Kultur : Die Wunderkinder

Die Messen für zeitgenössische Kunst setzen auf Glamour – und gedeihen wie nie zuvor

Eva Karcher

Was für ein Jahr! Im hoch wogenden Meer aus Euphorie und Hysterie, Preisrekorden und Gala-Dinners, ausverkauften Messekojen und Wartelisten fühlte sich mancher Insider des zeitgenössischen Kunstmarkts der Glückstrunkenheit nahe, bisweilen dem Ertrinken – im eigenen Erfolg. Mit der Arco in Madrid setzte Anfang Februar ein Ansturm auf Kunst der klassischen Moderne bis hin zur jüngsten Gegenwart ein, der sich während der Frühjahrs- und Herbstauktionen in New York und London stabilisierte und Anfang Dezember in Miami Beach seinen Höhepunkt fand.

Die Art Basel Miami Beach, das tropische Wunderkind der Art Basel, bewies in ihrem bisher glanzvollsten dritten Jahr, dass sie nicht nur die innovativste Veranstaltung ihrer Art ist, sondern auch die mit dem meisten Sexappeal. Sie und die coole Londoner Frieze Art, die erst im Oktober 2003 senkrecht startete, setzen nun Maßstäbe für die neuen Kunstmesse-Strukturen im 21. Jahrhundert.

Styling, Inszenierung und eine Atmosphäre, die der Kunst Glamour statt Bedeutungsschwere verleiht, sind die essenziellen Elemente dieses neuen Looks, der mit dem funktionell drögen Messedesign der neunziger Jahre so viel zu tun hat wie eine Fußgängerzone der achtziger mit einem Shopping Center des Jahres 2000. Ein Paradebeispiel dafür ist das Ambiente, das der britische Stararchitekt David Adjaye für die Frieze entwickelte. In seinem Zelt am Londoner Regent’s Park flanierten die Besucher wie Models über einen langen, schmalen Catwalk in elektrisierendem Neonorange.

Die neuen Lifestyle-Ästheten investieren ihr Geld an den durchweg blütenweißen Ständen in Kunst genauso selbstverständlich wie anderswo in Sessel von Bertoia und das kleine halbtransparente Schwarze von Balenciaga. Nicht mehr um Schocks geht es, sondern um Schönheit – in der Kunst wie im Leben. Ihrer Qualität schadet diese „Fashionisierung“ der Kunst in keiner Weise, sie ist weder oberflächlicher noch dekadenter noch unpolitischer geworden – im Gegenteil. Denn Künstler selbst haben seit Ende der achtziger Jahre das Crossover aller kulturellen und sozialen Bereiche mitinitiiert, sie haben die Möglichkeiten der traditionellen Collage mit Hilfe digitaler Samplingtechniken immer weiter verfeinert. Heute setzen sie direkt an den nervempfindlichsten Schnittstellen von Kunst und Mode, Kunst und Gesellschaft oder Kunst und Wissenschaft an und schaffen so Arbeiten mit politischer Brisanz.

Der aktuelle Hype um die Malerei ist eine Folge dieser Entwicklung. Gemälde scheinen derzeit ein kollektives Bedürfnis nach Originärem, Handwerklichem zu befriedigen, die der Leipziger oder Warschauer Schule sind dabei besonders gefragt. Generell gefallen Werke mit erhöhtem dekorativen, mythenträchtigen, surrealen oder ornamentalen Anteil. Sie stillen bis hin zur virtuos gehandhabten Kitschgrenze ein Bedürfnis nach emotionalerer Kommunikation; das Problem mag höchstens sein, aus den saisonal wechselnden Lieblingsstücken die bleibenden Arbeiten auszuwählen.

Doch dieses Risiko ist Teil des lustvollen Spiels, das auf Messen und Auktionen rund um den Globus mit entsprechenden Geld und großzügigen Sponsoren zelebriert wird. Auch hier sind die Messen in London und Miami Vorreiter beim Entwickeln kluger Allianzen zwischen Kunst und Luxus. Unterstützte die Deutsche Bank Bühnenlicht und Laufsteg-Feeling auf der Frieze Art, so ließ sich die Art Basel Miami Beach die „Art Conversations“ von Bulgari und exklusive Sonderausgaben des Branchenblattes „The Art Newspaper“ von BMW finanzieren.

Diese Synergieeffekte werden auch andere Messen verstärkt verfolgen – wenn sie es nicht bereits tun. Die Arco und das Art Forum in Berlin sind nicht zuletzt dank ihres üppigen Begleitprogramms hervorragende Kontaktbörsen geworden. Profitieren einige Messen wie die art athina oder die Messen in Moskau und Mexiko City noch von einem gewissen Exotik-Bonus, so arbeiten die Fiac in Paris, die arte Fiera Bologna und die Art Cologne weiter fieberhaft an Neukonzeptionen, um im immer härteren Wettbewerb bestehen zu können.

Der globale Markt für Gegenwartskunst wird wohl auch in den kommenden Jahren stabil bleiben, vorausgesetzt er kann die Gier der immer dominanter auftretenden Spekulanten abwehren. Denn sonst droht die Zerstörung des empfindlichen Gleichgewichts zwischen dem Primary Market der Galerien und Messen und dem Secondary Market der Auktionshäuser. Wenn Auktionshäuser zunehmend als eine Art Durchlauferhitzer für immer schnelleren Warenverschleiß benutzt werden, könnten die glamourösen Tage bald gezählt sein.

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