Die WM und der Teamgeist : Wir und wie wir die Welt meistern

Alle reden nach der WM vom Teamgeist. Aber ist das Spiel der Nationalmannschaft tatsächlich ein Abbild der Gesellschaft? Ein Rückblick auf die Woche der Sieger.

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Gemeinsam sind wir stark. Die Fanparty vom Dienstag am Brandenburger Tor.
Gemeinsam sind wir stark. Die Fanparty vom Dienstag am Brandenburger Tor.Foto: dpa

Am Ende war es kein Gott, sondern ein Götze, der das Tor schoss. Ein junger Mann aus Fleisch und Blut, der glückliche Mario Götze, professioneller Elitesportler, ehrgeizig, durchtrainiert, hoch bezahlt. Sein eins zu null verschaffte der deutschen Mannschaft den Titel „Weltmeister“. Vorher war viel die Rede gewesen vom „Fußballgott“, im Moment der Entscheidung erschien der Torschütze als „Erlöser“. Den „heiligen Pokal holen“ wollten sie sich, hatten auch Argentiniens Fußballer vor dem Finale erklärt. Am Druck der Erlösungserwartung, mit der Arme wie Reiche auf den Fußballgott schauten, war Brasiliens Mannschaft gescheitert.

Das Spiel ist vorbei, die Hostien des unberechenbaren Fußballgotts sind im Tabernakel verschwunden. Gesiegt und entschieden hat ohnehin nicht er, sondern der Teamgeist, das Team. Der Pokal verwandelt sich vom Heiligen Gral in eine mit ehrlicher Arbeit verdiente, gemeinsam erjagte Trophäe aus Gold. Es war Teamwork! Wir sind ein Team! Zusammen waren wir stark! Das, so der Tenor, kann sich die Welt von Deutschland abgucken. Nicht die Starallüren Einzelner, sondern der Geist einer Mannschaft, die zusammenhält, entscheidet über Sieg oder Niederlage.

Die Rückkehr der Weltmeister
Einmal die Polonaise über die Bühne.Weitere Bilder anzeigen
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15.07.2014 12:18Einmal die Polonaise über die Bühne.

Wenn der Fußballstil einer Nationalmannschaft ein Abbild der deutschen Gesellschaft generiert hat, dann eben diesen Nationalspirit: exzellente Teamarbeit. Davon war viel die Rede in den letzten Tagen. Dass jeder Spieler auf seine Art ein Star ist – der Taktiker, der junge Ungestüme, der Zuarbeiter, der Stürmer und so fort –, sie aber nur gemeinsam gewinnen. Die amerikanische Autorin Anne Coulter wittert darin kollektivistische Ideologie; in der unamerikanischen Sportart, schreibt sie, könne sich Triumph oder Blamage des Individuums hinter der Gruppe verstecken.

Aus der Insolvenzmasse der Fußballgötter aller Länder steigt jetzt jedenfalls das Siegermodell des Gemeinschaftssinns auf. Der Nationaltrainer hatte die jungen Spieler nach „Wohngemeinschaften“ sortiert, genial, wie sie allesamt kreative Strategien entwickelt, Zusammenhalt trainiert haben: So, suggeriert dieses Narrativ, funktioniert die Firma Deutschland. Den Hintergrund des Narrativs bildet eine Reihe von Kollektivmodellen, von den Siebzigerjahren bis zur postmodernen Gegenwart. Dazu gehören alternative Lebensformen wie eben Wohngemeinschaften, didaktische Praktiken wie die Partnerarbeit in Schulklassen, Managementkonzepte wie Synergienutzung, Großraumbüros und Teamklausuren. Oder auch die den Freizeitstil prägende Moden wie Fitness und Wellness und aus der Psychologie kommende Methoden wie mentales Motivationstraining.

Eine Hochleistungsmannschaft für ein Hochtechnologieland

In einem Hochtechnologieland wie der Bundesrepublik erhält die Hochleistungsmannschaft, die die Nation repräsentieren und die Fußballschlacht für sie schlagen soll, einen technischen Betreuerstab, von dem man in Ghana oder Algerien nur träumen kann. Mit dem Team reisen Bundestrainer, Manager, Assistenztrainer, Torwart-Trainer, Fitness-Trainer, ein Orthopäde und ein Internist als Mannschaftsärzte, Sportpsychologen, Physiotherapeuten, Masseure, Reiselogistiker, Öffentlichkeitsarbeiter, ein Master-Coach, ein Privatkoch, ein Spezialist für Sportbekleidung, ein Chauffeur für den Bus. Sondermaschinen transportieren die jungen Gladiatoren von Flugplatz zu Flugplatz, Luxushotels erwarten sie am Einsatzort. Unterhaltungsprogramme und Freizeit mit eigens eingeflogenen Gattinnen oder Freundinnen, „Spielerfrauen“ genannt, unterbrechen das harte Training. Einige Wochen lang halten sich die Wettkämpfer in einem abgeschlossenen Kosmos auf, in dem alle Konzentration, alle Zerstreuung allein dem ehrenvollen, lukrativen Ziel dient zu siegen.

Mit der Gesellschaft als „Team“, mit einer beschworenen Gemeinschaft der 82 Millionen Einwohner der Bundesrepublik lässt sich die Ausnahmelage dieser Auslesegruppe kaum vergleichen. „Ich fühle mich komisch bei dem Gedanken, stolz auf die Leistung anderer zu sein, die ich nicht mal persönlich kenne“, sagte der 17-jährige Schüler Nicolas Reichert vor ein paar Tagen auf „Spiegel Online“. „Denn ich war es nicht, der so hart trainiert hat, der sich so ausgepowert hat. Das waren die Spieler.“ Sicher. Die Mannschaft repräsentiert keineswegs als pars pro toto, was alle im Land leisten. Sie repräsentiert vielmehr, was sich das Land für diesen Zweck leisten will und kann: den so zielorientierten wie virtuosen Umgang mit den finanziellen, technischen, wissenschaftlichen und organisatorischen Ressourcen des Landes.

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