Kultur : Die Wüste liebt

Muammar al-Gaddafi, der libysche Diktator, ist unter die Dichter gegangen

Peter Köhler

Es gibt Bücher, die vor allem wegen der Person ihres Autors Interesse verdienen. Zum Beispiel, wenn ein früherer Finanzier nationaler Befreiungsbewegungen in aller Welt sich schriftstellerisch betätigt. Ein einstiger Drahtzieher des internationalen Terrorismus, der selber einmal, 1986, Ziel eines US-amerikanischen Terrorangriffs auf sein Land war. Ein Revolutionär, Schöpfer einer Dritten Universaltheorie jenseits von Kapitalismus und Kommunismus und Propagandist des Islam, der aber inzwischen die Islamisten in seinem Land bekämpft und demonstrativ mit Europa kooperiert. Einer, der seit 35 Jahren die Welt mit seinen Ideen und Aktionen in Atem hält. Kurz: wenn der libysche Oberst und Staatenlenker Muammar al-Gaddafi zum Belletristen wird. Schließlich erhofft man sich, wenn schon nicht literarischen Genuss, so doch charakterlichen Aufschluss.

In der Tat steckt in Gaddafis teilweise autobiografisch motivierten Essays, Erzählungen und Satiren – erschienen unter dem Titel „Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten“ – nicht immer ein künstlerisches Prinzip. Aber es spricht aus ihnen der kämpferische, mitunter missionarische Geist eines Revolutionsführers. „Die richtige Haltung ist die Konfrontation“, lautet die Lehre, die der Sohn aus der Nacherzählung des bewegten Lebens seines Vaters zieht, der bereits gegen die italienische Kolonialmacht kämpfte. Gaddafi selbst, so viel Interpretation darf sein, sieht sich vermutlich als jener das Buch beschließende „Fastentrommler am Mittag“, der ähnlich wie der Fastentrommler im Ramadan die Muslime morgens weckt und die Masse aus ihrem politischen Schlaf reißt. Nicht nur psychologisch interessant, auch ästhetisch von Belang ist die originelle Erzählung über die „Flucht in die Hölle“, in der Gaddafi die Furcht vor dem Volk, das seine Herrscher erst bejubelt und dann verdammt, ausdrückt und die Hölle als kühlen Ort schildert, in der der Mensch und jede bedrängte Kreatur Zuflucht finden.

Als Politiker war Gaddafi stets ein eifriger Anhänger des Islam und zugleich ein fortschrittsgläubiger Modernisierer seines Landes, der die Werte von Wissenschaft, Bildung und Technik hochhält. In mehreren Satiren spottet er über die rückwärtsgewandten Fundamentalisten. Aber einfach vorwärts, wie man meinen könnte, geht es mit Gaddafi auch nicht.

Bekanntlich scheut der Führer Libyens die Hauptstadt seines Landes und lebt statt in den Mauern von Tripolis lieber im Zeltlager in der Wüste; sein sandiges Berchtesgaden ist die brettflache Einöde bei Sirt, in dessen Nähe er 1942 geboren wurde. Und dieser Beduine gibt sich nun in den zentralen Stücken seines Sammelbandes wie ein Wiedergänger jenes Südseehäuptlings „Tuiavii aus Tiavea“, der 1920 den zivilisationsmüden Papalagis die Rückkehr zum primitiven Leben predigte (und hinter dem sich in Wirklichkeit der Deutsche Erich Scheurmann verbarg). „Die Stadt ist Entwurzelung, abscheulicher Konsum, nutzlose Suche und sinnlose Existenz“, sie „ist ein Brechreiz, Schwindel, Finsternis, sinnloser Zeitvertreib und Vergeudung“, schreibt der Wüstensohn. Dagegen herrschen auf dem Land „Ermutigung und Lob für den Freiheitsdrang und das Streben zum Licht“, und „alle lieben sich gegenseitig“.

Allerdings werden Ermutigung und Lob nicht jedermann zuteil, schon gar nicht dem im Titel angekündigten Astronauten. Ihm ist es unmöglich, sich mit einem schlichten Bauern über das Wort „Erde“ zu verständigen, und der, weil dem Leben entfremdet, sterben muss.

Für die Moderne, gegen die Moderne, Gaddafi zeigt sich als Autor so widersprüchlich und eigen wie als Politiker. Bislang galt er im Westen als gefährlicher oder auch nur verrückter Politiker – letzteres auch deshalb, weil er auf internationalen Kongressen schon mal in bunten Phantasietrachten auftritt, in einem Wüstenzelt kampiert und ein Kamel mitbringt, um frische Stutenmilch zu trinken. Aber die wahrscheinlichste Lösung für das Rätsel Gaddafi lautet, dass er ein Künstler ist: ein Individualist, ein Eigenbrötler und Außenseiter, einer, der sich um Konventionen nicht schert und seine eigenen fixen Ideen über jene der breiten Masse stellt. Dieses Buch, das bereits 1993 in Libyen erschien und jetzt, sorgfältig übersetzt und annotiert, auf Deutsch vorliegt, spricht dafür.

Muammar al-Gaddafi: Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten. Aus dem Arabischen übersetzt, kommentiert und mit einem Vorwort von Gernot Rotter. Mit den Illustrationen der Originalausgabe. Verlag Belleville, München. 162 Seiten, 20 €

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