Kultur : Die Würde des Tieres

Nasse Nüstern, schimmernde Augen: Esko Männikkös Tierporträts

Daniel Völzke

Tiere schauen uns an. In ihren Augen schimmern Bewusstsein und Seele – und doch bleiben sie uns auf ewig verschlossen. Der finnische Künstler Esko Männikkö hält in seinen jüngsten Fotografien den Glanz der Tieraugen fest: stolze Pferde, stoische Rinder, störrische Esel - auf den Bildern in der Galerie Nordenhake sieht man sie in die Linse blicken, als würden sie gleich Weisheiten von sich geben. Was sie wohl erzählen würden?

„Harmony Sisters“ nennt Männikkö diese Digitalaufnahmen, die auf einem Bauernhof entstanden, während seine beiden Töchter dort Reiten waren (gerahmte Editionen in einer Auflage von zwanzig kosten 3800 bis 5500 Euro). Der Finne inszeniert die Tierkörper liebevoll, beinah zärtlich. Beim ersten Blick sind oft nur Strukturen, Farben und Formen zu sehen. Erst dann erkennt der Betrachter in den geschwungenen Landschaften ein Fell, das sich in Falten legt, ein Federkleid, ein Schwanzpuschel, nasse Nüstern, schimmernde Augen. Nun kann er sich das Tier in seiner Vorstellung zusammensetzen.

Diese Konzentration auf Körperteile mag fast ein wenig fetischhaft anmuten. Doch im Gegensatz zu pornografischer Fotografie wird die Natur auf den Fotos des 47-Jährigen romantisch überhöht. Die Details sind warm ausgeleuchtet, ihre Umgebung weich verschwommen. Oft scheinen die Tiere vor neutralem, schwarzem Hintergrund zu stehen. Besonders die dunklen Holzrahmen, die Männikkö vom Flohmarkt besorgt oder selbst zimmert, verleihen den Bildern eine malerische Aura. Ölgemälde von blaublütigen Lieblingshengsten blaublütiger Herrschaften fallen einem ein.

Esko Männikkö verhilft dem Provinziellen zu aristokratischem Stolz: International bekannt wurde der Künstler, der nie eine Kunsthochschule besucht hat, mit Porträts seiner Nachbarn im nordfinnischen Oulu: Einsiedler, sympathische Käuze, Bauern und Bastler rückte Männikkö in ein Licht, das die Spuren des alltäglichen Kampfes auf den Gesichtern nicht verbirgt. Und gleichzeitig Selbstbewusstsein zeigt. An manchen Wänden der Porträtierten, lassen sich die gleichen dicken Rahmen entdecken, die auch die Fotografien Männikkös zu Ensembles erweitern – der Finne teilt die Liebe seiner Landsleute. In den „Harmony-Sisters“-Bildern nehmen die Rahmen zudem Elemente aus den Aufnahmen auf: Die Textur des Fells, das Schimmern eine Schnauze oder die Farbe eines Auges wiederholt sich in Anstrichen, Kratzern oder Schnitzmustern.

Wie vorher für schweigsame Eremiten und unterprivilegierte Arbeiter findet Männikkö nun für die so genannte Kreatur einen Rahmen, der neue Perspektiven zulässt. Oft reißen die Tiere die Augen auf, als würden sie erschrecken über den Blick des Menschen. Doch anklagen will der leidenschaftliche Jäger Männikkö sicher nicht. Bereits als Teenager begann er bei der Jagd zu fotografieren: blutige Spuren im Schnee, selbstgeangelte Fische und erlegtes Wild. Jagd und Kunst hängen für Männikkö noch heute eng zusammen.Wobei er sich nie am Leid der Tiere weidet. Seine Bilder geben den Tieren gerade durch die Intimität und Verletzlichkeit, die sie zeigen, eine eigene Würde zurück, die keiner Patronage bedarf: Je näher die Kamera ihnen auf das Fell rückt, desto unerreichbarer scheinen sie.

Galerie Nordenhake, bis 27. Mai, Zimmerstraße 88 – 91; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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