Kultur : Die Wunde Rumänien

Norman Maneas literarisches Selbstporträt

Katrin Hillgruber

„Der verlorene Brief“ heißt eine der beliebtesten rumänischen Komödien, die seit 1884 in mehr als 40 Ländern gespielt wurde. In Ion Luca Caragiales Lustspiel geht es um den Wahlkampf in einer Kleinstadt, in dem ein kompromittierender Liebesbrief auftaucht und die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Schon Norman Maneas 1995 auf Deutsch erschienener Roman „Der schwarze Briefumschlag“ ließ sich als düstere Kontrafaktur des „Verlorenen Briefes“ in der tragikomischen Vermischung von Politik und Einzelschicksal lesen. Die Zensoren hatten einst vor dem verrätselten Stil dieses Epos vom vergeudeten Leben unter der Ceausescu-Diktatur kapituliert und ließen es erscheinen.

Norman Maneas artistische Autobiografie „Die Rückkehr des Hooligan“ (aus dem Rumänischen von Georg Aescht, Hanser Verlag, 24,90 €) greift unter dem finster-byzanthinischen Stichwort „Jormania-Syndrom“ den rumänischen „Selbsthass auf die süße Tour“ auf, den eben jener Caragiale mit „Küsschen, Küsschen, Platz der Unabhängigkeit“ chiffrierte. Unübersetzbar sei diese Redewendung, schreibt Manea, „unübersetzbar wie die rumänische Seele. Unübersetzbar wie jene unübersetzbare Welt voller Zauber und Scheiße. Nein, glaub mir, die Rumänen haben nicht abwarten müssen, bis Sartre ihnen sagte, dass die Hölle die anderen sind. Die Hölle kann süß und weich sein wie der Sumpf.“ Die „enge, untrennbare Zusammenarbeit von Gut und Böse“ erklärt er zum Nationalcharakter. In seinem farb- und metaphernreichen Werk löst Manea diese Gegensätzlichkeit auch nie auf.

Der serbische Dichter Charles Simic, der sich mit Manea im gemeinsamen Exil USA anfreundete und ähnliche Erfahrungen der Selbstentfremdung teilt, nannte „Die Rückkehr des Hooligan“ ein „Buch der Wut und eine Chronik der gequälten Seele“. „Hooligan“ bezeichnet in Anlehnung an einen 1935 publizierten Essay von Mihail Sebastian keinen Fußballrowdy, sondern einen Antibourgeois. Maneas Solitär, der sich in keinen Gattungsbegriff fügt, stellt vor allem ein weiteres scrisoare pierduta dar: das verlorene Schriftstück eines Patrioten, dessen Heimatland es ihm schwer gemacht hat. Diesmal ist es jedoch kein Brief, sondern ein blauer Notizblock, der zum Symbol seiner Rumänienreise wird. Er tritt sie im Frühjahr 1997 an, elf Jahre, nachdem er das Land in Richtung Berlin und später New York verlassen hatte. Am Schluss vergisst er seine Aufzeichnungen einfach im Flugzeug.

Die sentimentalische bis gallenbittere Stippvisite bildet die Klammer des Buches: Philip Roth empfiehlt seinem Kollegen eingangs, endlich nach Rumänien zu fahren, um sein „osteuropäisches Syndrom“ zu heilen. Wenn das so einfach wäre: Norman Manea wurde 1936 in der Bukowina geboren. 1941 wurde seine jüdische Familie mit 200000 Leidensgenossen unter der faschistischen, mit Deutschland verbündeten Antonescu-Diktatur in ein Arbeitslager nach Transnistrien, einer neu geschaffenen Region in der Ukraine, deportiert. Die Hälfte der Verschleppten kam ums Leben, darunter Maneas Großeltern. „Gepanzert in meinem Entsetzen“ erlebt der Fünfjährige diese erste Eisenbahnfahrt, 1945 wird er „Jahrhunderte später“ repatriiert werden – das Entsetzen hat ihn innerlich zum Greis altern lassen.

Im Sozialismus beteiligt er sich als Pionier am „Projekt des universellen Glücks“, bis er sich vom Kollektivismus abwendet. 1958 fällt sein Vater durch vermeintliche Bestechung in Ungnade und wird verhaftet, „Misstrauen und Zweifel nisteten sich nach und nach in der Küche und im Schlafzimmer, im Schlaf und in der Sprache und im Habitus ein.“ Dieses Grundgefühl mündet 1981 in ein Interview, in dem Manea den schwelenden Nationalismus und Antisemitismus im Land beklagt – und prompt zum Staatsfeind wird. Doch erst am 16. Juni 1986 findet sein persönlicher „Bloomsday“ statt: die Ausreise aus dem „sozialistischen Dublin“ Bukarest.

Wie in „Der schwarze Briefumschlag“ antwortet Manea auf die Wirklichkeit der Diktatur mit höhnischem Gelächter, blitzend sarkastischen Sprachkaskaden und Bildern, die die Tradition des Surrealismus bewahren. Politische Anklage und synästhetische Eigenwelt halten sich die Waage. Der „Mystik des Sinnlosen“ begegnet der selbsterklärte „Dumme August“ im Tourneetheater der Geschichte mit dem Humor aller wahren Clowns. „Was ist die Einsamkeit des Dichters“, zitiert er eine Frage an seinen Landsmann Paul Celan, der darauf antwortete: „eine Zirkusnummer ohne Ansage“.

Norman Manea liest heute um 20 Uhr im Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße.

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