbindung erleichtern. Denn dort ist Identität nicht so eindeutig an die Arbeit geknüpft und kulturelle Themen sind stark politisiert.

Zweitens: Eine andere Gefahr für soziale Gerechtigkeit in der Wissensgesellschaft entsteht durch eine weitere historische Ironie: Kämpfe um Anerkennung verbreiten sich heute trotz (oder wegen) verstärkter transkultureller Kommunikation. Sie finden statt, während beschleunigte Migration und globale Medienströme alle kulturellen Formen zerbrechen und vermischen - auch solche, die vorher als "intakt" angesehen wurden. In manchen Kämpfen um Anerkennung wird versucht, die Institutionen der gewachsenen Komplexität anzupassen. Das ist angemessen. Doch in vielen anderen wird die Gruppenidentität drastisch vereinfacht und gegen andere zementiert. Solche Kämpfe um Anerkennung neigen zu Separatismus, Chauvinismus und Intoleranz.

Auch diese Neigung zu abgedichteten Kollektiv-Identitäten gefährdet unsere Fähigkeit, uns soziale Gerechtigkeit in der Wissensgesellschaft vorzustellen. Deshalb brauchen wir ein Konzept, das sich nicht auf Identität bezieht und das Abgrenzungen entschärft. Dies bedeutet nichts anderes als unser Verständnis von Anerkennung zu verändern.

Normalerweise wird Anerkennung durch die Brille der Identität gesehen. So gesehen braucht Anerkennung eine gruppenspezifische Identität. Wenn die dominante Kultur diese Identität verachtet, mangelt es an Anerkennung - so wird das Selbstverständnis des Gruppenmitglieds beschädigt. Um diesen Schaden zu beheben, gilt es sich in der Politik der Anerkennung zu engagieren. Diese Politik zielt darauf, die innere Verschiebung des Selbst zu reparieren, indem man sich gegen das entwürdigende Bild der eigenen Gruppe durch die dominante Kultur wendet. Die Mitglieder missachteter Gruppen müssen solche Bilder ablehnen - und neue Selbst-Repräsentationen erfinden. Nachdem sie ihre kollektive Identität neu geschaffen haben, müssen sie sie öffentlich zur Schau stellen, um den Respekt der Gesellschaft zu erlangen. Ist diese Politik erfolgreich, dann besteht das Resultat in "Anerkennung", in einer unverzerrten Beziehung zu sich selbst. Im Identitätsmodell meint Politik der Anerkennung also Identitätspolitik.

Gewiss, aus diesem Identitätsmodell lassen sich einige Innensichten über die psychologischen Auswirkungen von Rassismus, Sexismus, Kolonialisierung und kulturellem Imperialismus gewinnen. Es ist aber in zwei wichtigen Punkten unzureichend. Erstens neigt es dazu, Gruppenidentitäten zu zementieren. So wiederholt und bestätigt es häufig Gruppenstereotypen - und fördert die Abschottung der Gruppe.

Deshalb schlage ich ein alternatives Konzept von Anerkennung vor: das Status-Modell. Nach meiner Auffassung ist Anerkennung eine Frage des sozialen Status. Anerkennung in der Wissensgesellschaft erfordert keine gruppenspezifische Identität, sondern den Status individueller Gruppenmitglieder als vollwertige Partner sozialer Verständigung. Mangelnde Anerkennung bedeutet dementsprechend nicht die Deformation einer Gruppenidentität. Es meint eher soziale Unterordnung - also daran gehindert zu werden, als Gleichwertige am sozialen Leben teilzunehmen.

Lassen Sie mich erklären. Im Status-Modell ist mangelnde Anerkennung eine soziale Beziehung von Unterordnung, die durch institutionalisierte Muster kultureller Werte weitergegeben wird. Dies geschieht zum Beispiel, wenn Heiratsgesetze gleichgeschlechtliche Partnerschaften ausschließen, weil sie als illegitim und pervers angesehen werden. Oder wenn eine Sozialpolitik allein stehende Mütter als sexuell verantwortungslose Schnorrerinnen betrachtet. Oder wenn polizeiliche Praktiken wie das "Rassenprofil" (racial profiling) Farbige automatisch mit Kriminalität verbindet. In jedem dieser Fälle wird einigen Mitgliedern der Gesellschaft der Status als vollwertige Partner in der Interaktion verwehrt.

Schließlich bedeutet mangelnde Anerkennung im Status-Modell eine Verletzung von Gerechtigkeit. Wo und wie auch immer eine Forderung nach Anerkennung erfolgt, sie ist immer in Ordnung. Das heißt genau dieses: Das Ziel ist nicht, eine Gruppenidentität aufzuwerten, sondern Unterordnung aufzuheben. Genau diese Politik der Anerkennung braucht die Wissensgesellschaft.

Das Einfache, das schwer zu machen ist

Die beiden genannten Probleme bedrohen die soziale Gerechtigkeit in der Wissensgesellschaft. Wenn Anerkennung auf Kosten von Umverteilung betont wird, kann das ökonomische Ungleichheit fördern. Wenn die kulturelle Wende kollektive Identitäten betoniert, riskiert sie, Menschenrechtsverletzungen zu billigen und Gegensätze zu verschärfen, die versöhnt werden sollten.

Ich habe dazu zwei Konzepte skizziert. Vielleicht können diese Gedanken helfen, die zentrale Frage zu beantworten: Wie können wir die Ungerechtigkeiten von Status und Klasse in der Wissensgesellschaft beheben? Wie können wir die besten Seiten der Umverteilungspolitik mit den besten Seiten der Anerkennungspolitik verbinden? Nur wenn wir beide Anliegen gemeinsam angehen, ist die Forderung nach Gerechtigkeit für alle keine Illusion. Ganz einfach, ganz schwer.

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