Kultur : Die Wüste lebt

Christina Tilmann

Die Hände sind schlammverkrustet, oft rot vor Kälte. Hier ist ein Nagel eingerissen, dort schwarz geworden. Pflaster schützen nur kurzfristig. Andy Goldsworthy arbeitet mit den bloßen Händen - ob er Eiszapfen, Schilf oder Steine bricht. Er braucht den Kontakt zur Materie. Handschuhe dagegen kleben am Eis oder verkrusten mit Erde. "Wenn Sie jemandem die Hand geben, behalten Sie ja auch keine Handschuhe an", ist sein Argument.

Die Werke des schottischen Landart-Künstlers Andy Goldsworthy kennt fast jeder, seit der Verlag "2001" sich der Verbreitung seiner Fotos angenommen hat: Seine Bildbände sind die erfolgreichsten Kunstbücher der letzten Jahre. Man kennt die Spirale aus Eiszapfen, die im Sonnenlicht geradezu überirdisch schimmern, oder die Fäden aus Schafswolle, die auf den Steinwällen in Schottland leuchten. Auch Blattspiralen, die sich im Wasser entfalten und das leuchtende Herbstlaub, das wie ein Vulkankrater arrangiert ist, sind bekannt. Die Kreise aus Steinen, die zarten Gitter aus Zweigen, die Kegel aus Stein und Eis: längst berühmt.

Unbekannt ist der Entstehungssprozess dieser Werke, die oft nur für Minuten oder Sekunden andauern. Und man wusste auch nichts von dem liebenswürdigen Humor und der Geduld, mit der sich Andy Goldsworthy seinem vergänglichen Werk widmet - bei Schnee und Eis, Regen und Sturm, immer mit Mütze, Gummistiefeln und Schal angetan, stunden- und tagelang.

Zugegeben, erst lacht man noch, als die Pyramide aus Steinen, das Gitterwerk aus Ästen in sich zusammenfällt. Nach dem dritten Zusammensturz begreift man Goldsworthys Verzweiflung, auch wenn er sie kaum zeigt. Jeden Morgen steht er um vier Uhr auf und beginnt seinen Wettlauf gegen die Zeit. Ob das geplante Werk zu Sonnenaufgang fertig werden soll oder vor Eintreffen der Flut: Stets sitzt ihm die Natur im Nacken und duldet keinen Misserfolg.

Und doch: Kein Versuch ist vergeblich. "Ich bekomme ein immer besseres Gefühl für den Stein", erklärt Goldsworthy stoisch. Bis knapp an die Grenze des Zusammenbruchs seiner Arrangements zu bauen, ergibt, wie der Künstler es nennt, eine "schöne Balance". Und manchmal, wenn eine Steinpyramide von der Flut Woge auf Woge verschlungen wurde und bei der nächsten Ebbe Stück für Stück unversehrt wieder auftaucht, erscheint das ebenso als Wunder wie eine Blattspirale, die über Sandbänke und Wirbel hinweg zusammenhält und sich mäandernd durch das Wasser zieht. Dann hat das Warten gelohnt.

Der Regisseur und Kameramann Thomas Riedelsheimer hat diesen sanften, verträumten Poeten der Materie vier Jahre lang bei der Arbeit begleitet und daraus einen Film gemacht, der Goldsworthys Naturwunder erst richtig zum Leuchten bringt. "Rivers and Tides" lief im vergangenen Jahr im Internationalen Forum der Berlinale und wurde vom Publikum stürmisch gefeiert. Flüsse und Gezeiten macht Riedelsberger als Grundkonstante der Naturkunstwerke aus. Klug wechselt der Film zwischen den Strukturen von Wellen und Laub zu den künstlich geschaffenen Werken, immer begleitet von der kühl-zurückhaltenden Musik von Fred Frith, der für das Spiel mit den Kräften der Natur den angemessenen Begleitsound findet.

Diese Bilder machen süchtig: Würde Goldsworthy verlangen, der Zuschauer solle mit ihm um vier Uhr morgens aufstehen und stundenlang in der Kälte warten, um das Glänzen der ersten Sonnenstrahlen auf dem Eis zu sehen - man täte es ohne zu zögern. Am Ende des Films steht das Bild des Künstlers, der mit kindlichem Vergnügen eine Handvoll Pulverschnee in die Sonne wirft und zusieht, wie der Schnee-Nebel vom Winde verweht wird. Wie sagt Andy Goldsworthy: "Good art keeps you warm."

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